25 Jahre ERP – Wir können auch Zukunft

Die Informationstechnologie steht vor vielen neuen Herausforderungen. Cloud, Industrie 4.0, IoT und digitale Transformation fordern nicht nur von den Anwendern, sondern auch von alteingesessenen Softwareschmieden ein neues Denken. Gunnar Schug, Geschäftsführer der proALPHA Business Solutions GmbH, Weilerbach, berichtet aus seinem Unternehmen.

In den über 25 Jahren, die proALPHA inzwischen erfolgreich mit seiner ERP-Software am Markt agiert, gab es viele Höhen und Tiefen in der IT-Welt. Das hat man bei Ihnen aber alles gut überstanden?

Vieles habe ich selbst erlebt. Ich bin jetzt 18 Jahre bei proALPHA – ich habe noch eine zweistellige Personalnummer – und durfte mitgestalten, mitleiden und mich über viele Erfolge freuen. Den Neue-Markt-Crash habe ich live miterlebt. Wir wollten damals ja auch an die Börse. Dass wir das nicht gemacht haben, war im Nachhinein das Beste, was uns passieren konnte. Drei oder vier Tage vor dem eigentlichen Initial Public Offering haben wir den Börsengang jedoch abgesagt – genau an dem Tag, an dem das Ding so richtig in den Keller ging. Und so ziemlich alle Konkurrenten, die damals am Markt waren, sind anschließend verschwunden, weil sie an die Börse gegangen sind. 

Die Gründerbrüder Leo und Werner Ernst haben sich inzwischen aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen, Mitbegründer Martin Wolf war lange Jahre Geschäftsführer und ich avancierte hier in Weilerbach zum Leiter der Standardentwicklung. Inzwischen hat sich Martin Wolf etwas zurückgezogen. Er konzentriert sich heute auf seine Aufgaben als Leiter unseres Supports und ich bin mittlerweile Geschäftsführer. Wir haben sozusagen die Rollen getauscht. Nach rund 18 Jahren Zusammenarbeit kennen wir uns jedoch so gut, dass wir diesen Rollentausch gut gemeistert haben. 

Wenn ich an die vergangenen Jahre zurückdenke, hat sich Ihr Softwarehaus nie auf bestimmte Branchen spezialisiert. Hat sich das als Vorteil erwiesen?

Man muss immer bedenken, dass die verschiedenen Sparten alle unterschiedlichen Zyklen unterliegen. Wenn es eine Krise gibt, dann sparen die Menschen bei Neuanschaffungen. Das Auto tut es dann noch eine Weile und sie kaufen kein neues. Und schon sind die Automobilzulieferer mit drin in der Krise. Dafür gibt es dann andere Branchen, die noch volle Auftragsbücher haben. Die Krisen, die so die ganze Welt getroffen haben, die sehen wir bei uns eigentlich erst in der zweiten Ableitung. Bei uns steigt dann der Umsatz nicht so stark. Wir hatten bisher kein Jahr, in dem wir weniger hatten als im Jahr zuvor, weder Umsatz noch Ertrag.

 

 

Wir differenzieren uns heute von unseren Wettbewerbern aber nicht nur über die eine Funktion, die nur wir haben. Wenn es so etwas gäbe, würden es die Anderen auch bauen. Daher hat sich in den letzten Jahren unsere Strategie schon ein wenig geändert. Wir sind mit unserem Portfolio zwar breit aufgestellt, aber jetzt fokussieren wir uns mehr auf die Branchen, gehen dort mehr in die Tiefe. Zwar wird es immer Anbieter geben, die eine einzelne Branche besser beherrschen. Aber das ist relativ. Denn nur wenige unserer Kunden sind wirklich nur in einer Branche tätig. Ich denke da an einen Kunden, der baute früher Fernseher. Heute baut er auch Autoradios und ist damit Automobilzulieferer. Und dann produziert dasselbe Unternehmen noch IT-Produkte für einen Hersteller von Netzwerktechnik. In welche Branche muss ich die Firma einordnen? Wenn ich dort sage, ich kann nur Automotive, komme ich erst gar nicht durch die Tür. Da hilft uns unsere breite Aufstellung enorm.

Nachdem Sie jetzt auf die 1.000-Mitarbeiter-Marke zustreben: Gibt es ein bestimmtes Erfolgsmerkmal?

In den Bereichen, in denen wir unterwegs sind, sehen wir uns als Nummer 3. Da ist SAP vor uns, dann Microsoft, dann kommen wir – vom Marktanteil her. Wir adressieren eher die mittleren Unternehmen als Kunden. Und wir haben einige Kunden, die mit uns aus dem Mittelstand herausgewachsen und weiterhin zufrieden mit uns sind. Wir fühlen uns als Mittelständler. Damit sind wir mit unseren Kunden auf Augenhöhe, sie fühlen sich wertgeschätzt. Das ist keine Maskerade, das ist einfach proALPHA. 

Welchen Stellenwert haben die großen Themen wie Cloud, digitale Transformation, IoT und Industrie 4.0 bei Ihnen?

Das sind in der Tat die wichtigen Themen. Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Trotzdem ist die Cloud im deutschen Mittelstand noch nicht so richtig angekommen. In Amerika ist die Adaptionsrate viel größer. Auch Konzerne reagieren wesentlich aufgeschlossener. Und bei den verschiedenen Softwareprogrammen gibt es ebenfalls Unterschiede. ERP aus der Cloud entwickelt sich nur sehr langsam, die Programme drum herum dagegen sehr schnell. Man tauscht eben eher seine Mail-Programme aus als seine Kernprozesse. Wir sehen bei ERP aus der Cloud eine langsam wachsende Nachfrage seitens unserer Kunden. 

Bei denen dürften Digitalisierung und IoT aber auch keine große Rolle spielen. Die dabei entstehenden Datenmengen sind ohne Cloud doch kaum zu handeln?

Es gibt bereits erste Beispiele. Einer unserer Kunden produziert täglich viele, viele Kilometer Kupferdraht, den Sie für die Wicklungen in Elektromotoren brauchen. Dort wurde früher alle zehn Minuten mit der Schieblehre gemessen, ob der Draht zu dick oder zu dünn ist. Wir haben das jetzt auf Sensoren umgestellt, die jede Sekunde messen. Dabei entstehen riesige Datenmengen. Andere unserer Kunden denken in Richtung intelligente Produkte. Einer baut bewegliche, übereinander angeordnete Parkboxen. Früher sind die Techniker auf Rundfahrten geschickt worden und haben die Technik überprüft, egal wie oft die Boxen hoch- und runtergefahren wurden. Heute melden Sensoren die Zahl der Bewegungen und eine Wartung findet erst bei einer definierten Anzahl statt. Aber für diese Prozesse brauche ich eigentlich kein ERP-System aus der Cloud. Die Datenmengen lassen sich in der Cloud verwalten und stoßen bei Bedarf ganz klassisch die Wartung im ERP-System an. Beim Thema IoT fühlen wir uns also ganz gut gerüstet. 

Früher hatten ERP-Systeme ja eher die Tendenz zur Abschottung. Sie wollten alles können und machen. Das haben wir schon vor einigen Jahren geändert, indem wir viele Schnittstellen entwickelt und uns für eine Partnerstrategie entschieden haben. Früher hätten wir versucht, für jede Aufgabe ein eigenes Modul zu entwickeln. Heute suchen wir uns einen kompetenten Partner, liefern die Schnittstelle und erreichen eine optimale Funktionalität. Die Kernprozesse des Unternehmens bleiben im ERP-System, das ist unsere Stärke. Aber wenn der Außendienst seine Reisekostenabrechnung mit einem anderen Programm macht, ist die Anbindung an proALPHA kein Problem.

Wie ist es mit Ihren Modulen? Sie arbeiten doch heute mehr als früher mit Branchenmodulen?

Wir haben erkannt, dass die Breite, in der wir ziemlich gut sind, nicht mehr ausreicht, und wir brauchen auch Beratungskompetenz, die unsere Kunden akzeptieren. Deshalb haben wir Branchenlösungen geschaffen, die aber nicht nur aus Software bestehen, sondern auch aus Beratern, die genau aus der entsprechenden Kundenwelt kommen. Damit versuchen wir immer mehr Branchen spezifisch abzudecken.

Da kommt natürlich wieder das große übergreifende Thema: Die Digitalisierung. Wie gehen Sie das Thema an?

Einerseits versuchen wir die Kunden selber ein bisschen mit auf die Reise zu nehmen – etwa durch Vorträge und andere Events –, um sie zu animieren, etwas mit uns zu machen. Dann arbeiten wir in vielen Partnerschaften mit, etwa mit dem FIR an der RWTH Aachen, der Smart Factory in Kaiserslautern oder einer Pilotfabrik mit der Universität Wien. Zum Thema Industrie 4.0 haben wir heute sechs oder sieben Cases, die erfolgreiche Industrie 4.0-Projekte von proALPHA Kunden zeigen. Es ist schon immer unsere Maxime gewesen, dass wir verstehen müssen, was der Kunde will und was er braucht. Wir müssen seine Prozesse verstehen und daraus die Lösungen entwickeln. Dabei konzentrieren wir uns vor allem auf den Kern, für vieles andere arbeiten wir gegebenenfalls mit kompetenten Partnern. So haben wir die Gesamtprozesse vom Anfang bis zum Ende optimal im Griff. 

Wie sehen Ihre Strategien für die Zukunft aus? 

Wir beobachten genau: Auf wen treffen wir in Konkurrenzsituationen und woran müssen wir noch arbeiten? Manchmal wird man Erster, manchmal eben nicht. Das können wir nicht einfach auf sich beruhen lassen. Dort setzen wir an und suchen nach Ideen und Lösungen. Für den Automotive-Bereich haben wir daher nicht einfach nur ein Produkt, sondern ein richtiges Automobilpaket entwickelt. Dazu gehört neben Automotive-Spezialfunktionen auch eine kompetente Beratung, wodurch wir beispielsweise für Unternehmen, deren System vom bisherigen Anbieter abgekündigt wurde, überaus interessant werden.

Auch das Thema mit den Schnittstellen werden wir definitiv intensivieren. Wir haben bereits vorgefertigte Schnittstellen, und wenn ein Kunde eine braucht, die wir nicht haben, können wir die relativ einfach bauen, weil wir die notwendige Technik haben. Mein Ziel ist, dass im Prinzip alle Funktionen, die ich in proALPHA habe und über die Oberfläche aufrufen kann, auch als Schnittstelle zur Verfügung stehen. Denn ich glaube, dass in ein paar Jahren keine Menschen mehr vor den Computern sitzen. Dafür müssen die Systeme miteinander kommunizieren und interagieren können. 

Mit anderen Worten: Sie können auch Zukunft?

Das war unser Motto zum 25-jährigen Firmenjubiläum: 25 Jahre Zukunft gestalten. In diesem Sinne machen wir genauso weiter. 

Herr Schug, vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Volker Vorburg.
Bild: © Proalpha

 

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