Der deutsche Markt für Self Service Public IaaS

Infrastructure as a Service zählt – neben Software as a Service – zu den originären und wichtigsten Cloud-Computing-Servicesegmenten. Dies gilt hinsichtlich des Innovationspotenzials für die Anwender – Rechen- und Speicherkapazitäten können nutzungsabhängig bezogen und eingekauft werden – sowie hinsichtlich des langfristigen Marktpotenzials. So löst IaaS langsam, aber stetig das klassische Hosting ab. Dies gilt speziell für die neue Generation an web-basierten und mobilen Applikationen. Da sich dieser Transformationsprozess in Schritten vollzieht und die Anwender nicht auf einen Schlag ihr komplettes Anwendungsportfolio inklusive der Enterprise-Workloads in die Cloud verlagern, wird das Marktvolumen in diesem Jahr mit rund 500 Millionen Euro bereits respektabel, aber im Vergleich zum Gesamtmarkt noch verhältnismäßig klein ausfallen. Bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von fast 40 Prozent wird aber schon 2019 fast ein Zwei-Milliarden-Markt auch in Deutschland entstanden sein (1.920 Millionen Euro nach Prognose der Experton Group).

Im »reinrassigen« Self-Service Public-Cloud-Modell werden Rechen- und Speicherkapazität dem Kunden als »Self-Service« zur Verfügung gestellt. Hier greifen Unternehmen über das Internet ohne Zugangsbeschränkung auf entsprechende Cloud-Infrastrukturen und -Services zu. Gegenüber den »Private Clouds« sind für den Kunden in diesem Modell keinerlei unternehmensindividuelle Anpassungen der Infrastruktur oder Service Levels möglich. Der Zugang erfolgt meist über das öffentliche Internet. Es erfolgt in der Regel nur eine Registrierung auf einem öffentlichen Webportal, unter Angabe entsprechender Kontakt- und Zahlungsinformationen. Daraufhin können Anwender die Konfiguration der gewünschten Ressourcen und Services eigenständig vornehmen. Auf dieses Kriterium im Sinne der »reinen Form« der Self-Service-Public-Cloud-Dienste hat die Experton Group in der aktuellen Welle des Cloud Vendor Benchmarks besonderen Wert gelegt. Dies hatte zur Folge, dass einige Anbieter in diesem Jahr keine Berücksichtigung mehr fanden.

grafik experton cloud vendor benchmark

Abbildung: Benefits für IT-Anwender und IT-Anbieter. Quelle: Experton Group AG, 2015.

Die oben genannten Charakteristika determinieren auch die Attraktivität für eine spezielle Kundenklientel, die sich hauptsächlich aus jungen Software- und Internetfirmen sowie einzelnen Entwicklern zusammensetzt, die in kurzer Zeit eine Vielzahl an Konfigurationen aufsetzen, testen und erweitern müssen. Demgegenüber setzen mittelständischen Firmen und Konzerne eher noch auf gemanagte Public Cloud Services.

Die physikalische Infrastruktur (Server, Storage, Netzwerk-Equipment, Rechenzentrumsinfrastruktur) sowie teilweise auch die im Rahmen des Cloud Services genutzten Softwarelizenzen (Betriebssystem, Virtualisierung etc.), sind Eigentum des Cloud-Anbieters und werden von diesem betrieben. Eine Abrechnung erfolgt nutzungsabhängig nach den in Anspruch genommenen beziehungsweise reservierten CPU-Stunden, die nach verschiedenen Parametern beziehungsweise Benchmarks berechnet werden. Wichtig ist zudem, dass im Self-Service Public-Cloud-Modell für IaaS die Kunden ihre Rechenleistung beziehungsweise ihre Storage-Kapazitäten von einer »Shared Infrastructure« beziehen, sich also eine Vielzahl an Nutzern dieselbe Infrastruktur teilen.

Um IaaS im Self-Service Public-Modell überhaupt anbieten zu können, müssen die Cloud Service Provider eine Reihe wesentlicher Anforderungen erfüllen. So ist ein hoher Automatisierungsgrad bei den Buchungs-, Provisionierungs- und Change-Management-Prozessen unerlässlich. Auch sollten die Support- und Serviceprozesse entsprechend automatisiert ablaufen, um auf Anfragen beziehungsweise Neukonfigurationen der Kunden schnell reagieren zu können.

Die neben dem Self-Service-Charakter zentrale Anforderung an die Anbieter von Self-Service Public Cloud IaaS – und somit ein zentrales Bewertungskriterium im Rahmen der Studie – ist die Skalierungsfähigkeit der gesamten Infrastrukturplattform. Denn nur wenn Kunden ihre Anwendung innerhalb kürzester Zeit beziehungsweise automatisiert auf mehrere oder mehrere hundert Systeme skalieren können, ergibt das Self-Service Public-Cloud-Modell überhaupt einen Sinn. So ist evident, dass erhebliche Investitionen in den Ausbau eigener Rechenzentrumsinfrastrukturen notwendig sind, um eine entsprechende Skalierbarkeit zu ermöglichen, zumal auch temporäre Leistungsengpässe die Stabilität der gesamten IaaS-Plattformen gefährden können. Anbieter von Self-Service Public Cloud IaaS müssen daher auch entsprechende Puffer bei der Planung ihrer Server-, Storage- und Netzwerkinfrastrukturen mit einplanen sowie über ein exzellentes Know-how im Bereich Traffic Management und Load Balancing verfügen.

Da sich die Self-Service Public-Cloud-IaaS-Plattformen hauptsächlich zum Betrieb von webbasierten und mobilen Applikationen eignen und sich die Zugriffe daher meist global auffächern, sind mehrere Rechenzentrumstandorte seitens der Anbieter für den Kunden von Vorteil. Auch das zusätzliche Angebot eines sogenannten »Content Delivery Network« ist sinnvoll, um die Auslieferung der Anwendungen und Daten mit einer hohen »Quality of Service« (QoS) zu garantieren.

Im jüngsten Cloud Vendor Benchmark für Deutschland, der im Frühjahr erschien, wurde unter anderem der Markt für Self-Service Public Cloud IaaS untersucht. Die zentralen Bewertungskriterien beziehungsweise Anforderungen an die entsprechenden Anbieter lassen sich darin wie folgt zusammenfassen:

  • Self-Service Portal mit unmittelbarem Service-Zugang
  • Leichter Zugang über Test-&-Trial-Versionen und Preistransparenz
  • Leistungsfähige und extrem elastische Rechenzentrumsinfrastruktur (lokaler Standort vorteilhaft, globales Netz) inkl. CDN Services
  • Breitgefächertes Portfolio an Infrastruktur-Services (Compute Power, Storage für File Services, Netzwerk, Backup etc.)
  • Hoher Allokations- und Automatisierungsgrad der Plattform
  • Nutzungsabhängige Bezahlung – pay as you go
  • Hohe Nutzerfreundlichkeit der Admin-Oberflächen – »ease of use«
  • Breites Partner- und Ökosystem
  • Template Libraries mit vorkonfigurierten Virtual Appliances oder Apps
  • Sicherstellung von Integration und Interoperabilität über gute Dokumentation und APIs

Markttrends: Nähe zählt immer mehr

Selbst in diesem hoch virtualisierten Markt rücken die Anbieter stärker an die Kunden in Deutschland heran. Dies zeigt sich zum einen darin, dass immer häufiger auch der Betrieb aus Data Centers in Deutschland angeboten wird, um so den Datenschutzbedenken der (potenziellen) Kunden Rechnung zu tragen (was sich auch günstig auf die Latenzzeiten auswirkt). Das betrifft sogar einen HyperScaler wie AWS. Somit wird die Public Cloud nach den First Movern wie Entwicklern und Medienunternehmen auch für den »Durchschnittsnutzer« interessant. Der weiteren Markterschließung dienen auch die Ausweitung des indirekten Channels und die Kooperation mit Beratungs- und Integrationspartnern.

Bewertung einzelner Anbieter

Entsprechend der eingangs geschilderten Kriterien erkennt die Experton Group 18 Anbieter im deutschen Markt als relevant. Hiervon konnten sich neun als »Leader« positionieren, ProfitBricks wird als »Rising Star« bewertet.

grafik experton cloud vendor benchmark d

Abbildung: Positionierung der IaaS Self-Service Public Provider in Deutschland. Quelle: Experton Group AG, 2015.

Amazon Web Services (AWS) zählt als Pionier hinsichtlich Self-Service Public Cloud IaaS weiterhin zu den führenden Anbietern in diesem Markt – und konnte seine Position sogar noch weiter ausbauen. Seit Herbst 2014 kann Amazon nun ein Rechenzentrum in Deutschland (Frankfurt/Main) vorweisen und adressiert damit die Bedenken, die viele Business-Nutzer bisher hinsichtlich des Datenschutzes hatten und daher Abstand von den AWS-Diensten nahmen. Darüber hinaus profitieren die Kunden hierzulande durch die lokale Bereitstellung von kürzeren Latenzzeiten als bisher.

Bereits zuvor hatte Amazon die Zeichen der Zeit gedeutet und erkannt, dass Cloud-Services in professionellen Nutzungsumgebungen der Integration in die ICT-Landschaft bedürfen. Daher hat Amazon mit dem mittelständischen IT-Dienstleister Beck et al. eine strategische Partnerschaft geschlossen. Seitdem konnte Amazon einige neue Kunden gewinnen.

Das umfassende Public-IaaS-Angebot von Amazon ist ansonsten lückenlos und bedient alle Anforderungen von Rechenkapazität, über Speicher, Datenbanken, Network bis zu Content Delivery Services. Darüber hinaus kann der Kunde umfangreiche Dienstleistungen in Anspruch nehmen, bis auf Security-, Update- & Patch-Management.

Mit der Devise »Cloud first« bekennt sich Microsoft strategisch klar zu diesem Bereitstellungsmodell. Und dies ist nicht nur ein Lippenbekenntnis: Microsoft investiert massiv in Cloud-Dienste. Erst seit 2013 mit IaaS auf dem Markt präsent, kann sich Microsoft mit seiner Azure-Plattform erneut als führender Anbieter im Self-Service Public-Cloud-IaaS-Markt profilieren. Die IaaS-Services sind übersichtlich strukturiert, und das Azure-Portal bietet eine große Transparenz sowie ein gutes Handling für Planungs- und Bestellprozesse. Das umfassende Public-IaaS-Angebot von Microsoft ist lückenlos und bedient alle Anforderungen von Rechenkapazität, über Speicher, Datenbanken, Network bis zu Content Delivery Services. Darüber hinaus kann der Kunde umfangreiche Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Allerdings wirkt sich in diesem Jahr abschwächend auf die Wettbewerbsstärke von Microsoft aus, dass das Unternehmen noch immer keine Bereitstellung aus einem deutschen Rechenzentrum offerieren kann. Einige Wettbewerber – insbesondere ist hier natürlich der schärfste Rivale Amazon zu nennen – sind dagegen in den vergangenen Monaten in dieser Hinsicht den Bedürfnissen der potenziellen Kunden entgegengekommen.

Eine wichtige Rolle in der weiteren Wachstumsstrategie kommt nach wie vor Microsofts Partnern zu. Hier wird es darauf ankommen, diese angemessen abzuholen und in die Cloud mitzunehmen, indem Bedenken ausgeräumt werden – was auch zunehmend besser gelingt.

Bereits im vergangenen Jahr konnte sich T-Systems als Neueinsteiger im Self-Service Public-Cloud-Markt auf Anhieb als Leader im Cloud Vendor Benchmark platzieren. Diese Positionierung baute die Großkunden-Tochter der Telekom in den vergangenen Monaten weiter aus und verbesserte sich insbesondere hinsichtlich der Portfolio-Attraktivität. Dazu trug maßgeblich der Ausbau des Angebotes bei, das nun nahezu lückenlos ist und beispielsweise jetzt auch Archivspeicher umfasst. Im Rahmen der Dynamic Services for Infrastructure vCloud (DSI vCloud) können Kunden über das Portal »shop.t-systems.de« nach Bedarf IaaS-Kapazitäten vollautomatisiert buchen. Die Self-Service Public-Cloud-Kunden von T-Systems profitieren von der hohen Kompetenz aus dem Managed- und Private-Cloud-Sektor hinsichtlich der Bereitstellung von Cloud- und flankierenden Services, die in das Self-Service Public-Cloud-Segment transferiert werden konnte. Ein starker Wettbewerbsfaktor von T-Systems ist – neben der Etablierung im deutschen Enterprise-Markt – die End-to-End-Verantwortlichkeit, die sich aus der Kombination eines eigenen Netzes mit Cloud Services aus deutschen Rechenzentren (unter den strengen Regeln des deutschen Datenschutzgesetzes) ergibt.

Nachdem sich Atos mit Canopy vergangenes Jahr erstmals – auf Anhieb – im Leader-Quadranten platzieren konnte, konnte der Anbieter seine Positionierung inzwischen noch deutlich ausbauen. Die Bekanntheit der neuen Marke konnte gesteigert und Neukunden gewonnen werden. Die Nutzer können aus einem äußerst umfangreichen Service-Portfolio wählen, das aus einem deutschen Rechenzentrum bereitgestellt wird. Auch die zahlreichen Zusatzservices lassen kaum Wünsche offen.

Mit den IaaS-Lösungen »Compute Engine« und »Cloud Storage« ist der HyperScaler Google weiterhin als Leader im Markt für Public-Cloud-IaaS positioniert. Als Infrastruktur für den Service dienen die Google-eigenen Hochleistungsrechenzentren und Glasfaserleitungen. Dadurch sind der Skalierbarkeit der Services praktische keine Grenzen setzt.

Negativ fällt bei Google immer noch die mangelnde Nähe zu den deutschen Unternehmensanwendern ins Gewicht. Hier muss Google deutlich u.a. mehr in den Aufbau von Vertrauen investierten, um sich die lukrativen Enterprise-Deals zu sichern. Auch reicht die Bekanntheit der Lösung noch lange nicht an AWS und Microsoft Azure heran. Für Google bleibt trotz eines erstklassigen Service vieles zu tun, um den Markt zu überzeugen.

IBM hat mit seinem Softlayer-Offering eine attraktive und umfangreiche Self-Service IaaS-Plattform im Programm. Diese umfasst u.a. Bare-Metal-Server, virtuelle Server, Speicher, Sicherheitsdienste und Netzwerktechnologien. Seit Jahresanfang sind diese Leistungen noch interessanter für den deutschen Markt, da IBM in Europa neben Softlayer-Rechenzentren in Amsterdam, London und Paris nun auch ein Rechenzentrum in Frankfurt am Main betreibt.

Mit der HP Helion Public Cloud bietet Hewlett-Packard eine transparente Public-IaaS-Lösung, die auf der OpenStack-Technologie basiert. Die Lösung bietet ein recht umfangreiches Angebot aus u.a. Rechenleistung, (Archiv-) Speicher, relationalen Datenbanken und Content Delivery Service, flankiert von vielfältigen Zusatzfeatures. Darüber hinaus ist der Bezug aus dem deutschen Rechenzentrum möglich. Im Sinne offener Cloud-Lösungen, die nicht von einem bestimmten Anbieter abhängig sind, hat HP ein Netzwerk aus Partnerlösungen aufgebaut.

Host Europe ist auch weiterhin der einzige (ehemalige) Webhoster, der es in den Leader-Quadranten geschafft – und sich hier weiterhin gehalten hat. Das Unternehmen profitiert dabei nach wie vor von der Übernahme von Telefónica Online Services. Das Offering bietet Lösungen für die wesentlichen Anforderungen zu Computing, Storage, Datenbanken und auch Content Delivery Services.

Nachdem sich BT in der letztjährigen Welle des Cloud Vendor Benchmarks auf Anhieb im Leader-Quadranten platzieren konnte, gelang es dem Private- und Managed-Cloud-Experten, die Positionierung im Self-Service Public-Cloud-Markt – auch unter den »schärferen« Kriterien – noch zu verbessern. BT Cloud Compute bietet nicht nur ein umfangreiches Angebot an IaaS-Leistungen, sondern stellt Enterprise-Class-Performance und Sicherheit durch entsprechende Blade-Server- und Storage-Technologie sowie redundantes Design sicher. Entsprechend dem Grundsatz »Location matters« kann der BT-Kunde wählen, wo seine Daten verarbeitet und gespeichert werden – auch in Deutschland. Ebenso ist der Helpdesk deutschsprachig. Als Carrier hat BT zudem den Vorteil, End-to-End-SLAs bieten zu können.

Als »Rising Star« – also einen Provider mit starken Voraussetzungen für eine zukünftige »Leader«-Position – im Self-Service Public-Cloud-Segment hat die Experton Group ProfitBricks identifiziert. Das Berliner Unternehmen wurde 2010 gegründet und ist bereits auf über 100 Mitarbeiter angewachsen. Es ist spezialisiert auf Rechen- und Speicherkapazitäten aus der Public Cloud, die aus zertifizierten, geographisch redundanten Rechenzentren in Deutschland bereitgestellt werden. Die Virtual-Datacenter-Technologie von ProfitBricks ermöglicht die einfache Migration in die Self-Service Public Cloud. Schmackhaft macht dies ProfitBricks auch mit dem Anspruch des günstigen Preis-/Leistungsverhältnisses. Mit einem zunehmenden Ausbau des Partner-Channels schafft sich das Unternehmen eine Basis für die weitere Marktdurchdringung.

Frank Heuer

Weitere Informationen zum Cloud Vendor Benchmark 2015 finden Sie hier. http://www.experton-group.de/research/studien/cloud-vendor-benchmark-2015/studie.html

Weitere Artikel zu