Digitale Transformation: Es gibt einen fundamentalen und teilweise schmerzhaften Wandel

Das Internet der Dinge zwingt Unternehmen zu Kulturwandel und neuen Geschäftsmodellen.

Das Internet of Things (IoT) gilt als Hoffnungsträger für alle Technologiebranchen, die klassische IT wächst immer mehr mit traditionellen Branchen von der Fertigung bis zu Services zusammen. Welche Unternehmen in der Praxis heute schon profitieren, welche Risiken den Zauderern drohen und welche neuen Geschäftsmodelle sich eröffnen, diskutierte der Presse-Roundtable ›IT-meets-Press‹ unter dem Titel »Business-Case »Internet der Dinge« – wie Unternehmen sich für das digitale Geschäft aufstellen« am 24. September in München.

foto Diskussionsrunde IoT-Bieler-Endres-Mombaur-Schinzel-Höppner-Zilch-WItte

Von links nach rechts: Dan Bieler, Thomas Endres, Patrick Mombaur, Frank Schinzel, Karsten Höppner, Andreas Zilch, Christoph Witte

Aktuelle Trendthemen aus der Technologie- und Geschäftswelt im Rahmen einer Expertenrunde zu erörtern und darüber einen interaktiven Meinungsaustausch anzustoßen – zum sechsten Mal ist dieses Format nun erfolgreich in München »über die Bühne« gegangen. Die hochkarätig besetzte Podiumsrunde vor zahlreichen IT- und Wirtschaftsjournalisten eröffnete Keynote-Sprecher Andreas Zilch vom Analystenhaus PAC, dazu gesellten sich führende Vertreter der Unternehmen Accenture, Forrester Research, PAC, PTC, Q_PERIOR, Sopra Steria Consulting sowie der IT-Anwenderorganisation VOICE e.V. Konkrete Anwendungsbeispiele aus der IoT-Praxis steuerten schließlich Vertreter von Carl Zeiss und Munich RE bei.

Die IT sitzt nicht mehr im ›Drivers seat‹

Zum Einstieg steckte Andreas Zilch, Senior Vice President bei PAC, das Thema schon einmal definitorisch ab. Internet der Dinge und Industrie 4.0 stehen begrifflich eng zusammen und markieren aktuell zwei Kernbereiche: Smart Factory steht für mit Sensortechnik aufgerüstete und prozessoptimierte Industrieproduktion, die hierzulande bereits weit entwickelt ist. Das Pendant dazu sind Smart Services, wie es sie in der IT schon lange gibt, mit serviceorientierten Architekturen oder Pay-per-use-Modellen.

Eine erste Kontroverse löste Zilch mit seiner Feststellung aus, dass die IT-Organisationen in den Unternehmen ihre einstige Rolle als Technologietreiber vielerorts abgegeben hätten und nicht mehr im »Drivers seat« säßen. »Die CIOs konzentrieren sich auf das Aufrechterhalten des laufenden Betriebs vom Rechenzentrum bis zu den Arbeitsplätzen und vernachlässigen Innovationsthemen«, so der Analyst. Dem widersprach Thomas Endres vom VOICE-Anwenderverband: »Wenn eine Firma stillsteht oder Dinge schieflaufen, dann steht der sichere Betrieb plötzlich ganz oben auf der Agenda. Gleichwohl sollte man Innovationen immer im Blick haben und durchaus auch mal das eigene Geschäftsmodell hinterfragen.«

Offenbar wird diese Problematik aber je nach Branche unterschiedlich wahrgenommen, wie Karsten Höppner, Vorstandsvorsitzender der Business- und IT-Beratung Q_PERIOR anmerkte: »In unserem Kundenkreis, bei den Versicherern, treibt die IT die Innovationen. Mit Themen wie Big Data liefert sie entscheidende Impulse für die Weiterentwicklung der Geschäftsbereiche.« Urs M. Krämer, Geschäftsführer von Sopra Steria Consulting, wies darauf hin, dass eine reine Fokussierung auf ein Fachgebiet heute ohnehin nicht mehr ausreiche: »Wir brauchen Leute, die sowohl Fachprozesse als auch Technologien können. Wenn die IT über In-Memory-Technologie verfügt, kann der Fachbereich damit bei der Betrugserkennung mit ganz neuen Lösungen ansetzen.«

Produkte kommunizieren mit dem Hersteller

Wie im Internet of Things die Dinge ins Spiel kommen, erklärte Patrick Mombaur, Senior Vice President bei PTC Global Services. Die Vernetzung von Komponenten und Produkten wie Kugellager, Waschmaschinen oder Schwerlastkränen ermögliche neuartige Geschäftsmodelle, die sich auf zwei Kernbereiche zusammenfassen lassen: Verbesserung von Serviceleistungen durch Informationsübermittlung sowie die Optimierung von Produkten anhand von Daten aus dem laufenden Einsatz. »In den USA sieht man das zum Beispiel bei den Autoversicherungen, die immer öfter mit Telemetrie-basierenden Tarifen verkauft werden. Auch Smart Farming ist ein boomender Zweig, wo sich mit Hilfe von Sensoren der Wasser-und Düngemitteleinsatz effizienter steuern lässt.«

Nicht zu unterschätzen sei hierbei das Datenschutz-Paradox, merkte Forrester-Analyst Dan Bieler an: »Die Kunden wünschen heute immer individuellere, auf ihre Wünsche zugeschnittene Produkte und Dienstleistungen, aber sie sind nach wie vor nicht bereit, dafür Privatsphäre aufzugeben.«

Marcus Jacob von Carl Zeiss Microscopy schilderte anschließend, wie sein Unternehmen den Endgeräteservice auf Basis einer PTC-IoT-Infrastruktur neu organisiert. Mikroskope, die bei industriellen oder wissenschaftlichen Kunden installiert sind, senden selbsttätig servicerelevante Informationen an den Hersteller und legen bei Bedarf auch Tickets an. »Wir erreichten damit eine deutlich gestiegene Kundenzufriedenheit, weil unser Service bereits aktiv wird, bevor die Anwender einen Defekt bemerken.«

›Connected Waschmittel‹ verbindet Hersteller und Verbraucher

Wie müssen sich Unternehmen organisatorisch neu aufstellen, um im Internet der Dinge zu bestehen? Frank Schinzel, Managing Director bei Accenture Digital, schwebt dazu ein Modell digitaler Ökosysteme vor, in dem Unternehmen über unterschiedlichste Branchen hinweg kooperieren. Als Beispiel nannte er den Reifenhersteller Michelin, der damit begonnen hat, Sensoren in Pneus zu integrieren, um auf dieser Basis Services zu verkaufen. Ökosystem-Partner sind hier unter anderem Telekommunikationsunternehmen für den Datentransport, Banken für Abrechnungsmodelle und schließlich Versicherer. Bezüglich der weiteren Entwicklung kann er sich zukünftig auch Konsumgüter wie »Connected-Waschmittel« vorstellen: »Wenn ein Waschmittelhersteller Sensoren in seine Verpackungen einbaut und den Kunden eine entsprechende App bereit stellt, erfährt er, wann der Vorrat beim Endkunden zu Ende geht. Er hat dann die Kundendaten und kann so ohne den Umweg über den Handel Kontakt mit dem Kunden aufnehmen und ihn direkt beliefern«, ergänzte Schinzel.

Google weiß, was Versicherer und Banken nicht wissen

In der Banken- und Versicherungsbranche ist Digitalisierung nicht wirklich neu. Doch die Diskussionsrunde war sich einig, dass Internet-Player wie Google, Paypal oder die jungen Vergleichsportale eine große Gefahr für deren angestammtes Geschäft darstellen. »Versicherer kennen ihre Kunden nicht, Google hingegen weiß alles über sie. So könnte der Suchgigant schon bald die User direkt adressieren, das Kerngeschäft die Versicherer und Banken wäre massiv bedroht«, warnte Zilch. Höppner sieht hingegen kurzfristig keine existenziellen Gefahren, da die Branche noch gut von langfristigen Verträgen lebe. Auch die von Teilnehmern vorgebrachte Kritik an zögerlichen Managern teilte er nicht: »Die Vorstände sind sich der aktuellen Risiken bewusst, und sie investieren auch in neue Technologien, um neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen.«

Wie sich die eher konservativen Finanz- und Versicherungsbranche auf zukünftige Szenarien besser einstellen und agiler werden kann, schilderte Johannes Plenio von der Munich RE. Im Rahmen einer Big-Data-Initiative bildete sich dort ein Innovationsteam, das aus 200 Ideen fünf auswählte und binnen eines halben Jahres umsetzte. Eine davon war ein Early-Loss-Detection-System, das selbsttätig das Internet nach weltweiten Schadensfällen durchforstet. Statt wie bisher zeitverzögert und lückenhaft Informationen über Schäden zu erfahren, sammelt der Rückversicherer nun automatisiert, schnell und flächendeckend Schadensinformationen aus externen Quellen. Auf dieser Basis kann die Munich RE seinen Kunden auch diverse zusätzliche Informationsdienste anbieten.

Durch die Unternehmen muss ein Ruck gehen

Im letzten Themenblock befasst sich die Runde mit der Frage, wie sich Unternehmenskulturen ändern müssen, um gerüstet zu sein für das Internet der Dinge. Krämer plädiert bei derlei schwierigen Aufgaben für radikale Ansätze: »Organisationen evolutionär auf komplexe Zukunftsaufgaben vorzubereiten ist schwierig. Durch die Unternehmen muss ein Ruck gehen. Endres pflichtete ihm bei, dass viele Unternehmen sich grundlegend hinterfragen und dabei auch ganz oben die Entscheidungsprozesse verändern müssten. Statt langwieriger Aufsichtsratsentscheidungen müssten neue Arbeitsformen und höhere Geschwindigkeiten Einzug halten.

Fazit

Die Teilnehmer des Presse-Roundtables waren sich einig, dass das Internet der Dinge und Industrie 4.0 zunehmend die Geschäftswelt beeinflussen wird. Dabei findet man einerseits Vertreter traditioneller Branchen, die sich mittels Vernetzung und Datenanalyse neu erfunden haben. Gleichzeitig zeichnen sich für manche Sparten bedrohliche Szenarien ab, wenn zu zögerlich agiert oder die Themen verdrängt werden. Vieles spricht für einen fundamentalen und teilweise schmerzhaften Wandel. Das kann, wie es ein Teilnehmer formulierte, in eine dramatische Marktbereinigung münden. Oder, aus etwas stoischerem Blickwinkel eines anderen Teilnehmers, heißen: Die immer größer Menge an Informationen, die auch außerhalb der Unternehmen zur Verfügung steht, führt immer schneller zu neuen Ordnungen, und nichts wird mehr von langem Bestand sein.

Weitere Beiträge zur Digitalen Transformation

http://ap-verlag.de/traditionelle-unternehmenskulturen-erschweren-die-digitale-transformation/13212/

http://ap-verlag.de/studie-raeumt-mit-mythos-auf-die-digitale-transformation-liegt-nicht-alleine-in-den-haenden-der-jungen-generation/13337/

http://ap-verlag.de/digitale-transformation-43-000-offene-stellen-fuer-it-spezialisten/13789/

http://ap-verlag.de/fuenf-aspekte-fuer-eine-erfolgreiche-digitale-transformation/12886/

http://ap-verlag.de/digitale-transformation-datenanalyse-in-echtzeit-auch-im-mittelstand/11813/

http://ap-verlag.de/digitale-transformation-standardisiert-oder-individuell-angehen/10077/

Weitere Artikel zu