ERP-System mit MES koppeln – Leitstand und BDE steuern die Produktion

ERP-System mit MES koppeln

Deckt das ERP-System die Anforderungen für die Produktion nicht ab, kann mit einem modernen, ausgereiften Manufacturing Execution System (MES) wieder Schwung in die Fabrikation gebracht werden, ohne gleich das ganze ERP-System auszutauschen.

Die Geschichte der Karosseriewerke Dresden beginnt 1864 als Werkstatt für Kutschwagen und Pferdeschlitten. Später baute man Cabrios für Bugatti, Ford, Horch, Mercedes, also einfach alles, was Rang und Namen hatte. 1956 bis 1991 entstand hier vor allem der Wartburg bis schließlich nach der Wende durch eine Kooperation mit Karmann sowie eine Ersatzteilproduktion für BMW und Mercedes eine neue Zeit für die KWD begann. 1994 privatisierte die Schnellecke Group AG & Co. KG den Karosseriebauer und erbaute bereits ein Jahr später das Presswerk in Radeberg und löste die bisherigen Standorte in Dresden auf.

Heute fertigt die KWD Karosseriewerke Dresden GmbH in Radeberg unter anderem für alle deutschen Automobilhersteller einschließlich der gesamten VW-Gruppe sowie internationale Lkw-Hersteller. Das zur KWD Automotive AG & Co. KG, Wolfsburg, gehörende Unternehmen, verfügt über ein breites Produktportfolio von Strukturblechteilen – Press- und Stanzteile sowie komplette Strukturen von der Bodengruppe bis zu Schweißbaugruppen und Verstärkungen – aus Aluminium, Stahl und Edelstahl. Die Entwicklung von Werkzeugen gehört ebenso zum Angebot wie ein Werkstofflabor, Ultraschallprüfungen und 3-D-Messmaschinen. Eine eigene Konstruktionsabteilung bearbeitet Entwicklungsaufträge aus der Automobilindustrie. Das Unternehmen beschäftigt 500 Mitarbeiter.

Unzureichende Produktionssteuerung. Als ERP-System für den Einkauf, den Vertrieb und die Produk-tionssteuerung ist eine Lösung der Planat GmbH im Einsatz. Allerdings war die Auftragsterminierung und Feinplanung nicht zufriedenstellend. »Für die Kollegen in der Produktionssteuerung war das eigentlich nicht mehr akzeptabel. Auch die optische Darstellung ließ an Klarheit zu wünschen übrig«, weiß IT-Leiter Bodo Oppermann. Also hörte er sich um und besuchte vor allem Messen, um entsprechende Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation auszuloten.

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Unter den Messepräsentationen fiel ihm vor allem das MES und der Leitstand der Berliner Psipenta Software Systems GmbH auf: »Wir konnten sehen, dass die Darstellung in diesem Leitstand unserer Auffassung in der Produktion entspricht – wie eine grafische Plantafel, die ich auch auf Papier bringen kann. Mit Farben, die den -Status eines Auftrags signalisieren. Das hat uns gefallen.« Andere in Frage kommende Systeme zielten meist auf eine SAP-Anbindung ab und waren nicht – wie bei Psipenta – offen für Schnittstellen, oder die Anbieter versuchten über die Schnittstellenproblematik das ERP-System zu verdrängen. »Das war aber nicht mein Ziel«, so Oppermann, »ich wollte unser ERP-System mit einem MES koppeln und da war Psipenta mit Abstand die beste Lösung.«

Getestet und für gut befunden. Zunächst einigte man sich auf eine Testinstallation, da Oppermann das System selbst und vor allem mit eigenen Daten erproben wollte. Um Zeit und Geld zu sparen, programmierte er die Schnittstelle zwischen ERP-System und Leitstand selbst. Allerdings ließ sich die vorhandene Personalzeiterfassung nicht integrieren. Deshalb regte er beim Vorstand an, auch die PZ von Psipenta im Leitstand abzubilden und so eine korrekte Schichtzuordnung der Mitarbeiter zu erhalten: »Mit PZ, BDE und Leitstand als komplettes MES haben wir dann die gesamte Schnittstellenproblematik auf ein Minimum reduziert.«

Inzwischen entwickelte sich die Testversion zur akzeptierten und als Steuerungssystem genutzten Liveversion. Presswerk und Rohbau sind komplett im Leitstand abgebildet. Konnte man bisher im Rohbau die Fertigungsaufträge nicht splitten, lässt der Leitstand nun gleich mehrere Möglichkeiten zu: Nach Übergabe eines Auftrags an den Rohbau kann man erst einmal eine gewisse Menge produzieren und den Rest später. Oder man splittet den Auftrag nach der Anzahl der zur Verfügung stehenden Werker und lässt ihn stundenweise an mehreren Tagen erledigen. Die Steuerung erfolgt allein über das MES.

Der gläserne Auftrag. Nach einer Kundenbestellung kontrolliert das ERP-System zunächst den Bestand. Für alles, was jetzt gefertigt werden muss, überprüft man noch den Materialbestand und generiert bei Materialdeckung einen Fertigungsauftrag und übergibt ihn dem Leitstand, einschließlich einer Anzahl an Ressourcen wie Werkzeugen mit ihren Zuständen und Standorten, benötigten Materialien sowie entsprechenden Packmitteln. In den Arbeitsplänen des MES ist hinterlegt, auf welchen Maschinen der Auftrag im Normalfall produziert wird. Dort steht er dann im Arbeitsvorrat und die Werker können ihn in einer vernünftigen zeitlichen Reihenfolge auf den entsprechenden Pressen disponieren.

Sobald der Fertigungsauftrag disponiert ist, wird er an die BDE weitergegeben und das MES kümmert sich automatisch darum. Permanent übergibt die BDE ihre Informationen an den Leitstand, der den Fortschritt des Auftrags mit sich ändernden Balkenlängen visualisiert. Parallel dazu meldet das MES etwa eine Stunde nach Schichtende alle aufgelaufenen Zeiten ans ERP-System. Zudem lassen sich alle Informationen aus dem Leitstand für eine Vielzahl von Reports aus logistischer Sicht oder aus der Sicht der Werker abrufen.

Das System wird gelebt. Die wichtigste Verbesserung besteht für Oppermann darin, dass alle Informationen via Intranet allen Berechtigten zur Verfügung stehen, die sie brauchen. »Es war mir immer ein Dorn im Auge, dass unsere händisch erstellten und ausgedruckten Excel-Tabellen im Moment der Verteilung schon veraltet waren«, so der IT-Leiter. Heute geht man ins Intranet und hat das gesamte Layout des Presswerks – einschließlich der Maschinen, die an der BDE hängen, nach ihrem Status farbcodiert vor sich. Ein Klick auf eine Maschine zeigt sofort die Informationen der BDE oder des Leitstands über ablaufende oder anstehende Fertigungsaufträge, Auftragsmengen und vieles mehr. Für das Management und Controlling ist so ein schneller Überblick über die aktuelle Situation möglich, ohne sich Informationen zusammensuchen zu müssen.

Für Oppermann ist das Projekt MES ein Erfolg. »Es funktioniert, es wird genutzt, es wird gelebt«, meint er und betont vor allem die Flexibilität des Systems, die es ihm erlaubt, mit eigenen Mitteln das System auszubauen und ihm einen individuellen Feinschliff zu verpassen, etwa durch eine noch stärkere Einbindung der Logistik. Auch die Offenheit bei Psipenta, Wünsche der Anwender umzusetzen, hat spürbar die Akzeptanz für das neue System gesteigert. So zeigt sich Oppermann über die Zusammenarbeit mit Psipenta auch ausgesprochen zufrieden: »Die Leute dort wissen, was sie tun. Häufig bieten sie mehrere Lösungen für ein Problem an, von denen man gemeinsam die optimale findet. Das ist partnerschaftliches Arbeiten.«


Volker Vorburg  

Bild: © Quka/shutterstock.com 

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