Erwartungen für das Jahr 2030 – Das Land der Skeptiker und Pessimisten

  • Angst vor Internetkriminalität.
  • Erwartung steigender Mieten.
  • Klimawandel nicht gelöst, aber Sonnen- und Windenergie verlässlich etabliert.
  • Informelle Bildung auf dem Vormarsch.
  • Familie ist das Wichtigste im Leben.

 

 

Es gibt kurzfristige Fragen, die das laufende oder nächste Jahr betreffen. Wer wird Deutschland zukünftig regieren? Bleibt die Wirtschaft stabil? Wer gewinnt die Fußball-Weltmeisterschaft? Wie entwickelt sich die Flüchtlingssituation? Und wie entwickelt sich die Lage in Nordkorea und den USA? All diese Fragen werden zweifellos dieses und das kommende Jahr begleiten.

 

Was aber erwarten die Bundesbürger von der entfernteren Zukunft? Und wie stellen sie sich das Leben im Jahr 2030 vor? Diese Fragen standen im Fokus der neuesten Untersuchung der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Sie befragte hierfür über 2.000 Bundesbürger ab 14 Jahren in persönlichen Interviews zu ihren Erwartungen für das Jahr 2030.

Ein Kernergebnis lautet: Deutschland ist und bleibt in vielerlei Hinsicht das Land der Skeptiker und Pessimisten. So erwarten beispielsweise 84 Prozent der Befragten eine starke Zunahme der Kriminalität im Internet. 2008 waren es »nur« 67 Prozent. Die Angst vor Verbrechen sieht der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Professor Dr. Ulrich Reinhardt, jedoch nicht nur online:

 

»Ob Angst vor Terroranschlägen oder Überfremdung, Einbrüchen oder dem Klimawandel – viele Bundesbürger haben das Gefühl, in unsicheren Zeiten zu leben. Parallel verlieren sie zunehmend das Vertrauen in Politik, Unternehmen und Medien. All diese Institutionen sind daher gefordert, mehr Sicherheit, Beständigkeit und Optimismus zu vermitteln sowie langfristige Lösungswege einzuschlagen.«

 

Als eine durchaus realistische Sicherheitsmaßnahme schätzen die Bürger hierbei u.a. eine flächendeckende Videoüberwachung ein. 71 Prozent glauben, dass sie 2030 Realität sein wird. Vor allem die jüngeren Bundesbürger können sich eine Zukunft vorstellen, in der die Sicherheit wichtiger ist als die Privatsphäre.

 

Auch in anderen Bereichen äußern die Bundesbürger Bedenken. Weder glauben sie an eine Lösung globaler Herausforderungen wie den Klimawandel (26 %), noch zeigen sie sich zuversichtlich bei lokalen Problemen wie der Verbesserung der Wohnraumsituation. So erwartet nicht nur mehr als jeder Zweite (53 %), dass die Warmmiete zukünftig doppelt so hoch sein wird wie die Kaltmiete. Auch gehen zwei Drittel aller Bundesbürger (66 %) von einer zunehmenden räumlichen Spaltung der Gesellschaft aus. Vor allem Besserverdienende können sich vorstellen, 2030 in abgeschotteten Wohnanlagen nur mit ihresgleichen zu leben, während wiederum andere Stadtteile hauptsächlich von Einkommensschwachen bewohnt werden. Letzteres erwarteten 2008 noch deutlich weniger Bundesbürger (53 %).

 

Hoffnungsvoller als in der Vergangenheit begegnen die Bundesbürger dem Klimawandel. Konnte sich 2008 lediglich jeder Achte (12 %) vorstellen, dass der Klimawandel dank technischer Entwicklungen gelöst wird, ist es aktuell immerhin jeder Vierte (26 %). Optimistisch beurteilen zudem fast drei Viertel die Entwicklung der Solar- und Windenergie (2017: 71 %; 2008: 52 %) und erwarten zukünftig, die Hälfte des gesamten Energiebedarfs hiermit abzudecken. So folgerte Reinhardt:

»Berichterstattungen und öffentliche Debatten in Kombination mit staatlichen Fördermaßnahmen haben zu einem Bewusstseinswandel geführt. Der dauerhafte Erhalt der Umwelt liegt immer mehr Bürgern am Herzen, wodurch auch die Bereitschaft, tatsächlich selber etwas für den Erhalt der Natur zu tun, steigt.«

 

Deutlich verändert hat sich der Blick auf die Zukunft der Bildung. Statt klassischer formaler Bildungsinhalte in Schulen und Universitäten erwartet 2030 fast jeder zweite Bürger (44 %) eine Fokussierung auf informelle Bildungsinhalte (etwa Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen). Die Zustimmung zu diesem Statement hat sich seit 2008 verdoppelt (2008: 22 %).

 

In Hinblick auf das Thema Service und Beratung geht fast jeder zweite Bundesbürger (45 %) von einer zunehmenden Bedeutung dessen aus. Die Verdreifachung des Wertes im Vergleich zur Vergangenheit (2008: 15 %) deutet auf ein Ende des gegenwärtigen »Möglichst-günstig-Trends« hin. Laut Reinhardt offenbart diese Antwort auch einen starken Wunsch der Befragten:

 

»Zunehmend mehr Bürger sind es leid, permanent nur nach dem besten Preis zu suchen und trotzdem ständig das Gefühl zu haben, diesen nicht zu finden. Gerade in einer gesättigten Gesellschaft geht es daher immer öfter nicht nur um den Erwerb von Produkten, sondern auch um das Erlebnis des Einkaufens. Man möchte mit allen Sinnen konsumieren, eine gute Beratung vorfinden und sich als Kunde wieder wie ein König fühlen – hierfür ist man dann auch bereit, einen fairen Preis zu bezahlen.«

 

Reinhardt ist sich deshalb sicher: »Zukünftig werden sich nicht nur Anbieter mit den billigsten Angeboten durchsetzen, sondern zunehmend diejenigen mit dem besten Service.«

 

Sehr positiv stehen die Bundesbürger auch dem Thema Familie gegenüber. Die große Mehrheit (91 %) stimmt der Aussage zu: »Familie ist 2030 das Wichtigste im Leben.« Gerade in unruhigen Zeiten beweist sie sich als eine Konstante im Leben und erlebt in jeglicher Hinsicht eine Renaissance. Ebenso zeichnet sich auch ein Anstieg der Mehrgenerationenhaushalte ab, die einerseits finanziell notwendig und anderseits – gerade von der jungen Generation – auch gesucht, geschätzt und gewünscht werden.

 

Ein abschließendes Fazit von Reinhardt lautet: »Das Leben im Jahr 2030 wird in vielen Bereichen anders sein als heute. Die Ängste und Sorgen der Bevölkerung vor diesen Veränderungen müssen ernst genommen werden. Statt nur Antworten auf die Frage ‚Wie werden wir in Zukunft leben?‘ zu suchen, sollte sich zunächst darauf konzentriert werden, wie wir in Zukunft leben wollen. Denn ganz gleich, welche Möglichkeiten wir zukünftig haben, der Mensch mit all seinen Bedürfnissen muss stets im Mittelpunkt aller Veränderungen stehen, so dass das Leben auch in Zukunft lebenswert bleibt.«

 


 

Arbeitskräftemangel in 2030 birgt große Gefahr für Wohlstand und Wachstum

Deutschland könnten in 15 Jahren zwischen 5,8 und 7,7 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Alle Bundesländer sind davon betroffen, die neuen Bundesländer aber besonders stark. Verlust an Wirtschaftsleistung in 2030 bis zu 550 Milliarden Euro möglich.

Vom Babyboom zur Mangelware – der demografische Wandel wird zu einem großen Problem für den deutschen Arbeitsmarkt, denn Fachkräftemangel bremst das Wirtschaftswachstum. Diese Entwicklung wird sich bis 2030 noch verschärfen. In Deutschland könnten so in den kommenden 15 Jahren 5,8 bis 7,7 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Dies geht aus der neuen Studie Die halbierte Generation von The Boston Consulting Group hervor. »Von dieser Arbeitskräftelücke sind alle Bundesländer betroffen. Wenn wir nichts dagegen unternehmen, steht das deutsche Wirtschaftswachstum auf dem Spiel und letztlich auch unser Wohlstand«, sagt Rainer Strack, BCG-Senior-Partner und Autor der Studie. Den Berechnungen zufolge könnten Deutschland aufgrund dieser Lücke in 2030 rund 410 bis 550 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung entgehen.

Arbeitskräfteangebot deckt nicht den Bedarf

In der Studie werden vier verschiedene Szenarien simuliert, wie sich Arbeitskräfteangebot und -bedarf bis 2030 entwickeln könnten, um aus dieser Differenz die Arbeitskräftelücke zu berechnen. Eines der vier Szenarien ist das sogenannte Basisszenario, dem beispielsweise eine optimistische Bevölkerungsentwicklung zugrunde liegt, die bereits eine hohe Nettomigration und eine steigende Erwerbsquote voraussetzt.

In diesem Basisszenario ergibt sich in Deutschland eine Arbeitskräftelücke von 6,1 Millionen im Jahr 2030. In den Bundesländern werden die Lücken unterschiedlich groß sein: Während Bayern das nach absoluten Zahlen höchste Arbeitskräftedefizit von rund 1,2 Millionen verzeichnen könnte, sieht sich Thüringen mit der größten relativen Lücke von minus 28 Prozent konfrontiert. »Vor allem in den neuen Bundesländern wird der Mangel zum großen Problem werden«, sagt Rainer Strack voraus. »Den Verlust von bis zu einem Fünftel der Arbeitskräfte werden diese Regionen kaum verkraften, ohne in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erheblichen Schaden zu nehmen. Bleiben Gegenmaßnahmen aus, sind eine weitere Verödung ländlicher Gebiete, die Abwanderung von Betrieben und das Schrumpfen lokaler Märkte absehbar.«

Hoher Handlungsdruck: Deutschland braucht langfristige Personalstrategie

Das Wachstum der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland – gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf – würde im Verhältnis zu Vergangenheitswerten folglich drastisch zurückgehen: von durchschnittlich 1,3 auf 0,5 Prozent pro Jahr. Der Handlungsdruck für die Beteiligten in Politik und Wirtschaft, diese Auswirkungen abzumildern, ist hoch.

»Wir brauchen eine langfristige Personalplanung – das gilt für Unternehmen wie auch für Deutschland. Im Vergleich zur Kapitalseite, bei der kontinuierlich gemessen wird, wie produktiv Eigen- und Fremdkapital eingesetzt werden, sind viele Unternehmen und eben auch die deutsche Politik von einer vergleichbar intensiven Betrachtung des Vermögenswertes ›Mitarbeiter‹ noch weit entfernt«, resümiert Strack. »Wir müssen uns viel stärker damit auseinandersetzen, welche Mitarbeiter wir jetzt und in Zukunft brauchen, woher sie kommen und wie wir sie bestmöglich ausbilden können.«

[1] Die aktuelle Untersuchung »Die halbierte Generation« ist eine Vertiefung und Weiterentwicklung der BCG-Studie The Global Workforce Crisis. $10 Trillion at Risk aus dem Jahr 2014 über demografische Entwicklungen und ihre Folgen auf weltweiter Ebene. Das Onlineportal findet sich unter www.bcgperspectives.com.

grafik bcg arbeitskräftemangel deutschland 2030

grafik bcg bestimmung von arbeitskräftemangel und -angebot deutschland 2030

grafik bcg treiber arbeitskräfteangebot deutschland 2030

grafik bcg prognose arbeitskräftemangel bip-pro-kopf-modell deutschland 2030


 

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