EU plant 20 Milliarden Euro für künstliche Intelligenz bis 2020 – großer Bedarf an Aufklärung und Entwicklung

In ihrem »Plan für den Ausbau der künstlichen Intelligenz« kündigt die EU weitreichende Investitionen an. So sollen bis zum Jahr 2020 rund 20 Milliarden Euro in diesem Bereich eingesetzt werden, um die europäische Wirtschaft und Gesellschaft fit für die kommenden Entwicklungen zu machen.

Illustration: Geralt Absmeier

Vor dem Hintergrund dieser wichtigen Entscheidung kommentiert Gérard Bauer, VP EMEA bei Vectra, wie wichtig es für die EU ist, sich auf KI zu konzentrieren und in diese Richtung zu investieren:

»Im Moment besteht das Hauptproblem von der KI darin, dass sie nicht klar verstanden wird. Von Natur aus kann Software, die lernt und sich aufgrund ihrer Eingaben verändert, undurchsichtig sein, wenn es darum geht, genau zu verstehen, wie die Entscheidungsfindung letztlich erfolgt. Zu dieser Undurchsichtigkeit kommt die Tendenz hinzu, die KI-Technologie zu vermenschlichen, was vielleicht vom Science-Fiction-Genre breitenwirksam beeinflusst wird. Somit zeigen viele Menschen Unverständnis, wenn es darum geht, KI-Anwendungen zu verstehen und Vertrauen in eine KI zu setzen. Dieser Mangel an Verständnis muss durch gesellschaftlichen Diskurs, Aufklärungsarbeit von Experten, Bildung und direkte Erfahrung bei der Nutzung von KI-basierten Technologien angegangen werden. All dies lässt sich durch Investitionen in die KI unterstützen.

Künstliche Intelligenz ist nicht mehr wegzudenken und wird viele Bereiche unseres Arbeits- und Privatlebens berühren. Sie ist noch wenig präsent an den Arbeitsplätzen der Menschen, aber ihr Einsatz ist »im Hintergrund«, in Bereichen wie der Entscheidungsunterstützung, bereits immer häufiger anzutreffen. Dies führt zu einem zunehmenden Verlangen, zu verstehen, wie autonome Technologien Entscheidungen treffen, anhand dieser Entscheidungen handeln und welchen Einfluss sie auf die Gesellschaft und das Individuum haben. Auch wenn die Argumentation von der KI für individuelle Entscheidungen komplex und undurchsichtig ist, ist klar, dass die KI viel mehr als nur ein technisches Thema ist, sie hat auch soziopolitische Dimensionen.

Die KI am heutigen Arbeitsplatz ist mehr Robocop als SkyNet aus Terminator. Sie erweitert die menschlichen Fähigkeiten so, dass Systeme schnell und in großem Maßstab arbeiten können, was Menschen allein nicht bewältigen können. In diesem Zusammenhang sehen wir zunehmend Beispiele für »Angewandte KI«, die sich auf bestimmte Aufgaben konzentriert, die komplex, datenintensiv, aber in gewisser Weise repetitiv und somit Kandidaten für die Automatisierung sind. Die Biowissenschaften waren, wie auch das Finanzmarketing, ein früher Anknüpfungspunkt für die KI, und in letzter Zeit beobachten wir auch rasante Entwicklungen in der autonomen Logistik.

Darüber hinaus trägt eine KI in der Welt der Cybersicherheit dazu bei, erhebliche berufliche Qualifikations- und Ressourcenlücken zu schließen, und verringert die Zugangsbarriere zu Berufen im Bereich Cybersicherheit. Hier wird eine KI eingesetzt, um Angreifer und Kriminelle zu bekämpfen, indem digitale Kommunikation in Echtzeit analysiert wird, um die versteckten Signale zu erkennen und dadurch gefährliche Vorgänge zu identifizieren. Dies ist eine Aufgabe, die mittlerweile über die Fähigkeiten des Menschen allein hinausgeht. Wenn Menschen mit Hilfe von einer KI in der Lage sind, Cyberangriffe schnell zu erkennen und zu stoppen, bevor diese Chaos anrichten können, sinken die Risiken durch Cyberattacken erheblich.«

 


 

Europa strebt Führungsrolle bei künstlicher Intelligenz an

EU-Kommission stellt KI-Programm vor.

Bitkom begrüßt ambitionierte Ziele und fordert noch entschiedenere Maßnahmen.

Illustration: Absmeier, Seanbeatty

Der Digitalverband Bitkom begrüßt die am 25.4.2018 vorgestellten Pläne der EU-Kommission zur Förderung von künstlicher Intelligenz, fordert zugleich aber noch größere Anstrengungen, damit Europa die angestrebte weltweite Führungsrolle bei dieser Schlüsseltechnologie auch tatsächlich erreichen kann.

»Künstliche Intelligenz steht vor dem Durchbruch und wird sich schon in wenigen Jahren in nahezu jedem Produkt und jeder Dienstleistung wiederfinden. Die damit verbundenen Veränderungen für unsere Wirtschaft und unseren Alltag lassen sich allenfalls mit historischen Weichenstellungen wie etwa der Elektrifizierung oder der Verbreitung des Verbrennungsmotors vergleichen«, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

»Europa und ganz besonders Deutschland waren in den vergangenen Jahrzehnten in der KI-Entwicklung weltweit in der Spitzengruppe, nun geben Länder wie die USA und China das Tempo vor. Dass die EU-Kommission mit einer eigenen KI-Strategie nachlegt, ist richtig. Allerdings bleiben die angekündigten Maßnahmen noch hinter den hochgesteckten Zielen zurück. Wer A sagt und an die Weltspitze will, muss auch B sagen und die dazu nötigen Mittel bereitstellen und Maßnahmen ergreifen. Viel wollen und wenig tun – das wird nicht funktionieren.«

 

Im Mittelpunkt der Ankündigungen der EU-Kommission stehen bis 2020 jährliche Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro für allgemeine Forschung und Entwicklung im Bereich KI. Daneben sollen für diesen Zeitraum insgesamt 500 Millionen Euro über den Europäischer Fonds für strategische Investitionen für KI-Projekte mobilisiert werden. Für den Zeitraum 2021 bis 2027 sind weiter steigende Ausgaben angekündigt, ohne diese zu beziffern.

»Diese Summen können nur ein Anfang sein und müssen im nächsten Haushalt deutlich angehoben werden. Im internationalen Vergleich bewegt sich Europa mit dreistelligen Millionenbeträgen nicht auf Augenhöhe. Auch gemessen an den europäischen Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung ist der Anteil zu niedrig, wenn man bedenkt, welche herausragende Bedeutung KI für die Zukunftsfähigkeit der gesamten Wirtschaft quer durch alle Branchen haben wird«, sagt Berg.

So beträgt allein das Budget für Forschung und Innovation innerhalb des EU-Programms »Horizon 2020« im Zeitraum 2014 bis 2020 mehr als 10 Milliarden Euro pro Jahr. Berg: »Wir müssen weg vom Gießkannenprinzip in der Förderpolitik und hin zu einer Konzentration auf die wichtigsten Technologien mit der größten Hebelwirkung. Und da steht KI ganz vorne.«

Neben höheren Investitionen in Forschung und Entwicklung sollen nach den Plänen der EU-Kommission ein Netzwerk an Digital Innovation Hubs mit KI-Spezialisierung entstehen, und eine sogenannte On-Demand-Plattform aufgebaut werden, die vor allem kleineren und mittleren Unternehmen den Zugang zu neuesten KI-Technologien ermöglicht und sie ermutigt, diese zu testen und einzusetzen.

»Entscheidend ist, dass es der EU gelingt, die bestehenden und künftigen nationalen KI-Initiativen zu koordinieren und deren Austausch untereinander zu fördern, ohne Doppelstrukturen zu etablieren«, so Berg. »Gleichzeitig muss es gelingen, einen regulatorischen Rahmen zu schaffen, der neben der KI-Forschung auch die KI-Anwendung ermöglicht. Niemandem ist geholfen, wenn wir vorne Milliarden in die Grundlagenforschung pumpen und dann verbieten, die neuen Technologien auch in der Praxis einzusetzen, zum Beispiel indem man individualmedizinischen Angeboten einen datenschutzrechtlichen Riegel vorschiebt. Ohne regulatorische Flankierung besteht die ganz reale Gefahr, dass die nun angekündigten Investitionen wirkungslos verpuffen.«

Zugleich will die EU die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt erforschen und eine Expertengruppe einrichten, um eine KI-Ethikrichtlinie zu entwickeln. »Mit den rechtlichen und ethischen Fragen rund um KI müssen wir uns intensiv auseinandersetzen. Ein gesellschaftlicher Konsens ist die Voraussetzung für eine breite Akzeptanz von KI-Systemen, mit denen wir das Leben der Menschen verbessern und unsere Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen können«, sagt Berg.


 


 

 

 

 

 

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