Industrie 4.0 und ERP – Digitalisierung braucht moderne ERP-​Systeme

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Damit die digitale Vernetzung von Produkten und Maschinen tatsächlich einen Mehrwert bietet, braucht es einen zentralen Taktgeber, der sämtliche Prozesse und Anwendungen steuert und integriert. Dirk Bingler, Sprecher der Geschäftsführung bei der GUS Deutschland, erklärt, warum sich das Potenzial von Industrie 4.0 ohne ein modernes ERP-System im Hintergrund nicht ausschöpfen lässt.

Herr Bingler, der Markt bietet inzwischen zahlreiche Technologien für eine digitale industrielle Produktion. Dennoch findet man diese bisher nur selten in der Praxis. Warum? 

Der Aufwand für die Umsetzung durchgängiger digitaler Lösungen ist ganz einfach enorm hoch. Schließlich müssen alle beteiligten IT-Systeme, Sensoren und Maschinen über Schnittstellen miteinander verbunden und die Daten zwischen den Systemen aufeinander abgestimmt werden. Unabhängig vom Aufwand verschlingen solche Projekte schnell Zehntausende Euro.

Welche Rolle spielen ERP-Systeme im Kontext von Industrie 4.0?

Um das volle Potenzial der Digitalisierung zu entfalten, müssen die Abläufe in den betriebswirtschaftlichen Kontext des Unternehmens integriert werden. Denn ohne eine Verbindung zwischen Waren- und Wertefluss macht die smarteste Fabrik keinen Sinn. An dieser Stelle setzen ERP-Systeme an.

Welche Aufgaben übernehmen die ERP-Anwendungen konkret?

Neben der Verwaltung sämtlicher Stammdaten, Stücklisten etc. lassen sich zum Beispiel jedem einzelnen Auftrag die Verbrauchsmaterialien, Zeiten und Kosten zuordnen. Dies schafft wiederum die Grundlage für die weitere Kalkulation. Außerdem liefert das ERP-System zusätzliche Informationen zu Produktionsaufträgen, die für eine Optimierung der Prozesse unerlässlich sind. Dazu gehören Lieferverpflichtungen, Pönale oder eine Kategorisierung des Kunden. Und schließlich sorgt das ERP-Rückgrat mit integrierten Funktionen zu Auftragsverwaltung, Einkauf oder Vertrieb auch für die nötigen Schnittstellen zu Kunden und Lieferanten. Das ERP-System dient somit als eine Art Integrationshub für ein sinnvolles Zusammenspiel aller Bereiche – immer mit Blick auf die Geschäftsziele des Unternehmens.

Worin besteht Ihrer Ansicht nach die größte Herausforderung? 

In erster Linie geht es darum, einen kontinuierlichen Datenfluss zu gewährleisten. Dieser erfordert wiederum eine Vernetzung über die Cloud beziehungsweise über IoT-Plattformen (IoT = Internet of Things, Internet der Dinge). Diese IoT-Plattformen sind eine zwingende Voraussetzung für die neue Rolle der ERP-Systeme als Integrationshub. Sie ermöglichen eine Orchestrierung von übergreifenden Geschäftsprozessen entlang der Supply-Chain und fungieren als Hub zwischen ERP-System, MES (Manufacturing Execution System), Maschinen und »intelligenten« Werkstücken.

Wie müssen ERP-Systeme beschaffen sein, um den Anforderungen von Industrie 4.0 gerecht zu werden?

Der Trend geht heute ganz klar weg von monolithischen Mega-Suiten hin zu smarten miteinander verbundenen Funktionsbausteinen, die sich je nach Anforderung individuell zusammenstellen lassen. Ebenfalls eine Grundvoraussetzung für Industrie 4.0 ist die Vernetzung von ERP-Systemen mit mobilen Endgeräten, Apps und Maschinen. Die Basis dafür bilden offene ERP-Systeme, die sich über die Cloud mit anderen IT-Systemen oder Cyber-Physical-Systemen im Internet der Dinge vernetzen.

Wie wichtig ist heute die Benutzerfreundlichkeit der Systeme?

Speziell die jüngere Anwender-Generation erwartet von ihrer ERP-Software eine ähnlich intuitive Oberfläche, wie sie es von Facebook, Twitter und Co. oder ihren privaten Smartphones gewöhnt ist. Moderne Benutzeroberflächen passen sich heute den verschiedenen Endgeräten, wie zum Beispiel Smartphones oder Industrie-PCs, automatisch an. Einige Hersteller bieten auch die Möglichkeit, Oberflächen je nach Anwendungsfall individuell zu konfigurieren. Unsere GUS-OS Suite verfügt beispielsweise über interaktive Regiezentren, mit denen die Nutzer rollen- oder aufgabenbasierte Sichten erstellen, individuelle Layouts generieren sowie einzelne Felder einfärben, sortieren und editieren können.

Mehr Vernetzung bedeutet auch mehr Daten. Wie wirkt sich das auf die ERP-Systeme aus?

Nicht nur die Menge wird größer, sondern auch die Art der Informationen verändert sich: Während wir es früher überwiegend mit strukturierten Daten zu tun hatten, nehmen im digitalen Zeitalter die Bedeutung und die Menge unstrukturierter Informationen, wie zum Beispiel Sensordaten aus der Produktion oder Kundenfeedback aus sozialen Netzwerken, zu. Moderne ERP-Systeme müssen daher Technologien für die Speicherung, Verarbeitung und Analyse von großen Datenmengen (Big Data) bereitstellen und sinnvoll integrieren. Hierzu zählen dokument-orientierte NoSQL- oder In-Memory-Datenbanken, die durch ihre effiziente Datenstruktur den Arbeitsspeicher eines Computers zur schnellen Analyse großer Informationsmengen nutzen.

Wie verändern sich Planungsprozesse im Zuge der Digitalisierung?

Mittels künstlicher Intelligenz und »Predictive Analytics«, also der Mutmaßung über anstehende Entwicklungen und Geschäftsvorfälle, gilt es, Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Informationen zu erkennen, um so zukünftige Ereignisse vorhersagen zu können. Hierfür bietet sich die Cloud als ideale Plattform an, da sich dort Speicherplatz und Rechenleistung für das »Crunching«, also die Verarbeitung der Daten, flexibel zuschalten lassen. Das ERP-System in der Industrie 4.0 nutzt die Intelligenz dieser Cloud-Services und integriert sie nahtlos in die eigenen Planungsprozesse. Das verbessert wiederum die Prognosegenauigkeit und ermöglicht es Unternehmen, dynamisch auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren.

Was raten Sie ERP-Herstellern?

Mit der zunehmenden Digitalisierung müssen die Unternehmen ihre Software nicht nur an die veränderten Marktbedingungen anpassen. Sie sind zusätzlich gefordert, sich vom reinen Systemanbieter schrittweise zum Systemintegrator zu entwickeln. Ziel sollte es vor allem sein, die Kunden stärker hinsichtlich der Prozesse und deren Einbindung im Unternehmen zu beraten.

Herr Bingler, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Titelbild: © SFIO CRACHO/shutterstock.com 

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