Interview – ERP-Konzentrat aus fünf Kontinenten

Wilfried Gschneidinger,  CEO IFS Europe Central

Wer bei Global Player und ERP nur an SAP und Microsoft denkt, hat IFS vergessen. IFS? Nach den beiden World Conferences der vergangenen Jahre in Göteborg und Barcelona gab es 2014 wieder eine regionale D.A.CH-Konferenz in Frankfurt a.M. Eine gute Gelegenheit für » manage it «, Wilfried Gschneidinger, CEO IFS Europe Central, nach dem Allerneuesten beim international agierenden, schwedischen ERP-Spezialisten zu befragen.

Herr Gschneidinger, erst kürzlich hat sie der Marktforscher Gartner mit ihrem Produkt IFS Application 8 im Magic Quadrant »Single Instance ERP für produktorientierte mittelständische Unternehmen« als führenden Anbieter eingestuft. Ihre Mitbewerber liegen nicht in diesem Feld. Worauf führen Sie das zurück?

Wir haben in den letzten Jahren versucht, nachhaltig, konsequent und vor allem lernbereit unsere Hausauf-gaben zu machen und dadurch unsere Produkte wohl etwas besser markt-, branchen- und kundenorientiert weiterentwickelt als andere. Wir versuchen nicht, unseren Kunden etwas zu diktieren, sondern wir versuchen zu hören, zu verstehen und umzusetzen. Wir nennen das bedarfsgerechte, kundenorientierte Produktentwicklung. Darauf würde ich es in groben Zügen zurückführen.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

Aber ja. Nehmen Sie nur das größte Entwicklungsprojekt, das wir in der Geschichte unserer Forschung und Entwicklung bisher hatten: unseren IFS Enterprise Explorer, eine völlig neue, intuitive Anwenderoberfläche. In den Jahren zuvor bekamen wir häufig Kritik zu hören, dass unsere ERP-Applikation nicht mehr so ganz State of the Art ist. Damals hatte beispielsweise Microsoft sehr starke Akzente gesetzt und wir sind etwas im Rückstand gewesen. Darum haben wir einige Jahre einen gehörigen Teil unseres R&D (Research&Development)-Budgets in die Entwicklung dieser Oberfläche investiert. Jetzt können wir zufrieden attestieren, dies hat unser Produkt ganz weit nach vorne gebracht.

Gibt es bei IFS Applications bestimmte Branchenunterstützungen? 

Wir fokussieren bestimmte Branchen ganz besonders, das ist allerdings regional sehr unterschiedlich. Automotive-Lösungen erfreuen sich in Deutschland weltweit der höchsten Nachfrage, weil hier einfach der größte Automotive-Markt existiert – neben Frankreich, den USA, Japan und mit aufsteigender Tendenz Korea. Da wird auch länderspezifisch viel zusammen mit den Kunden entwickelt, was dann kundenneutral in späteren Releases in den Standard übernommen wird und allen Kunden dient. Gerade die Automobil-Branche setzt Trends – funktionale Trends, prozessuale Trends –, die dann in anderen Branchen wie dem Hightech Manufacturing wieder umgesetzt werden können.

Sie leiten den Bereich Europe Central. Gibt es hier spezielle regionale Strategien, die sich von anderen Ländern unterscheiden?

Sehen Sie, unser Produkt ist einmal entstanden im Bereich der Instandhaltung und Wartung von herkömmlichen Kraftwerken und Kernkraftwerken in Schweden. Und unsere Lösung eignet sich auch heute exzellent zur Instandhaltung äußerst komplexer Kraftwerksanlagen. In Skandinavien und Osteuropa – Polen etwa – wird das Gros der Kraftwerke mit IFS Applications betreut. In Deutschland ist dagegen das meiste in SAP-Hand und obwohl wir Wikinger sind, sind wir nicht verwegen genug, eine SAP-Ablösestrategie zu fahren. Aber im Ernst: da werden Entscheidungen auch aus politischen Gründen getroffen, nicht aus fachlichen. Wir fokussieren uns im deutschsprachigen Raum ganz stark auf alles, was in den verschiedensten Typologien Manufacturing ist. Und da ist es egal, ob das Automotive-Kunden sind oder ob das Firmen sind, die man nur schwer kategorisieren kann. Peter Höhne, unser Vice President Sales & Marketing, würde sagen, wir fühlen uns da wohl, wo die Werker wirklich in den Shopfloors das Schwarze unter den Fingernägeln haben. Da kommen wir her und da fühlen wir uns wohl.

Richtige Branchenlösungen, bei uns heißen sie Industry Extension, bieten wir in Deutschland zum Beispiel für Automotive an. Der Produktname ASC bedeutete früher einmal Automotive Supply Chain. Dann haben wir gesehen, dass sich das auch für andere Branchen gut eignet und nennen es jetzt Advanced Supply Chain. In Deutschland haben wir auch die komplexeste Entwicklung im Finanz- und Rechnungswesen. Wir sind nun einmal das Land der Controller und Buchhalter mit dem höchsten Anforderungsniveau. Diese regionalen Entwicklungen fließen später aber auch in maßgeblichen Bestandteilen in den Kern unseres Produktstandards und kommen somit allen Kunden zugute.

Wir bedienen weltweit vor allem gehobene Mittelständler mit ausgesprochen internationalen Ansprüchen, da bedeuten gerade diese Lokalisierungen, also die Berücksichtigung diverser gesetzlicher Anforderungen rund um den Erdball auf fünf Kontinenten, eine große Herausforderung für uns. Wir beziehen heute über 20 Lokalisierungen ein und können dadurch unsere globalen Kunden mit allen ihren Charakteristika, ihren Niederlassungen und Produktionsstätten weltweit adäquat bedienen.

Folgen Sie in der Softwareentwicklung regionalen oder globalen Trends?

Nein, wir folgen keinen Trends. Wir setzen sie (lacht).

Sie kennen keine Trends?

Jetzt im Ernst. Ich bin seit 13 Jahren bei IFS, einem schwedischen ERP-Anbieter. Für mich gibt es zwei prägende Erfahrungen. Zum einen habe ich in keinem anderen Kulturkreis innovativere Leute als die Schweden kennen gelernt. Die sind für mich Weltmeister in puncto weitsichtiger Innovation, die riechen Trends. Und das Zweite: Der Schwede ist Weltmeister im Pragmatismus. Ich habe noch nie jemanden kennen gelernt, der Ideen so schnell zu Konzepten verarbeitet und Konzepte so schnell bis zur Marktreife umsetzt. Wir Deutsche mit unserem Ingenieursdenken brauchen immer 110- oder besser 120-prozentige Lösungen. Der Schwede ist da pragmatischer. Der denkt erst einmal in 80-Prozent-Lösungen, setzt dann noch mal zehn Prozent drauf und entwickelt die 90iger-Lösung weiter.

Ein Beispiel: Wir haben schon in den frühen 90iger Jahren von SOCA gesprochen, von Service Oriented Component Architecture. 15, 20 Jahre später wurde SOA dann ein Trend. Mich hat vor nicht allzu langer Zeit ein Journalist nach unseren Überlegungen und Entwicklungen zu SOA gefragt. Gibt es nicht, habe ich ihm geantwortet. Wir haben dies schon längst. Wir sind SOA. Das verdanken wir dem vorausschauenden Denken unserer R&D-Abteilung. Da arbeiten bei uns 600, 700 Leute. SAP hat vielleicht 25.000 eigene und noch viele Tausend Partnerentwickler. Demnach dürften wir gar nicht wettbewerbsfähig sein, wenn es bei uns nicht wirklich etwas flexibler und innovativer abliefe. Das ist ein wirklicher Wettbewerbsfaktor der IFS.

Worüber denken ihre Entwicklergenies denn zurzeit nach?

Im Moment propagieren wir unser Release IFS Applications 8. Wir sind aber schon relativ weit fortgeschritten mit der Entwicklung von IFS Applications 9. Die Präsentation ist für die IFS World Conference 2015 in Boston vorgesehen. Sie werden da einen Bereich in der Bedienung finden, den Sie bis heute nur aus der Automobilindustrie, aus dem PKW kennen. Den adaptieren wir an die ERP-Bedienung, denn was im Auto das Leben leichter macht, kann sicher auch dem ERP-Anwender nutzen. Mehr verrate ich noch nicht. Vielleicht denken Sie in einem dreiviertel oder einem Jahr an uns. Da kommt etwas – wie ich denke – Revolutionäres, das es im ERP-Bereich in vergleich-barer Form noch nicht gegeben hat.

Aber unabhängig von IFS gibt es doch einen Trend, zu dem Sie etwas sagen müssen: Die Cloud.

Mit der Cloud gehen wir genauso um, wie mit anderen Dingen. Wir sind bereit, wir verschließen uns nicht, aber wir sehen die Cloud vielleicht ein Stück vorbehaltlicher als andere. Das hat den einfachen Grund, dass unsere Kunden und Interessenten die Cloud nur ganz schwach nachfragen. Kaum einer würde seine Fertigungsprozesse, seine Konstruktionspläne, seinen Wettbewerbsvorteil irgendwo in die Cloud stellen. In Deutschland hat das kleine Pflänzchen Cloud zudem noch einen nachhaltigen Dämpfer durch die NSA-Affäre bekommen, die allerdings nirgendwo so hochgekocht wird wie hier.

Wir versuchen immer kundenbedarfsgerecht und anwendergerecht zu entwickeln, aber wenn unsere Kunden diese Hypes nicht fordern, werden wir sie nicht zum Trend erklären. Unsere Strategie soll immer adaptiv zu den Wünschen unserer Kunden sein. Allerdings gibt es eine Region, in der die Cloud Services sehr stark nachgefragt werden, in Nordamerika. Dem verschließen wir uns auch nicht. Darum besteht eine Entwicklungskooperation zwischen Microsoft und IFS und wir stellen unsere Applikation unter der Cloud-Technologie Azure von Microsoft zur Verfügung. Wir sind also up and running, wenn es gewünscht wird, nur steht die Cloud auf der R&D-Prioritätenliste nicht ganz oben.

Dann gibt es da noch die vierte industrielle Revolution, Industrie 4.0.

Das ist nur bedingt unser Thema. Die Vernetzung von Maschinen und Produkten in der Fabrikhalle übers Internet ist eher etwas für Spezialisten wie Psipenta, die auch Cockpitsteuerungen erstellen. Wir werden natürlich mit diesen Vernetzungen und Maschinensteuerungen eng verbunden sein und diesen – sehr sinnvollen – Hype vollumfänglich unterstützen. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel, an dem man das abgrenzen kann. Seit langen Jahren ist BMW unser Kunde. Wir steuern dort die Fertigungsplanung in den Presswerken, wo Motorhauben, Unterböden und Kotflügel gepresst werden. Da mischen wir die Komponenten Mensch, Maschine, Werkzeug und Material. Das sind die vier Ressourcen für möglichst intelligente Fertigungspläne. Wir machen da also die Betriebswirtschaft, steuern aber nicht die Maschinen. Natürlich gibt es in IFS Applications ein MES, ein QMS und ein DMS, aber nicht in der Breite und funktionalen Ausprägung, die ein Spezialanbieter liefern kann.

Dann sind Sie hier offen für Partnerschaften?

Wir sind für Partnerschaften offener denn je. Aber etwas anders, als Sie gerade andeuten. Wachstumsbedingt suchen wir Dienstleistungs-, Implementierungspartnerschaften zum Beispiel mit namhaften und qualitativ anspruchsvollen Microsoft- oder SAP-Partnern oder auch Systemintegratoren die in der Lage wären, fallweise die Verantwortung für ganze Projekte zu übernehmen. Es gibt ja schon unzäh-lige Partner, die Services für mehrere ERP-Suiten anbieten. Wir wollen aber keinesfalls ein Partnerkonzept umsetzen, bei dem wir nur die wertschöpfende Produktlizenz und die Wartung übernehmen, alles Risikobehaftete aber den Partnern überlassen. Wir wollen auch künftig als Generalunternehmer die Verantwortung für unsere Kunden tragen und für unsere Verpflichtungen gerade stehen.

Herr Gschneidinger, vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Volker Vorburg.

 

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