Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft macht weiter Tempo, Überhitzung droht aber nicht

Bruttoinlandsprodukt in Deutschland steigt 2017 und 2018 um jeweils 1,9 Prozent, 2019 um 1,6 Prozent – Verhaltene Lohn- und Inflationsentwicklung spricht nicht dafür, dass Wirtschaft überhitzt – Globales Wachstum ist intakt – Unsicherheiten bestehen weiterhin.

 

Die deutsche Wirtschaft bleibt auf klarem Wachstumskurs: Aufgrund des unerwartet kräftigen ersten Halbjahres 2017 hebt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Juni um 0,4 Prozentpunkte auf 1,9 Prozent an [1]. Auch für das kommende Jahr ist mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung in dieser Größenordnung zu rechnen. Die Zahl der Beschäftigten steigt weiter, die exportorientierten Industrieunternehmen profitieren von einer derzeit sehr dynamischen Auslandsnachfrage und das Geld in den Portemonnaies der privaten Haushalte sitzt nach wie vor vergleichsweise locker. Die gesamtwirtschaftliche Produktion wird in diesem Jahr und wohl auch in den kommenden beiden Jahren das Produktionspotenzial etwas übertreffen.

 

 

Eine Überhitzung droht gleichwohl nicht: Dafür spricht neben den nur verhalten steigenden Löhnen und Preisen auch, dass die Unternehmen trotz der guten Auslastung nach wie vor nur äußerst zögerlich in neue Maschinen und Ausrüstungen investieren. Dies dürfte viele Ursachen haben – auch die Rahmenbedingungen in Deutschland verhindern eine dynamischere Investitionstätigkeit. Eine Rolle spielen sicherlich auch zahlreiche Unsicherheitsfaktoren: So könnten die Exporte leiden, falls der Welthandel durch zunehmenden Protektionismus gehemmt wird. Zudem gibt es zahlreiche geopolitische Risiken, allen voran der Konflikt zwischen Nordkorea und den USA, und in den Bankbilanzen, vor allem in Italien, schlummern nach wie vor Risiken, die schlimmstenfalls die Krise im Euroraum wieder aufflammen lassen könnten.

 

 

Preisstabilität wird durch anziehende Inflation nicht gefährdet, Konsum verliert aber an Schwung

Angesichts der sehr guten Lage am Arbeitsmarkt – in diesem Jahr dürfte die Zahl der Erwerbstätigen um 650 000 gegenüber dem Vorjahr steigen, im nächsten um weitere 360 000 und im übernächsten um 250 000 Personen – bleiben die Lohnanstiege verhalten. Das liegt auch daran, dass manche Gewerkschaften neben Tariflohnsteigerungen andere Prioritäten im Sinn haben, etwa Regelungen zum Vorruhestand oder zur Arbeitszeitflexibilität. Da gleichzeitig jedoch die Inflationsrate wieder höher sein wird als in den vergangenen Jahren, dürften die Reallohnanstiege geringer ausfallen – wenngleich sie kräftiger zulegen dürften als etwa im langjährigen Mittel. Unter dem Strich dürften die Konsumausgaben im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren deshalb an Schwung verlieren. Dies sorgt mit dafür, dass die wirtschaftliche Entwicklung hierzulande im Prognosezeitraum an Tempo einbüßt. Im übernächsten Jahr dürfte die hiesige Wirtschaft dann noch um 1,6 Prozent wachsen. Bei der höheren Teuerung handelt es sich jedoch lediglich um eine Normalisierung: In den vergangenen Jahren hatten die Energiepreise – bedingt durch die Ölpreisrückgänge – den Preisauftrieb gedämpft. Dieser Effekt kehrt sich allerdings um. Unter dem Strich bleibt die Teuerung aber im Prognosezeitraum mäßig – die Preisstabilität wird nicht gefährdet.

Weltwirtschaft wächst ordentlich, wird aber an Dynamik verlieren

Hinzu kommt, dass sich die Konjunktur wichtiger Absatzmärkte im Ausland ab Mitte des kommenden Jahres wohl eintrüben wird. Zwar steht der globale Aufschwung inzwischen auf einem breiten Fundament – die weltweite Wirtschaftsleistung dürfte in diesem Jahr und den beiden kommenden Jahren um jährlich knapp vier Prozent wachsen und damit sogar stärker als noch im Juni vom DIW Berlin erwartet. Auch der Euroraum setzt seine wirtschaftliche Erholung fort. Eine starke Binnennachfrage, angekurbelt durch die verbesserte Lage am Arbeitsmarkt, stützt das Wachstum, das in diesem Jahr mit einem Plus von 2,1 Prozent das Vorjahresergebnis übertreffen dürfte. Allerdings wird die Dynamik schwächer werden. Schon jetzt belastet der im Vergleich zum Dollar höhere Wechselkurs des Euro die Ausfuhren.

Auch die deutschen Exporte werden sich in diesem Umfeld gemächlicher entwickeln als zuletzt und zur Abschwächung der Wirtschaft im nächsten und übernächsten Jahr beitragen. Die Leistungsbilanzüberschüsse der deutschen Wirtschaft bleiben davon aber weitgehend unberührt – sie werden mit rund acht Prozent exzessiv hoch bleiben und weiterhin Zeugnis davon ablegen, dass es für hiesige Unternehmen attraktiver ist im Ausland zu investieren als in Deutschland.

KURZ GESAGT

Marcel Fratzscher (DIW-Präsident): »Die deutsche Wirtschaft steht nur scheinbar gut da, obwohl sie in diesem Jahr deutlich wächst. Der Aufschwung wird nicht von Dauer sein, denn er ist zu einem guten Teil geliehen. Die niedrigen Zinsen und die sehr gute Arbeitsmarktsituation werden nicht von Dauer sein. Daher muss die Politik spätestens nach der Bundestagswahl endlich damit beginnen, die deutsche Wirtschaft zukunftsfest zu machen. Wir brauchen mehr Investitionen in Bildung, Verkehrswege und vor allem die digitale Infrastruktur, denn die ist hierzulande einem wohlhabenden Industrieland nicht würdig. Wenn die Haushaltsspielräume stattdessen für Steuersenkungen und höhere Sozialausgaben verwendet werden, kommt dies besonders künftigen Generationen teuer zu stehen.«

Ferdinand Fichtner (Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik): »Die deutsche Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs und ist gut ausgelastet, ohne dabei auf eine Überhitzung zuzusteuern. Denn typische Anzeichen für eine Überhitzung sind derzeit nicht zu erkennen: Die Löhne steigen nur verhalten, die Inflationsraten nehmen zwar zu, bleiben insgesamt aber moderat, und die Unternehmen investieren deutlich zurückhaltender in Maschinen und Ausrüstungen als in früheren Aufschwüngen. Zudem schwächt sich die konjunkturelle Dynamik schon im Prognosezeitraum ab.«

Simon Junker (Experte für die deutsche Wirtschaft): »Der Konsum bleibt eine wichtige Stütze des Wachstums, wird aber an Schwung verlieren. Weil die Energiepreisentwicklung nicht mehr – wie in den vergangenen Jahren – die Kaufkraft der Haushalte ankurbelt, sorgt dies in Kombination mit der moderaten Lohnentwicklung dafür, dass die Haushalte ihren Konsum wohl drosseln werden. Doch nicht nur das binnenwirtschaftliche Tempo schwächt sich etwas ab – auch die Exporte, die derzeit noch gut laufen, entwickeln sich schon bald gemächlicher. So wird die Nachfrage aus dem Euroraum ab Mitte kommenden Jahres etwas Tempo verlieren und auch die Exporte in die Schwellenländer werden etwas nachlassen, vor allem aufgrund des strukturell langsameren Wachstumstempos in China. Auch die Tatsache, dass der Euro gegenüber dem US-Dollar deutlich an Wert gewonnen hat, wird die Ausfuhren für einige Zeit etwas dämpfen.«

Links

[1] Konjunkturprognose des DIW Berlin im DIW Wochenbericht 36/2017 | PDF, 2.43 MB
Interview mit DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner: »Inflation wird die Zwei-Prozent-Marke auch in den nächsten Jahren nicht knacken« (Print | PDF, 213.88 KB und Podcast) | MP3, 4.65 MB

 


 

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