Konsolidierung im deutschen Hosting-Markt

Es ist seit Januar ruhig im Hosting-Markt, zu ruhig. Auch wenn die US-amerikanische Hosting-Industrie mit Abstand die größte weltweit ist, hat der deutschsprachige Wirtschaftsraum (Deutschland, Österreich, Schweiz) einen Weltmarktanteil von 9 Prozent und liegt damit auf Platz 2 der Hosting-Weltrangliste. Nur wenigen ist dies bewusst, vielen ist dies unbekannt. Der deutsche Hosting-Markt bietet als nahezu einheitlicher Sprach- und Kulturraum weiterhin verlässlich zweistellige Wachstumsraten pro Jahr, davon träumen andere Industrien. Über 1.000 Anbieter suchen mit ihren Präsenzen in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz nach Zugängen zu beinahe 100 Millionen Einwohnern und zu mindestens 5 Millionen mittelständischen Firmen und Konzernen, die mit einer maximalen Latenz von 35 Millisekunden in dieser Region versorgt sein wollen. Die Marktstruktur ist sehr vielfältig und intransparent, dies bietet aus Anbietersicht viel Potenzial für Differenzierungen.

Hosting in Deutschland: Konsolidieren oder konsolidiert werden …

Der zunehmende Verdrängungswettbewerb und ein anhaltender Preisdruck hat die Konsolidierung im deutschsprachigen Hosting-Markt angefacht. Bieten die ersten beiden Quartale die Vorbereitungszeit hierfür?

Nach den großen Übernahmen in den letzten Jahren gibt es aktuell wenig Kaufpotenziale in der obersten Liga, obwohl der Appetit der United Internet, Host Europe Group oder der anderen dazu groß wäre. Oder ist das die Ruhe vor dem Sturm? Go-Daddy, Alibaba und andere sind bereits in Deutschland angekommen und suchen nun ebenfalls nach Kaufzielen. Mal sehen.

Gleiches im Basissegment, hier wechseln leise die Eigentumsverhältnisse. Gründe hierfür sind fehlende Alleinstellungsmerkmale vieler kleiner Anbieter. Viele Hoster betreiben im Basis-Segment eine teilautomatisierte Werkstattfertigung, jedoch bieten nur wenige den Kunden zertifizierte Leistungspakete mit einer hohen Sicherheit, hohen Skalierbarkeit und mit einem hohen Verfügbarkeitsanspruch, die sich mit nachweisbaren Leistungszusagen von der AWS Konkurrenz abheben.

Kurzum, Differenzierungsmerkmale gegenüber AWS fehlen, gerade bei DevOps-Lösungen. Nur wer über USPs verfügt, kann sich differenzieren und höhere Preise durchsetzen, alle anderen müssen mit der Marktentwicklung mitschwimmen und versuchen zu überleben.

Hinzu kommt, dass gerade einmal 10 Webhoster etwas mehr als die Hälfte der deutschen Kundenpotenziale adressieren. Um die anderen 50 Prozent kämpfen über 1.000 Hosting-Unternehmen.

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Nur wer wagt, gewinnt

Genügte noch bis vor einigen Jahren ein technischer »Me-too«-Ansatz, um Kunden gewinnen zu können, so reicht dies heute nicht mehr aus. Auch steigt der Kostendruck, etwa durch steigende Vertriebs- und Marketingausgaben, um neue Kunden gewinnen zu können und durch hohe Kundenbindungskosten um die Bestehenden zu halten.

Entgegen der hiesigen Grundhaltung, dass auf Abgeschriebenem gute Geschäfte erzielt werden können, investieren in der aktuellen Niedrigzinsphase einige wenige Anbieter, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Die anderen harren aus. Die Relevanz zertifizierter Angebote steigt, viele Ausschreibungen und Vergaben fordern mehr und mehr Zertifikatsnachweise, Testate und Leistungszusagen. Umsatzerwartungen mit weniger Marge treffen nun auf potenzielle Kündigungsrisiken von Kunden.

Viele der Hosting-Inhaber haben ein Lebensalter von 40 Jahren noch nicht erreicht, wenige sind darüber, einige Jungmillionäre auf dem Papier haben die 30er Marke noch nicht gerissen. Ist auch der Gedanke aller an das Rentenalter noch fern, so ist die Gewissheit, dass einen die bisherige Geschäftsentwicklung bis dahin nicht mehr tragen wird, bittere Erkenntnis. Aufgrund der über Jahre hinweg gelebten Rollenverständnisse als Inhaber eines mittelständischen Betriebes im Neuland wird es für viele schwierig werden, sich nach einem Verkauf mit einem Angestelltenverhältnis einer Konzern- beziehungsweise Gruppenstruktur anzufreunden. Also doch durchhalten oder was Neues machen?

Verkaufspreisniveau: 1 x Jahresumsatz beziehungsweise 5 x EBITDA

In den vergangenen Jahren wurden für Übernahmen im obersten Marktsegment auch zweistellige EBITDA-Hebel gezahlt. Auf Branchentreffen schürten solche Informationen die Verkaufsfantasien der Hosting-Inhaber im unteren Segment. Doch die dann selbst gemachten Erfahrungen am Verhandlungstisch waren ernüchternd, denn die Preiserwartungen der Gesprächsparteien lagen zu Beginn der Verhandlungen weit auseinander.

Jüngste Studien von Merger Alliance weisen darauf hin, dass derzeit die Kaufpreisvorstellungen bei Unternehmen bis zu einem Jahresumsatz von bis zu 5 Millionen Euro gerade einmal einem Faktor 0,8 bis 1,1 des Jahresumsatzes entsprechen. Nur wer als Verkäufer mit ins Risiko gehen kann und will, ist derzeit in der Lage einen Aufschlag von rund 30 Prozent zu erzielen. Unterstellt man ein EBITDA i. H. v. 20 Prozent bis 30 Prozent des Jahresumsatzes, so entspricht dies maximal einem EBITDA-Hebel von 3 bis 5 für viele Anbieter. Aber solche Hebel lassen sich nur realisieren, wenn die Umsatzentwicklung über Jahre nachweislich steigt und die EBITDA-Margen mit. Für ein rückläufiges oder verlustreiches Geschäft gibt es auf dem Hosting-Markt kein Geld, auch keine Almosen.

In den letzten 18 Monaten wurden gezielt Übernahmen ausgelotet und ein Fünftel aller Hoster wurden bereits angesprochen. Hunderte von Vorprüfungen fanden statt, letztendlich wurden dann ca. 30 Übernahmen realisiert. Viele Anfragen liefen über Treuhänder, Strategieberater oder Wirtschaftsprüfer.

Ausgenommen von diesen Evaluierungsansätzen sind Mega-Deals im obersten Segment, die sich gerade entwickeln und einer eigenen Logik folgen. Basierend auf jüngsten Presseberichten, die u.a. von heise.de am 18.6.16 publiziert wurden, will die Nachrichtenagentur Reuters Kenntnis davon haben, dass auch neben internationalen Kaufinteressenten die Deutsche Telekom AG an einer Übernahme der Host Europe Group (HEG) interessiert sei. Diese Transaktion wäre eine Stärkung des Telekom-Konzerns im wachsenden Hosting- und Cloud-Geschäft. Über Finanzmittel verfügt der Konzern, um institutionelle Kapitalgeber als Unterstützer für eine solche Transaktion gewinnen zu können, lag doch der Umsatz der Deutschen Telekom AG lt. eigenen Angaben im Geschäftsbericht 2015 bei 69,2 Milliarden Euro Umsatz, sowie bei 19,9 Milliarden EBITDA und 4,5 Milliarden Euro Free Cashflow.

HEG wäre u.a. eine Ergänzung für die Konzerntochter STRATO AG, die mit einem Umsatz von über 100 Millionen Euro zum profitablen Wachstums hierzu beiträgt, und die seit der Akquisition 2009 in Höhe von 275 Millionen Euro das Hosting-Geschäft im Telekom-Konzern mit gestaltet. Ebenso mit von der Partie ist auch die United Internet AG aus Montabaur, die lt. Konzern-Finanzbericht 2015 3,7 Milliarden Umsatz und 555,7 Millionen Euro EBITDA erwirtschaftet hat. Mit einer HEG-Übernahme könnte United Internet die Positionierung als ein »Goliat« unter den europäischen Hosting-Providern im globalen Wettbewerb weiter festigen. Allerdings hat der Haupteigner der Host Europe Group, Cinven, die Verkaufsvorstellungen bereits im April 2016 lt. eigenen Angaben mit 1,9 Milliarden US-Dollar beziffert; dies sind umgerechnet ca. 1,7 Milliarden Euro. Sollte die Transaktion vollzogen werden, so wird es voraussichtlich nur noch zwei europäische Anbieter in dieser Umsatzklasse auf dem europäischen Hosting-Markt geben.

Wir bei Crisp Research AG rechnen bis Ende 2017 mit einer deutlichen Ausweitung der Übernahmen und mit einer Vervierfachung der Transaktionen in diesem Segment, darunter auch große. Das erwartete Transaktionsvolumen liegt in Summe dabei deutlich über 2,5 Milliarden Euro.

Gerd Simon, Senior Analyst; Crisp Research, www.crisp-research.com

 


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