Rechenzentrum in Eigenbau – Respekt, wer es selber macht!

Der Vergleich der nackten Zahlen sagt: Nach 10 bis 15 Jahren ist der Bau eines Rechenzentrums günstiger als seine Anmietung. Ist doch eine Immobilie – warum das Rechenzentrum also nicht selbst bauen?

Make or buy – so lautet die klassische strategische Grundentscheidung für Unternehmen auch beim Bau von Rechenzentren. Die Idee dahinter: Letztlich ist ein Rechenzentrum eine Immobilie. Weil der RZ-Dienstleister Gewinne machen will, lässt sich als Daumenregel sagen: Nach 10 bis 15 Jahren übersteigen die reinen Mietkosten für Hosting/Co-Location die Kosten für den Bau eines vergleichbaren Rechenzentrums. In vielen Regionen Deutschlands sind die verfügbaren RZ-Flächen zudem knapp. Gerade größere Unternehmen suchen oft lang, bis IT-Partner und Rechenzentren mit ausreichend große Flächen gefunden sind. In Zeiten günstiger Zinsen bringt das viele Unternehmen ins Grübeln, ob der Bau nicht die bessere Alternative wäre. Ist es so?

Bauen – für welches Zukunftsszenario? Ganz einfach ist diese Frage nicht zu beantworten – und in einem kurzen Artikel schon gar nicht. Doch es lassen sich ein paar grundsätzliche Punkte diskutieren. Der erste Punkt: Wer selbst baut, muss sich auf ein Zukunftsszenario festlegen. Wie stark wächst mein Unternehmen beziehungsweise wie stark wächst der Bedarf an IT-Leistung? Wie viel IT-Flächen werden dafür in den kommenden 10 bis 15 Jahren benötigt? Auf welchen Energieverbrauch und welche Kühlleistung muss das RZ ausgelegt werden? Das sind alles noch keine Details, aber auch schon keine einfachen Fragen mehr – zumal in Zeiten, in denen sich die IT rasant entwickelt und Unternehmen verzweifelt das richtige Verhältnis zwischen klassischer IT und Cloud-Lösungen suchen.

Die nächste Frage: Welche Sicherheitsanforderungen stellt mein Unternehmen – oder besser – werden meinem Unternehmen durch Kunden, Markt und Behörden gestellt? Wie weit man daneben liegen kann, zeigte sich am Beispiel neuer Sicherheitsanforderungen an Betreiber kritischer Infrastruktur, die in den letzten Jahren von den Behörden formuliert wurden. Nicht jedes der betroffenen Unternehmen hatte erwartet, dass es sich dazu zählen muss und noch weniger Betroffene haben damit gerechnet, dass sie zum bestehenden RZ gleich noch ein räumlich getrenntes Back-up-RZ mit leistungsstarker Anbindung benötigen. Ein anderes Beispiel: Unternehmen brauchen weniger IT-Platz als gedacht. Eine mögliche und vordergründige Lösung: im eigenen Rechenzentrum selbst untervermieten. Wer das aber will, muss die Zugangskontrollen etc. schon beim Bau entsprechend auslegen und gegenüber seinen Kunden für zugesagte Service-Levels geradestehen.

Das Wesen von Prognosen: Fehler. Anders gesagt: Wer baut, wird im wahrsten Sinne ein gutes Stück immobil. Erweist sich sein Zukunftsszenario im Nachhinein als korrekt und wurden IT-Bedarf und IT-Struktur richtig vorausgesagt, kann es sich mit einem Bau gut ausgehen.

Leider zeigt sich aber: Vorhersagen in einem so dynamischen Bereich wie der Unternehmens-IT sind extrem schwer zu machen. Historische Irrtümer wie die Prognose des IBM-Präsidenten Thomas J. Watson (»Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.« – gemeint waren damals Mainframes) sind längst Klassiker. Doch wie normal diese Fehlprognosen in der IT sind, lässt sich vielleicht daran erkennen, dass genau der sich irrende Herr Watson als Namensgeber für die aktuelle KI-Lösung (Künstliche Intelligenz!) der IBM gewählt wurde. Und weil sich anders als mit Trockenbau im Haus auf empfindlichen IT-Flächen schwer Baumaßnahmen durchführen lassen, werden fehlerhafte Prognosen beim RZ-Bau durch hohe Kosten bestraft. Ein Klassiker sind Unternehmensfusionen – meist plant ein Unternehmen nicht schon Jahre im Voraus, dass es übernommen wird. Und doch passiert das täglich – und die meist übliche Konsolidierung der IT macht viele RZ-Bauten obsolet.

 

Unübersichtlicher Markt 

Harte und aktuelle Fakten zum Bau von Rechenzentren in Deutschland sind schwer zu erhalten. Eine wichtige Quelle ist das Borderstep Institut (www.borderstep.de), das auch Studien für den Branchenverband Bitkom erstellt. Hier einige Schlaglichter:

  • 2015 stiegen die Investitionen für Neubau und Modernisierung der Rechenzentrumsinfrastruktur um 10 % auf fast 900 Millionen Euro.
  • Die IT-Fläche in den Cloud-Rechenzentren in Deutschland erweiterte sich im Jahr 2016 um 30 % auf 330.000 m2.
  • Die IT-Fläche in traditionellen Rechenzentren im Eigenbetrieb von Unternehmen oder Behörden ging im gleichen Zeitraum um 7 % auf ca. 1,2 Millionen m2 zurück. Diese Flächen stellen aber immer noch den mit Abstand größten Anteil an den Gesamtkapazitäten der Rechenzentren in Deutschland. Ein Grund: 93 % der IT-Verantwortlichen in mittelständischen Unternehmen halten den Betrieb von eigenen Rechenzentren für wichtig. Das führt dazu, dass immer noch 90 % der mehr als 50 000 Rechenzentren in Deutschland eine IT-Fläche haben, die kleiner als 100 m2 ist.

 

Wer baut das Unternehmens-RZ eigentlich? Nehmen wir an, die Unternehmens- und IT-Leitung hat sich auf ein Zukunftsszenario, also eine Prognose einigen können. Die groben Anforderungen für das RZ stehen also. Dann stoßen wir auf die zweite Frage: Wer plant und baut das RZ für das Unternehmen? Wer leitet die Baumaßnahmen und die spätere Inbetriebnahme? Den Mangel an kompetenten IT-Fachleuten kennt man. Der Mangel an praktisch erfahrenen Experten für den Bau eines RZ ist nochmals deutlich höher. Es gibt in Deutschland nur wenige Experten, die in ihrer Karriere schon einmal den Bau eines modernen RZ leiten durften. Diese lassen sich natürlich von RZ-Dienstleistern abwerben – aber auch das wird teuer.

Der Betrieb – auch nicht einfach. Eigenes RZ bedeutet in aller Regel auch Hardwarebetrieb in Eigenverantwortung. In international tätigen Unternehmen heißt dies meist 24/7/365 – also dreischichtig – und zumindest einige Systeme mit Hochverfügbarkeitsanforderungen. Der IT-Verantwortliche mag sich über dieses IT-Personal und die zusätzliche »Hausmacht« freuen, Controller und kommerziell Verantwortliche, die sich auf Wettbewerbsvorteile und Kernkompetenzen konzentrieren wollen, meist nicht. Zu den IT-Fachleuten kommen dann noch Leute für den Sicherheitsdienst, die Begleitung von Audits, Einkauf … Ja, auch ein externer RZ-Betreiber stellt einem Unternehmen diese Kosten in Rechnung. Allerdings trägt er dann auch die Kosten für Recruiting, Weiterbildung oder Ausfälle. Das sind Kostenrisiken und Organisationsaufwände, die das Unternehmen beim eigenen Rechenzentrum selbst übernehmen muss.

Der Immobilienmarkt boomt – allerdings nicht für gebrauchte Rechenzentren. Kann ein Unternehmen aus einem RZ im Eigenbau denn überhaupt nicht mehr aussteigen? Doch, es gibt einen Markt für gebrauchte Rechenzentren und Konzepte wie »Sale and Lease-back«. Allerdings ist das ein sehr enger Markt, schließlich sind Rechenzentren Sonderimmobilien. Allzu unattraktiv von Standort und Ausstattung darf ein RZ hier nicht sein, zumal sich die Käufer meist aus dem Kreis professioneller RZ-Betreiber rekrutieren. Und selbst große Kunden mit hohem Flächenbedarf stoßen bei Sale- und Lease-back-Konstruktionen auf wenig Gegenliebe. Wer ein älteres, nur durchschnittlich gut geplantes Rechenzentrum mit nach heutigen Maßstaben überkommener Energie- und Sicherheitstechnik anbietet, wird sein Angebot hoch rabattieren müssen. Kurzum: keine attraktive Exit-Option.

Fazit. Die Entscheidung zum Bau eines eigenen Rechenzentrums sollten sich Unternehmen auch in Zeiten niedriger Zinsen und knapper Hosting-Flächen gut überlegen. Die technischen und kommerziellen Risiken sind sehr hoch – zumal die Unternehmens-IT in großer Bewegung ist und Bedarfsprognosen daher mit enormen Fehlerrisiken behaftet sind. Schaut man nicht nur auf die nackten Zahlen, sondern bezieht Risikoaufschläge für fehlende Flexibilität in die Kalkulation ein, wird die eigene RZ-Immobilie meist schnell unattraktiv.

Aber findet man nicht auch Unternehmen, die nach einer Buy-Entscheidung unzufrieden sind? Ja, diese Fälle gibt es oft. Ursächlich ist hier aber meist nicht die grundsätzliche Entscheidung für ein externes Hosting, sondern Fehler bei der Auswahl von Dienstleistern und Rechenzentrum. Es klingt verwirrend, aber: Etwas grundsätzlich Falsches lässt sich nicht richtig machen, aber etwas grundsätzlich Richtiges durchaus falsch.


Stefan Keller,
Director Marketing & Sales
bei noris network

 

 

 

Illustration: © johavel, RikoBest /shutterstock.com 

 

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