Satire – Brüssel oder Berlin? Hauptsache Italien!

Brüssel oder Berlin? Hauptsache Italien!

Das tägliche Leben im IT-Management ist härter als jede Dschungelprüfung. Heutige Prüfung: Gesetzgebung und Politik.

Der IT-Manager steht bekanntlich immer mit einem Bein im Gefängnis, denn Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Auch dann nicht, wenn Gesetze mit heißer Nadel gestrickt werden, unsinnige Inhalte haben, gar verfassungswidrig sind – eben so lange, bis unserem Gesetzgeber nachgewiesen wurde, dass das Gesetz nicht gut ist. Oder dass es so nicht klappt. Doch nicht nur die Gesetze selber lassen das Leben im Datenraum manchmal ungemütlich werden, auch die anderen von der Politik geschaffenen Rahmenbedingungen führen hin und wieder zu Kopfschütteln und der berechtigten Frage, wann unsere gewählten Politiker und Volksvertreter endlich Neuland unter den Füßen haben. Aber warum ist das so?

Informationstechnologie ist komplex. Menschen mögen sich nicht gerne mit Dingen beschäftigen, die sie nicht verstehen. Mitreden wollen sie aber schon, auch wenn sie keine Ahnung haben. Außerdem vergessen viele Menschen, dass sie zwar ein Recht haben, ihre Meinung äußern zu dürfen, jedoch keineswegs dazu verpflichtet sind. Unbestritten dürfte auch sein, dass Politiker an sich wiederum zu der Spezies Menschen gehören, die gern und viel reden. Auch und gerade, wenn sie nicht gerade sicher in den Fakten des Themas sind. Um das festzustellen, braucht man nur am Fernseher eine beliebige Talkshow mit Teilnehmern aus dem Lager der Politik zu verfolgen.

Sind Gesetze schon eine komplexe Materie an sich, an der selbst examinierte, promovierte und engagierte Juristen sich reiben und stoßen und immer wieder andere Juristen bitten müssen, den Wortlaut der Texte im Sinne des Gesetzgebers auszulegen, wird dieses nochmals verstärkt im Bereich des IT-Rechts – denn Informationstechnologie an sich ist für die meisten Menschen abseits der Smartphone-Nutzung genauso wie die Rechtswissenschaften ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn zwei komplexe Gebilde im vollen Flug aufeinanderprallen, dann gibt es in der Regel keine Komplexitätsreduktion, sondern Chaos, Anarchie, Gemetzel. Und so passiert es, dass letztendlich von der Politik Rahmenbedingungen für das Arbeitsumfeld des IT-Managers geschaffen werden, die an den Bedürfnissen der Realität vorbeigehen. Die Suppe, die in Brüssel oder Berlin zubereitet wird, muss in der Regel dann in Burgdorf oder Bayreuth ausgelöffelt werden. Und in allen anderen Teilen der Republik.

Da schadet es nicht, sich einmal den Volksvertretern im aktuellen Deutschen Bundestag (18. Wahlperiode) zuzuwenden. Dort sitzen schließlich diejenigen Personen, denen der gemeine IT-Manager die bundeseinheitliche Gesetzgebung, an die er sich zu halten hat, verdankt, egal, ob nun ein wirklichkeitsfremder Beschluss der Brüsseler Eurokraten in nationales Recht umgesetzt werden muss oder sich eine Gruppe von Abgeordneten ein Fleißbienchen verdienen wollte durch den Entwurf einer eigenen Gesetzesvorlage.

Das Fatale ist: IT kann jeder. Oder meint es zumindest. Oder man kennt jemanden, der schon einmal einen Computer ausgeschaltet hat. Aber wie steht es nun um den beruflichen Hintergrund und den Erfahrungshorizont der Volksvertreter? Ein Blick auf die aktuelle Zusammensetzung dort gibt Aufschluss [1]. Zumindest ein grundsolides juristisches Fundament ist im Parlament erkennbar – sei es durch Freiberufler, die Rechtsanwalt sein könnten, oder durch Beamte und Angestellte, die in juristischen Berufen zu verorten sind. In der 16. Wahlperiode war der Beruf des Juristen die Nummer eins der heiteren Berufshitparade [2]. Doch wer im Bundestag kann IT? Da nähert sich die Aussagekraft der Quellen schon homöopathischen Dosen an. Vielleicht hat ja einer der im Bundestag sitzenden Lehrer Informatik unterrichtet. Oder ein Diplom-Ingenieur ist ein richtiger EDV-Fachmann. Die Liste der Berufe lässt auf jeden Fall befürchten: Auf der Suche nach Fachwissen (und nicht nach Halbwissen) muss in unserem Parlament tief geschürft werden. Aber der Zug nach Neuland ist ja auch gerade erst abgefahren, da wird er irgendwann schon ankommen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut – und trotzdem führen alle Wege inzwischen dorthin. Das nennt man dann wohl italienische Verhältnisse. Der Weg ist das Ziel und alle sind mit dabei.

Ein Blick in die Ausschüsse des Bundestages bringt auch nicht viel mehr Licht in das Dickicht – eine Auswahl zu den zum Thema passenden Ausschussvorsitzenden nachfolgend: Der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung (zumindest der letzte Begriff hat doch irgendwie etwas mit Neuland zu tun) wird von einer Handelsfachwirtin geleitet, der Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur von einem Gewerkschaftssekretär. Es drängt sich die Frage auf, welcher unserer Volksvertreter überhaupt auf die Idee gekommen ist, dass der Transport von Bits und Bytes über die digitalen Datenautobahnen thematisch bestens zur Logistik auf Bundestransportwegen passt. Oder ist es die späte Umsetzung der Idee einer »Geisterfahrt auf der Datenautobahn« [3] aus dem Jahre 1996? Dann bitte schnell aufspringen auf den Bus, rauf auf die Autobahn und ohne Halt durch bis nach Rom!


autor_christph-luederChristoph Lüder,
LEXTA CONSULTANTS GROUP,
Berlin

 

 

 

[1] http://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete18/mdb_zahlen/berufe/260132
[2] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/36615/umfrage/berufe-der-bundes tagsabgeordneten-16-wahlperiode/
[3] Stoll, C.: Die Wüste Internet. Geisterfahrt auf der Datenautobahn; Frankfurt/M., 1996

 

Titelbild: © Alexander A. Trofimov/shutterstock.com 

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