Satire – Der blanke Wohrtsinn

Satire

Fassungsloses Brabbeln und Stammeln angesichts der Wortgewandtheit von IT-Dienstleistern.

Ein herrlicher Frühlingstag, die warme Sonne scheint in mein Gesicht: ich diskutiere mit den anderen aus der multilingualen Elterngruppe vor dem Café [1] bei einem glutenfreien Bio-Soja-Latte-Macchiato über den zielgerichteten Einsatz westostandalusischer Balalaika-Musik auf die frühkindliche Entwicklung, als … – Gott sei Dank weckt mich unser kleines großes Kuschelmonster aus diesem Albtraum auf. Seit einigen Tagen hat der Nachwuchs das Sprechen, also Brabbeln, Stammeln, Glucksen und »Quietschen« für sich entdeckt. Onomatopoetisch bildet die Süße ihre Welt nach. Und das mit einer Ausdauer und Geschwindigkeit, dass selbst eine mehr oder minder fernsehbekannte Mallorca-Spätaussiedlerin aus Ludwigshafen nicht mithalten könnte …

Sprachliche Wasserfall-Modelle. Eine ähnliche Ausdauer und Redegeschwindigkeit legen einige Vertreter von IT-Dienstleistern an den Tag, besonders gerne im Rahmen von Transitionen, notleidenden oder neuen Projekten. Da wird dann immer wieder der gleiche Sachverhalt in dreiundfünfzig verschiedenen Versionen verbalisiert, obwohl man schon nach dem zweiten Mal überlegt, woher man sich schnellstmöglich ein paar Stricknadeln besorgen könnte, um sich die Trommelfelle durchzustoßen. Leider sind diese sprachlichen Wasserfall-Modelle meistens mit der Gabe gesegnet, beharrlich um den Kern der Sache herum zu philosophieren [2] und das Ganze dann mit nur oberflächlichem Wissen zu garnieren. Belanglosigkeiten inklusive, zum Beispiel eine ausführliche Darstellung der baulichen Besonderheiten des neuen Rechenzentrums in einem ehemaligen Bunker in einem Ort in Brandenburg, der noch nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Und das, obwohl es bei dem Projekt um Offshoring von Entwicklungsleistungen geht. Was ja quasi dasselbe ist. Glaubt zumindest der Provider.

Prokrastinationszirkus. Spätestens, wenn sich die Diskussion von IOPS auf Words per Minute verlagert, verwandelt sich dann jeder (telefonische) Jour fixe in einen Prokrastinationszirkus. Während der eine Teil nur auf eine Sprechpause lauert, um selbst das Synonymwörterbuch bis zum Exzess zu schwingen, ist aus den anderen Enden der Leitung ein verzweifeltes Schluchzen ob der vertanen Zeit zu hören. Gelegentlich kann man auch das rhythmische Geräusch des Mit-dem-Kopf-auf-den-Tisch-Schlagens vernehmen. Irgendwann wird dann tief in der Wortspielkiste gegraben, um die Stimmung zu lockern. Das ganz alltägliche »Sodom und Gomera« (Hahaha!) eben. Apropos: Kennen Sie eigentlich schon unser neues Rechenzentrum in Niederoberschlumpfendorf?

Nach einiger Zeit – welche man lieber für angenehmere Dinge wie eine Wurzelresektion beim Zahnarzt oder ein Florian-Silbereisen-Konzert genutzt hätte – ist dann das Ende der Hutschnur beim Auftraggeber erreicht und selbige reißt dann auch ziemlich eruptiv: das sei ja alles schön und gut, doch der Dienstleister möge nun doch mal konkret beschreiben, wie er das sehr konkrete Problem mit noch konkreteren Maßnahmen zu lösen gedenke.

Goldstandard der sprachlichen Nebelgranaten. Daraufhin wird lehrbuchartig die Frage in ihre Bestandteile zerlegt (»Ich fasse das noch einmal kurz zusammen …«) und dann mit Hilfe der eigenen Interpretation (»Ich verstehe Sie so, …«) der Sachverhalt um 180 Grad gedreht, um wiederum lang und ausdauernd (»Man muss das Ganze aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten …«) zu palavern. Dabei erreichen viele der Dienstleister die letzte Evolutionsstufe, indem sie den Goldstandard der sprachlichen Nebelgranaten einsetzen: eigene Wortschöpfungen gekreuzt mit Anglizismen (»Der Cutover kann announced werden, wenn der Stammdateninterpreter sauber auf das Peering aufsetzt.«). Richtig schön günstig und effizient kann man das aber nur aus dem neuen Rechenzentrum in … Mir platzt der Kopf. Und der Kragen.

Worte reihen sich an Worte, niemand (selbst oder vor allem der Sprecher nicht) versteht noch, was gerade über den Äther kommuniziert wird und allen bluten die Ohren – ganz ohne Stricknadeln. Der real gewordene »Hessi James« [3].

Die kurze Phase der Stille ob der allgemeinen Verwirrung wird dann durch die scharfen, aber wohlfeilen Worte des Auftraggebers gebrochen: »Leider konnten wir aufgrund der reichhaltigen Wortbeiträge das Problem heute nicht lösen – bitte klären Sie das bilateral und präsentieren Sie mir bis nächste Woche die notwendigen Maßnahmen.« [4]

Die einen können nicht anders und die anderen sind dreist. Nun gibt es zwei mögliche Gründe für die Ausdrucksfreudigkeit mancher Dienstleister: die einen können nicht anders, denn sie sind nicht über die frühkindliche Vielsprechphase hinausgekommen und möglicherweise im Help Desk sozialisiert worden. (Viel) Reden gehört für diese Gruppe zum Leben wie die Luft zum Atmen, denn sie kennen es nicht anders. Hier hilft oft die Verlagerung in eine E-Mail-getriebene Konversation, denn da muss man zumindest nicht zuhören und kann durch entsprechende Apps die geschriebenen Romane auf die wesentlichen Aussagen zusammenkürzen lassen.

Die anderen sind einfach nur dreist und hoffen, dass die substanzlosen Wortkaskaden über die eigene Unwissenheit hinwegtäuschen können – quasi ein wandelndes Ablenkungsmanöver. Der Gummipanzer im Waffenarsenal des Vertriebs. Ein solcher Errorist [sic!] ist mir neulich im Rahmen eines Eskalationstermins begegnet: Der Klient hat dem Dienstleister aufgezeigt, dass er viele vertraglich vereinbarte Leistungen nicht erbringt und der Turnschuh-Support absolut katastrophal ist. Service Level werden nicht eingehalten und defekte Technik wiederverbaut.

Besagter Vertreter des Providers sah dies (natürlich) völlig anders und redete sich immer mehr in Rage. Dabei näherte sich sein Gesicht immer schneller einem ungesunden Tomatenrot an – ein Schreikrampf meines Kindes wäre nichts dagegen.

Nach einer hitzigen Diskussion konnte zu diesem Problem keine Lösung gefunden werden (natürlich…), man verabschiedete sich im Unfrieden (Euphemismen. Überall Euphemismen!). Kurz vor dem Gehen kam die Sprache dann noch auf ein neues Werk in Übersee, woraufhin der Dienstleister die Verve und Nonchalance besaß und folgende Frage stellte: »Bis wann brauchen Sie das Angebot für den Vor-Ort-Service für das Werk?«

Die Antwort meines Klienten: fassungsloses Brabbeln und Stammeln.


autor_marcus_schwertzMarcus Schwertz,
LEXTA CONSULTANTS GROUP,
Berlin

 

 

 

[1] Siehe manage it, 1-2 / 2016: http://ap-verlag.de/satire-kinder-und-die-it/18906/
[2] »Si tacuisses, philosophus mansisses.«
[3] Für diejenigen, die den Badesalz-Klassiker nicht kennen: https://www.youtube.com/watch?v=akfz5Fw-pZI
[4] Die höfliche Form für: »Ich kann Ihr substanzloses Gelaber nicht mehr hören und will das Ganze jetzt als handfestes Konzept haben, damit ich Ihren Kopf am Ende des Projekts bei Ihrem Chef fordern kann, falls Sie das hier an den Baum fahren.«
Titelbild: © Ollyy/shutterstock.com 

 

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