Satire – Ju kenn schpiek Jörmenn wiss mi!

Satire: Ju kenn schpiek Jörmenn wiss mi!

Das tägliche Leben im IT-Management ist härter als jede Dschungelprüfung.
Heutige Prüfung: Deutsche Sprache.

Zugegeben – dies ist ein Artikel mehr, in dem die Sau namens Deutsche Sprache durchs Dorf getrieben wird. Und damit auch ein weiteres Plädoyer für die nutzhafte Nutzung der Schwestersprache des Englischen, wenn es entsprechende Begriffe in der Sprache gibt, die in Deutschland immerhin die Amtssprache ist. Aber warum ist es überhaupt notwendig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen? Nun, es gibt auch ein Leben außerhalb der elektronischen Datenverarbeitung. Und in kaum einem anderen Zweig des Wirtschaftslebens wird derart abartig die Sprache verhunzt, so dass die Kommunikation mit anderen Menschen schon schwierig werden kann, weil diese entweder Deutsch ODER Englisch sprechen, aber nicht einen furchterregenden Mischmasch aus beidem. Vielleicht abgesehen von den Kollegen aus dem Marketi… nein, Entschuldigung, aus der Reklame. Womit wir bereits wieder im Thema wären. »Entschuldigung« sagt keiner mehr in der Datenverarbeitung, das ist hochgradig uncool. Ein joviales »Ey sorry« muss es schon sein. Manchmal muss man befürchten, dass diese Phrase die erste große Hürde ist, die ein Bewerber auswendig lernen sollte.

Da im Sprachschatz des Durchschnittsbürgers nur etwa 3.000 Worte einen Platz finden (und böse Zungen lästern, dass nicht wenige Mitmenschen sogar mit maximal 300 Worten ein gedeihliches Auskommen haben), muss für jedes neue Wort ein anderes weichen. Dies geht so weit, dass der Sprecher auch nach längerem Nachdenken gar nicht mehr auf das entsprechende Wort in seiner Muttersprache kommt. Wer hat es noch nicht gehört, ob man sich nicht auf ein Projektende Ende Oktober committen könnte? (Und ja – nicht einmal mehr die Rechtschreibprüfung von Büro 365 meckert mit einer roten Schlangenlinie unter dem gerade genutzten Unwort und bittet mit diesem stummen Aufschrei um eine Änderung.)

Der Einwand, dass wir in einer globalisierten Welt leben und damit Englisch die Sprache der Wahl zu sein hat, mag berechtigt erscheinen – auch wenn in Bereichen, in denen sich Englisch als Sprache der Wahl durchgesetzt hat, wie etwa in der Luftfahrt und der Datenverarbeitung, Pionierleistungen von Personen wie Lilienthal, Jatho oder Zuse erbracht wurden. Aber dann sollte man von den babylonisch handelnden Sprachprotagonisten wenigstens erwarten, auch ein perfektes Englisch zu sprechen, zumindest aber mehr als die auswendig gelernten Brocken. Weit gefehlt – sie können beides nicht, weder richtig Deutsch, noch richtig Englisch.

Der Appell, in Zukunft im Gespräch mit anderen Muttersprachlern doch wieder auf das Niveau der gemeinsamen Sprache zu kommen, soll aber auch nicht über das Ziel hinausschießen. Es hilft ja keinem, beispielsweise die Lindigkeit eines Programmierers zu messen und im nächsten Monatsbericht zu veröffentlichen (im Falle von Nichtwissen: jede gute Suchmaschine wird mindestens eine brauchbare Referenz für das L-Wort präsentieren). Dennoch muss man auch nicht gleich die Non Success Rate der Emergency Changes an das Board publishen, wenn eine upgegradete Application severe Problems bereitet. Obwohl, wenn das Ganze gewhitelistet wird, dann werden wohl nur die wenigsten VIPs, die gerade ganz busy sind, aus ihren Meetings gerissen.

Symptomatisch ist auch die Nutzung von Worten, die kein englischer Muttersprachler ohne Einweisungskurs in die deutsche Psyche verstehen wird, was ihren Siegeszug aber nicht stoppen kann. Zu nennen wäre das unvermeidliche Handy, aber auch der Beamer. Zu verdanken ist dies glücklicherweise wohl nicht den Damen und Herren aus der Datenverarbeitung, sondern eher denen aus der Reklame. Alles, was nicht Deutsch klingt, ist gut. Und der Sprecher klingt gleich viel mehr nach Kosmopolit. Oder? Oder!

Mal sehen, ob es nicht der eine oder andere schafft, sich wieder etwas mehr seiner Muttersprache zu erfreuen, statt dumpf vor sich hin brütend in der nächsten Treffung herumzulungern. Das wäre die beste Gelegenheit, die tief hängenden Früchte abzuernten. Und dies bitte asapst, also noch asaper als asap. Damit im nächsten Meeting die Gesinnungsfreunde in Ruhe chillen können.


autor_christph-luederChristoph Lüder, 
LEXTA CONSULTANTS GROUP, 
Berlin

 

 

Bild: ©gn fotografie/shutterstock.com 

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