Satire – Mehr Sein durch Schein

Satire – Mehr Sein durch Schein

Das tägliche Leben im IT-Management ist härter als jede Dschungelprüfung.
Heutige Prüfung: Statussymbole.

In einem Seminar zur Stilkunde fiel durch die Seminarleitung ein denkwürdiger Satz: »Wer die Regeln kennt und sie beherrscht, der darf sie brechen«. An anderer Stelle des gleichen Seminars hieß es dann »Bei allem, was wir tun, müssen wir authentisch bleiben«. Zwei schöne Sätze – aber was haben diese beiden Sätze mit IT-Management zu tun? Und was mit Statussymbolen? Zwei Sätze, zwei Fragen. Zur Auflösung der Fragen bedarf es eines kleinen Exkurses in die Geschichte der verteilten Datenverarbeitung.

Vor einigen Jahrzehnten war die EDV weit davon entfernt, als Statussymbol herhalten zu können. Röhrenbildschirme, die eher gefährlichen Strahlenkanonen glichen und die Textinhalte mit grüner Schrift auf schwarzem Grund darstellten, konnten kaum die Massen begeistern. Gerade andersherum war es – die Einführung modernster Informationstechnik am Arbeitsplatz war eher ein Grund, um Versetzung zu bitten oder den Arbeitgeber zu wechseln. Am ehesten konnte noch ein eigenes Telefon auf dem Schreibtisch den eigenen Status untermauern, aber bitte schon mit Tasten, nicht mehr mit Wählscheibe. Außerdem hatten richtig wichtige Menschen im Vorzimmer eine Fachkraft sitzen, die mit diesem modernen Zeugs umgehen konnte und Gespräche anbahnte oder entgegennahm.

In den achtziger Jahren kam dann die IT als Statussymbol über den Umweg der Kinderzimmer in die privaten Haushalte – aber eher als Statussymbol für den Nachwuchs denn für das Management. Die Geräte von Commodore und Atari [1] dienten eher der Befriedigung des Spieltriebs denn der Nutzung als Arbeitsgerät oder Zugangsmöglichkeit zum Internet (welches es zwar schon gab, aber, ehrlich gesagt, außerhalb gut informierter Kreise niemand kannte). Auch eine neue Prozessorgeneration von Motorola (mit deren Hilfe Mitte der Achtziger schon ein Desktop dargestellt wurde, der bei Microsoft mit Windows 95 zehn Jahre später Erfolge feiern sollte) änderte daran zunächst einmal nichts.

Der Durchbruch zum Statussymbol vollzog sich erst Anfang der neunziger Jahre. Tragbare Computer sahen auf einmal nicht mehr aus wie Reiseschreibmaschinen, sondern näherten sich in Form und Gewicht dem auch heute noch zum Teil gebräuchlichen Formfaktor an. Mit der Einführung vom D-Netz wurde auch die mobile Telefonie einer breiteren Masse zugänglich – auch hier werden sich die Älteren unter den Lesern sicherlich noch an den legendären Motorola-Knochen erinnern – und den Spott, den mancher Nutzer über sich ergehen lassen musste, weil er sehr wichtig mit seinem Mobiltelefon in der Kirche während des Weihnachtsgottesdienstes ein Gespräch entgegennahm, um der Welt zu zeigen, wie wichtig er ist. Wenigstens wusste er nun, dass der Braten schon im Ofen ist und die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen. Obwohl – wenn man es recht betrachtet, hat sich an dieser Verhaltensweise seit Anfang der Neunziger gar nichts geändert …

So mutierten über die letzten zwanzig Jahre zwei mobile Endgeräte der IT zu den Statussymbolen des neuen Jahrtausends: das Laptop und das Mobiltelefon sowie alle dazwischenliegenden Mutationen und Permutationen aus der Konvergenz beider Geräte, wie immer sie auch heißen mögen.

Damit wäre der Kreis zu den beiden anfangs gegebenen Zitaten geschlossen. Auf der einen Seite müht sich die IT ab, um mit Hilfe von standardisierten Prozessen eine kostengünstige Leistungserbringung einzuführen und beizubehalten. Dies geschieht nicht selten auf Druck von Entscheidungsträgern, die selber unter Kostendruck stehen. Das führt ab und zu einmal zu unpopulären Entscheidungen bei der Auswahl von Endgeräten oder zu nutzender Software. Als Folge finden sich in den Händen der geplagten Anwender dann Endgeräte wieder, welche auf der Wertigkeitsskala einer statusaffinen Vergleichsgruppe eher auf den unteren Rängen sitzen. Das Statussymbol muss sich dann privat erkauft werden, wenn der Arbeitgeber nicht in der Lage ist, seine Mitarbeiter angemessen zu versorgen. Notabene: Nach der gesetzlichen Verankerung des Mindestlohns wäre es ein weiteres lohnendes Projekt für die -Große Koalition, Mindeststandards für vom Arbeitgeber bereitgestellte Endgeräte zu verabschieden. -Damit würde zum einen die Binnennachfrage angekurbelt und zum anderen würde kein Nutzer mehr aufgrund seines Endgerätes diskriminiert.

In vielen Fällen verhalten sich die Entscheidungsträger in einer wie der vorstehend beschriebenen Situation auch ohne gesetzliche Regelung aufrichtig authentisch. Das Statussymbol kann, soll und muss der Dienstherr bereitstellen. Mein Auto, mein Smart-phone, mein persönlicher Rettungshubschrauber. Von dem schmalen Managergehalt ist der Erwerb eines privaten Statussymbols faktisch ausgeschlossen. »Wer die Regeln kennt und sie beherrscht, der darf sie brechen« – also her mit den hochwertigen Endgeräten für die verdienten Manager. -Extrakosten sind kein Thema. Inkompatibilität mit den Systemen, die für das gemeine Fußvolk angeschafft wurden? – Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass die IT schon wieder eine Insellösung implementiert hat! Kein Wunder, dass die Kosten so hoch sind. Fazit ist, dass eine neuerliche Sparrunde der IT guttun würde, damit endlich einmal innovative und flexible Lösungen angeschafft werden. Und die eingesparten Kosten können dann auch gleich wieder in neue Statussymbole investiert werden.


[1]  Die jüngeren unter den Lesern, die mit diesen beiden Markennamen nichts anfangen können, mögen bitte eigenständig Recherche betreiben. Eine Abhandlung über heute verschwundene Pioniere der Unterhaltungs-IT würde den Rahmen sprengen.


autor_christph-lueder
Christoph Lüder,
LEXTA CONSULTANTS GROUP,
Berlin

 

 

Bild: © NinaMalyna/shutterstock.com 

 

Weitere Artikel zu