Social Freezing – erst Karriere, dann Kinder

eiswürfel ms freeEiner der bekanntesten Zukunftsforscher Deutschlands, Sven Gábor Jánszky, hält das umstrittene Social Freezing für einen wesentlichen Trend, der in den kommenden zehn Jahren auch die Lebenswelten der Deutschen bestimmen wird. Er widerspricht damit einer Vielzahl von Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft, die sich über die Pläne von Apple und Facebook empört hatten. Die US-Internetkonzerne hatten angekündigt die Kosten für das Einfrieren der Eizellen ihrer weiblichen Führungskräfte übernehmen zu wollen, wenn diese zunächst Karriere machen wollen und erst später Kinder bekommen.

Sven Gabor Janszky hält das Sozial Freezing nicht nur für möglich, sondern hat es sogar bereits vor einigen Jahren selbst in seinen Büchern als Massentrend prognostiziert. In seinem Trendbuch »2025 – So arbeiten wir in Zukunft« bekommen die beiden Protagonisten Kerstin und Peter Seedorf in fortgeschrittenem Alter nochmals ein Baby aus dem Reagenzglas. Der Trendforscher erklärt in dem Buch die zugrunde liegenden Trends und Konsequenzen für die Lebens- und Arbeitswelten der Zukunft.

Aus Anlass der aktuellen Diskussion um das Social Freezing bekräftigte Jánszky heute seine Prognose, dass dies ein Massenphänom auch in Deutschland für die Zeit nach dem Jahr 2020 sei. Die Gründe für das schnelle Aufkommen und den »rasanten Siegeszug« des Sozial Freezing liegen laut Janszky darin, dass sich hier drei starke Trends der Gesellschaft treffen:

 

  1. Zum Ersten sei die Reproduktionsmedizin bereits in den vergangenen Jahren zu einer weithin akzeptierten und viel genutzten Methode geworden. Auch in Deutschland gibt es abertausende Kinder, die durch eingefrorene Ei- und Samenzellen im Reagenzglas gezeugt wurden weil, sich der Kinderwunsch ihrer Eltern nicht auf natürlichem Wege erfüllte. Die technologischen Verfahren seien in den vergangenen Jahren sicherer und kostengünstiger geworden, so dass die Technologie inzwischen im »Massenmarkt« angekommen sei. Janszky erläutert: »Auf diese Weise entziehen die Menschen ihren Kinderwunsch mehr und mehr dem Zufall und den Launen der Natur und machen ihn zu einem planbaren Schritt in ihrem Leben.«

 

  1. Zum Zweiten werde sich in den kommenden Jahren in der Lebenswirklichkeit der Menschen mehr und mehr die Erkenntnis durchsetzen, dass die durchschnittliche, statistische Lebenserwartung bis zum Jahr 2025 auf etwa 90 Jahre steigen wird. »Damit besteht der Lebenszyklus des Menschen nicht mehr aus 3 Phasen (Jugend, Arbeit, Rente) sondern aus mindestens 8 Phasen«, so Janszky. Der Trendforscher hat diese neuen Phasen des Lebens ausführlich in seinen Trendbüchern »2025 – So arbeiten wir in der Zukunft« und »Das Recruiting-Dilemma« beschrieben. Dies führt dazu, dass mehr und mehr Menschen bei der Planung ihres Lebens die Möglichkeit ergreifen, viel später als früher ihre Kinder zu bekommen. Janszky dazu: »Der Trend zu den späten Eltern ist schon in der Vergangenheit seit vielen Jahren zu beobachten. Er wird sich aufgrund der Verlängerung der Lebenserwartungen nochmals verstärken.« Janszky prognostiziert das Aufkommen von sogenannten »frühen Familien« (bekommen zeitig Kinder) und »späten Familien« (bekommen spät Kinder). »Besonders für die späten Familien ist die Reproduktionsmedizin ein Segen,« so Janszky. »Denn es sei erwiesen, dass die Qualität der menschlichen Ei- und Samenzellen über die Jahre nachlässt. Diese Zellen sind in fortgeschrittenem Alter von zahlreichen Mutationen gezeichnet, die die Chance auf ein gesundes Kind verringern. Dies ist der Grund, warum es für viele Eltern eine lohnenswerte und sehr menschliche Konsequenz sein wird, in jungen Jahren ihre Ei- und Samenzellen für eine spätere Nutzung einzufrieren.«

 

  1. Zum Dritten werde insbesondere in Deutschland aufgrund seiner demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren eine permanente Lücke von 2 bis 5 Millionen nicht besetzbaren Jobs entstehen. Das bedeute, dass der Kampf um gut qualifizierte Mitarbeiter dramatisch zunehme. Eine der wesentlichen Strategien sei dabei die Entwicklung der Unternehmen zu sogenannten »Caring Companies«. Diese organisieren und bezahlen ihren Mitarbeitern und deren sozialen Umfeld einen Großteil der Annehmlichkeiten und Wünsche ihres sozialen Lebens. Janszky wörtlich: »Darunter sind betriebseigene Schulen für die Kinder ebenso wie betriebseigene Pflegedienste für die Eltern und die Kostenübernahmen für Versicherungen, Urlaube und eben auch das Social Freezing. Auf diese Weise sichern sich die Unternehmen die Loyalität ihrer Mitarbeiter in einer Zeit, in der der Headhunter zweimal in der Woche klingelt und jeder Mitarbeiter heute kündigen kann und gleich morgen zehn neue Stellenangebote hat.« In seinem aktuellen Buch über die Arbeitswelt des Jahres 2025 »Das Recruiting Dilemma« (Haufe Verlag) beschreibt und begründet Janszky diese Strategie des sogenanntes »Corporate Life«.

 

Janszky zu Social Freezing Kritikern: »Gefährliche Ignoranz von gesellschaftlichen Trends«

Die Kritiken an den Social Freezing Ankündigungen wies Janszky scharf zurück. Es sei in Deutschland in den etablierten Ebenen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine weitverbreitete Tradition, die Moralkeule über Menschen zu schwingen, die in bestimmten Punkten eine andere Wertevorstellung und Technologieaffinität haben. Doch dies sei völlig unbegründet, da Mensch die Social Freezing betreiben, dies aus freiem Willen und mit großer Kompetenz als souveräne Entscheidung für ihr eigenes Leben treffen. Nach den Worten des Zukunftsforschers sei es eine »gefährliche Ignoranz von gesellschaftlichen Trends, wenn man heute jenen Unternehmen eine böse Absicht unterstellt, die ihre Mitarbeiter darin unterstützen, ein selbstbestimmtes und modernes Leben zu führen.«

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Recherchequellen zum Nachlesen:

Buch: »2025 – So arbeiten wir in der Zukunft« (2013), Goldegg Verlag, Wien

Buch: »Das Recruiting Dilemma« (2014), Verlag Haufe-Lexware, Heidelberg

 

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