Soziale Mobilität in Deutschland: Durchlässigkeit hat sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert

Illustration: Absmeier, Crava_Emanuele

Studie untersucht relative und absolute soziale Mobilität im Berufsstatus der Jahrgänge 1939 bis 1971 in Westdeutschland – Vor allem für untere Statusgruppe verringert sich die soziale Durchlässigkeit hinsichtlich des Berufsstatus – In allen untersuchten Geburtsjahrgängen stiegen absolut betrachtet mehr Personen auf als ab – Männer steigen öfter ab als früher, Frauen steigen öfter auf.

 

Von starker sozialer Durchlässigkeit mit Blick auf den Berufsstatus ist Deutschland immer noch weit entfernt. Das ist das Fazit einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), die die soziale Mobilität in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg auf Basis der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) untersucht hat [1]. Dabei haben Autorin Sandra Bohmann und Autor Nicolas Legewie nicht nur die absolute soziale Mobilität unter die Lupe genommen, also inwieweit sich die tatsächliche soziale Stellung im Vergleich zu den Eltern verändert hat. Sie betrachteten auch die relative soziale Mobilität, also inwiefern Kinder im Vergleich zu anderen aus der gleichen Generation besser gestellt sind, als dies bei ihren Eltern der Fall war. So können die verhältnismäßigen Aufstiegswahrscheinlichkeiten in einer Gesellschaft untersucht werden.

»Es hat sich gezeigt, dass es zwar in allen Kohorten mehr Auf- als Abstiege gab, bei der relativen Durchlässigkeit dagegen aber nur geringe Veränderungen zu finden sind«, fasst Studienautor Legewie die Ergebnisse zusammen.

Kaum Veränderungen bei der relativen sozialen Mobilität

Die Analyse der relativen Mobilitätswahrscheinlichkeiten hat ergeben, dass es weiterhin sehr wahrscheinlich ist, selbst als leitende/r Angestellte/r zu arbeiten, wenn die eigenen Eltern bereits einen solchen Berufsstatus hatten. Die Wahrscheinlichkeit auf diese Position ist in der jüngsten Kohorte (»Generation X«) 5,5-mal höher als ein Aufstieg als Kind von Angestellten mit einfachen Aufgaben oder gelernten FacharbeiterInnen. Dagegen ist bei den Befragten aus der untersten untersuchten Gruppe die Wahrscheinlichkeit im Zeitverlauf gestiegen, als Kind von un- und angelernten ArbeiterInnen in diesem Berufsstatus zu verbleiben, als einen Beruf in der Gruppe der Angestellten und FacharbeiterInnen zu erlangen. In der jüngsten Kohorte war diese Wahrscheinlichkeit dreimal höher. »Die Wahrscheinlichkeit, dass beispielsweise ein Kind einer Ärztin oder eines Arztes später selbst eine gleichwertige Stellung erreicht, ist konstant sehr viel höher geblieben als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeiterkind später zum Beispiel Anwalt oder Anwältin wird«, erklärt Nicolas Legewie.

Eine zunehmende Durchlässigkeit von niedrigen zu hohen beruflichen Positionen konnte die Studie demnach nicht feststellen. »Um eine solche Öffnung zu erreichen, sollten staatlich finanzierte Unterstützungsprogramme, etwa im Bereich der frühkindlichen Bildung, in Erwägung gezogen werden«, so Studienautorin Sandra Bohmann.

Strukturwandel fördert absolute soziale Mobilität

Absolut betrachtet konnten für alle Geburtsjahrgänge von 1939 bis 1971 mehr Auf- als Abstiege beobachtet werden. Das ist vor allem strukturellen Veränderungen in der Bildungs- und Erwerbslandschaft geschuldet. So ist der Anteil der AbiturientInnen und StudiumabsolventInnen im Untersuchungszeitraum von 15 auf fast 45 Prozent gestiegen, der Anteil der Personen mit Hauptschulabschlüssen von 65 auf 23 Prozent gesunken. Parallel hat der Anteil der leitenden und (hoch)qualifizierten Angestellten von 35 auf 45 Prozent zugenommen, während der Anteil der un- und angelernten ArbeiterInnen zurückging.

Über alle untersuchten Gruppen hinweg hat sich der Anteil der Personen, die einen ähnlichen Berufsstatus wie ihre Eltern haben, nur wenig verändert. Auch der Anteil der Auf- und Abstiege ist konstant geblieben: Es steigen mehr Personen auf als ab. Allerdings schaffen im untersten Berufsstatus gerade die jüngeren Jahrgänge immer weniger den Aufstieg.

Mobilitätsmuster von Männer und Frauen haben sich angeglichen

»Die Aufstiegsmuster von Frauen und Männern haben sich im Beobachtungszeitraum weitestgehend angeglichen«, benennt DIW-Ökonomin Bohmann ein weiteres Kernergebnis der Studie. Bei den Frauen hat der Anteil der Aufstiege von 20 auf 32 Prozent zugenommen, bei den Männern ist er im selben Zeitraum von 50 auf 35 Prozent gesunken. »Diese Entwicklung ist vermutlich auf die verbesserte Bildungsbeteiligung und Arbeitsmarktpartizipation von Frauen zurückzuführen«, so die Studienautorin.

 

 

[1] Untersucht wurden westdeutsche Personen der Jahrgänge 1939 bis 1971, die zum Befragungszeitpunkt etwa 45 Jahre alt waren. Die Befragten wurden in vier Gruppen unterteilt: Kriegskinder (Jahrgänge 1939 bis 1945), Nachkriegskinder (1946 bis 1955), Babyboomer (1956 bis 1966) und Generation X (1967 bis 1971). Der soziale Status wurde anhand einer Klassifizierung von vier Berufsgruppen festgelegt: leitende Angestellte, (hoch)qualifizierte Angestellte, Angestellte mit einfachen Aufgaben und gelernte FacharbeiterInnen sowie un- und angelernte ArbeiterInnen.

 

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