Vier von zehn Deutschen sehen soziale Gerechtigkeit als sehr großes Problem

 

  • Was die Bürger sozial gerecht finden, lässt sich nicht auf ein Prinzip reduzieren.
  • Besonders Nicht-Wähler fühlen eine große soziale Schieflage.

 

In Deutschland beginnt der Endspurt im Bundestagswahlkampf. Dreh- und Angelpunkt für die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz ist das Thema soziale Gerechtigkeit. Obwohl die Deutschen finden, dass es ihnen gut geht und die Wirtschaft floriert, sorgen sie sich um soziale Gerechtigkeit. Trotzdem gewinnt die SPD bislang keine neuen Wählerstimmen. Wie stehen die Deutschen zu dem Thema? Antworten hierzu veröffentlichte heute das internationale Meinungsforschungsinstitut YouGov auf Grundlage einer repräsentativen Befragung [1].

 

Demnach findet eine große Mehrheit der Deutschen (79 Prozent), dass es hierzulande an sozialer Gerechtigkeit mangelt. Vier von zehn Befragten meinen sogar, dass Deutschland ein sehr großes Problem in diesem Bereich hat. Trotzdem stimmt mehr als die Hälfte (60 Prozent) der Aussage zu, dass es in Deutschland insgesamt eher gerecht zugeht. Dies sehen vor allem Wähler von CDU/CSU, Grünen, FDP und – mit Einschränkungen – der SPD so. Wähler der Linken und der AfD sowie vor allem Nicht-Wähler schätzen die Lage mehrheitlich schlechter ein.

 

Hinsichtlich der Probleme verweisen die Befragten am häufigsten auf Themen wie Renten, Einkommensunterschiede sowie die Verteilung von Vermögen allgemein. Sie fordern zudem gleich gute Schulbildungsmöglichkeiten für alle Kinder und Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung für jeden Bürger. In der Summe zeigt sich: Was die Deutschen als gerecht empfinden, ist vielschichtig und nicht auf einen einfachen Begriff zu reduzieren.

 

»Für die Bürgerinnen und Bürger betrifft soziale Gerechtigkeit unterschiedliche Themen und ist sehr vielschichtig«, erläutert Prof. Stefan Liebig, Soziologe an der Universität Bielefeld, die Ergebnisse der Studie. »Es bestätigt sich jedoch, dass dabei vor allem gleiche Chancen und faire Bedingungen wichtig sind. Die bestehenden Unterschiede im Einkommen sind an sich in Deutschland kein Problem, mit Ausnahme extrem hoher Einkünfte. Für die Mehrzahl der Deutschen stehen die Bezüge einiger ‚Spitzenmanager‘ in keinem Verhältnis zu deren Leistung und bilden auch nicht mehr die Leistungsunterschiede ab. Damit wird nicht nur längerfristig Vertrauen, sondern auch die Grundlagen unserer sozialen Marktwirtschaft zerstört.«

 

Die YouGov-Umfrage zeigt: mehrere unterschiedliche Gerechtigkeitsprinzipien erhalten hohe Zustimmungswerte. Dabei steht die Chancengerechtigkeit an erster Stelle. Für 92 Prozent der Befragten bedeutet soziale Gerechtigkeit, gleiche Startbedingungen und -chancen zu haben. Gleichzeitig verstehen 88 Prozent darunter, dass insbesondere den Schwächsten geholfen wird. Ebenfalls 88 Prozent der Befragten finden es gerecht, wenn Bürger, die mehr leisten, auch mehr verdienen.

 

Soziale Gerechtigkeit ist eines der zentralen Themen für die Deutschen, auch an der Wahlurne. Allerdings haben Themen wie Alters- und Gesundheitsversorgung sowie Schutz vor Verbrechen und Terror einen höheren Stellenwert. Für rund ein Viertel (24 Prozent) der Befragten ist es das wichtigste Wahlthema. Untern den verschiedenen Wählergruppen gehören überproportional viele Wähler der Linken, der AfD und vor allem Nicht-Wähler zu diesen Befragten. Diese Gruppe kennzeichnet, dass sie sich wirtschaftlich benachteiligt fühlt. Solche Befragten empfinden eher als andere, dass es ihnen schlechter geht als den meisten Menschen in Deutschland. Ihrer Meinung nach bekommen sie nicht ihren gerechten Anteil am gesellschaftlichen Reichtum. Sie betrachten die gesamte wirtschaftliche Lage schlechter, als sie tatsächlich ist. So überschätzen sie zum Beispiel die aktuelle Arbeitslosenquote. Außerdem finden nur 36 Prozent von ihnen, dass es in Deutschland insgesamt gerecht zugeht.

 

Die Deutschen halten beim Thema soziale Gerechtigkeit jeweils »ihre« Partei am kompetentesten. Zum Beispiel betrachten 93 Prozent der SPD-Wähler ihre Partei hier als sachkundig, wiederum 83 Prozent der CDU-/CSU-Wähler sehen ebenfalls ihre eigene Partei vorn. Auffällig ist, dass Nicht-Wähler bei diesem Thema keine politische Heimat finden. Sie empfinden kaum eine Partei als sozial kompetent. Die Politik von SPD und CDU/CSU bewerten nur jeweils 14 Prozent der Nicht-Wähler als sozial gerecht.

 

»Die SPD setzt mit sozialer Gerechtigkeit auf ein Thema, bei dem die Deutschen Unbehagen fühlen«, kommentiert Holger Geißler, Head of Research von YouGov Deutschland, die Umfrage. »Es ist jedoch fraglich, ob sie damit anderen Parteien Stimmen abnehmen oder Nicht-Wähler mobilisieren kann. Insgesamt muss es alle Parteien alarmieren, dass sie Nicht-Wähler bei diesem Thema kaum erreichen.«

 

[1] YouGov befragte im Zeitraum von 3. bis zum 9. Juli 1.906 repräsentativ ausgesuchte Personen in Deutschland ab 18 Jahren in einer geschlossenen Online-Umfrage.
Die Ergebnisse der aktuellen YouGov-Umfrage sowie einen Kommentar von Prof. Stefan Liebig von der Universität Bielefeld können Sie nach Registrierung unter https://yougov.de/political/sozialegerechtigkeit/ herunterladen.

 


 

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