Angst überlagert Chancen der Digitalisierung im Mittelstand

Über drei Viertel der mittelständischen Unternehmen in Deutschland erwarten eine digitale Transformation der Wirtschaft und sehen ohne zunehmende Digitalisierung ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr. Dennoch ist nur bei jedem zweiten Unternehmen Digitalisierung Bestandteil der Unternehmensstrategie, für fast die Hälfte der Unternehmen spielt die Digitalisierung der Geschäftsprozesse derzeit sogar noch überhaupt keine oder nur eine geringe Rolle.

Digitalisierung derzeit nicht relevant?

Obwohl 77 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland erkennen, dass sich durch die Digitalisierung die wirtschaftlichen Abläufe hinsichtlich Geschwindigkeit, Möglichkeiten und Reichweiten grundlegend ändern werden, ist für 49 Prozent das Thema Digitalisierung derzeit nicht relevant. Nur bei jedem zweiten Unternehmen ist Digitalisierung Bestandteil der Unternehmensstrategie. Davon wiederum treiben 30 Prozent das Thema aktiv voran, der Rest reagiert lediglich auf Kundenwünsche oder Wettbewerbsanforderungen. Dies sind die Ergebnisse der aktuellen repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK Enigma unter 1.000 mittelständischen Unternehmen im Auftrag der DZ BANK.

Digitalisierung stärker in das unternehmerische Denken und Handeln einbeziehen

»Den Entscheidern im Mittelstand ist durchaus bewusst, dass sie sich dem Fortschritt stellen müssen und das Thema Digitalisierung stärker in das unternehmerische Denken und Handeln einbeziehen sollten. Der Handlungsdruck scheint aber gering, weil es dem Mittelstand derzeit wirtschaftlich gut geht«, so Stefan Zeidler, Firmenkundenvorstand der DZ BANK »Insgesamt ist das Thema Digitalisierung für viele Unternehmen noch schwer zu fassen, so dass die Angst vor den Risiken, wie die fehlende Datensicherheit oder die Abhängigkeit von der Technik, die Chancen noch klar überlagert«. Bei den wahrgenommenen Chancen der Digitalisierung stehen die Effizienzgewinne und damit verbundene Kosteneinsparungen im Vordergrund. »Welche Chancen hingegen Digitalisierung für den Vertrieb, die Kundenansprache oder für das Erschließen neuer Märkte bietet, erkennen die wenigsten Unternehmen, stattdessen setzten sie Digitalisierung mit Kosteneinsparung gleich«, so Zeidler.

Die Unternehmen, für die Digitalisierung derzeit bereits relevant ist, verfügen über ausreichend qualifizierte Mitarbeiter. Das für digitale Technologien zur Verfügung gestellte Budget ist jedoch überschaubar und wird auch in den kommenden drei Jahren kaum ansteigen. Bei der Mehrzahl der Unternehmen (47 Prozent) sind lediglich bis zu fünf Prozent vom Gesamtbudget für Investitionen in Digitalisierungsvorhaben eingeplant. Von ihren Hausbanken erwarten 40 Prozent der Mittelständler vor allem die Bereitstellung von leistungsfähigeren Zahlungsverkehrssystemen.

Digitalisierung für 70 Prozent der kleinen Mittelständler kein Thema

Mit steigender Umsatzgröße, ab 25 Millionen Euro pro Jahr, wächst auch die Bedeutung der Digitalisierung in den Unternehmen. In dieser Umsatzgrößenklasse spielt dieses Thema für mehr als 60 Prozent der befragten Unternehmen eine wichtige Rolle. Dahingegen sind es mit einem Anteil von 70 Prozent vorwiegend die kleinen Unternehmen mit einem Umsatz unter 5 Millionen Euro pro Jahr, für die der Einsatz digitaler Technologien im Herstellungs- und Wertschöpfungsprozess derzeit keine oder nur eine geringe Rolle spielt. Dass die Bedeutung der digitalen Technologien in den nächsten drei Jahren steigen wird, davon sind alle befragten Unternehmen überzeugt. Grundsätzlich gehen 82 Prozent der Unternehmen davon aus, dass Digitalisierung notwendig ist, um wettbewerbsfähig zu bleiben. 77 Prozent der Befragten erwarten, dass sich die wirtschaftlichen Abläufe zum Beispiel hinsichtlich Geschwindigkeiten, Möglichkeiten und Reichweiten, grundlegend ändern werden. Nahezu jedes zweite Unternehmen gibt an, dass der Einsatz digitaler Technologien bereits heute die eigene Branche verändert habe. Zwei Drittel der Befragten sagen daher, dass die Digitalisierung der Geschäftsprozesse perspektivisch eine sehr wichtige oder wichtige Rolle spielen wird. Mittelständler, die das Thema Digitalisierung in die Unternehmensstrategie eingebunden haben treiben diese auch aktiv voran, für nur sieben Prozent ist dabei der Wettbewerb ein Treiber, für zwölf Prozent sind Kundenanforderungen ausschlaggebend für die Weiterentwicklung digitaler Themen.

Agrarwirtschaft und Ernährungsbranche liegen beim Thema Digitalisierung vorn

Der Branchenvergleich zeigt, dass gerade die mittelständischen Unternehmen in der Agrarwirtschaft beim Einsatz digitaler Technologien vorn liegen. Hier spielt die Digitalisierung für 74 Prozent der Befragten bereits heute eine sehr wichtige beziehungsweise wichtige Rolle. Daher überrascht es nicht, dass die überwiegende Mehrheit (70 Prozent) angibt, dass Digitalisierung ein Bestandteil der Unternehmensstrategie ist. »Gründe für die hohe Relevanz der digitalen Technologien im Wertschöpfungsprozess sehe ich in der steigenden Professionalisierung und den seit Jahren stetig wachsenden Betriebsgrößen in der Agrarwirtschaft«, so Zeidler. Weitere Vorreiter beim Thema Digitalisierung sind die Unternehmen aus der Ernährungs- und Tabakbranche, von denen 64 Prozent die Bedeutung der Digitalisierung schon heute als sehr wichtig oder wichtig einstuften. Schlusslicht bildet der Handel, für den überproportional häufig (45 Prozent) Digitalisierung heute noch unbedeutend erscheint.

Datensicherheit birgt größtes Risiko – Effizientere Prozesse versprechen Kosteneinsparungen und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit

Zu den grundsätzlichen Chancen und Risiken beim Einsatz digitaler Technologien befragt, nannten 80 Prozent der mittelständischen Unternehmen als größtes Risiko die steigenden Anforderungen an die Datensicherheit. Ebenfalls kritisch betrachtet wird die Abhängigkeit der Unternehmen von der technischen Infrastruktur. Menschliches Versagen hingegen wird nicht als großes Risiko angesehen. Nur 18 Prozent der Befragten haben Angst vor dem Ideenklau durch unsachgemäßen Einsatz der digitalen Technologien durch ihre Mitarbeiter. Gleichermaßen gelassen betrachten die Unternehmen den steigenden Wettbewerb durch Start-ups und branchenfremde Anbieter. Bei den Vorteilen stehen technischen Prozesse eher im Fokus als die Datenanalyse. Eine wesentliche Chance beim Einsatz digitaler Technologien sehen die mittelständischen Unternehmen in effizienteren Prozessen und den damit einhergehenden Kosteneinsparungen. Die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch intelligente Produktionsprozesse und die Vernetzung von Abläufen werden ebenso als wichtige Chance im Zusammenhang mit Digitalisierung gesehen. Die ausführliche Markt- und Kundenanalyse durch Big Data und die Erschließung neuer Beschaffungs- oder Absatzmärkte spielen als Chance eher eine untergeordnete Rolle.

Digitalisierung gewinnt für die Ausbildung an Bedeutung

Die Mehrheit der Unternehmen (47 Prozent), für die das Thema Digitalisierung bereits heute relevant ist, beurteilen ihre Mitarbeiter als ausreichend qualifiziert. Daher überrascht es nicht, dass nur wenige Mittelständler (14 Prozent) in den nächsten zwölf Monaten planen, qualifizierte IT-Fachleute einzustellen. Allerdings ist deutlich erkennbar, dass das Thema Digitalisierung in Zukunft bei der Ausbildung in den mittelständischen Unternehmen an Bedeutung gewinnen wird: 41 Prozent der Unternehmen werden künftig die Ausbildung der eigenen Nachwuchskräfte stärker auf digitale Technologien ausrichten. Im Branchenvergleich liegt auch hier die Agrarwirtschaft mit 63 Prozent weit vorn.

Leistungsfähigere Zahlungssysteme von den Hausbanken gewünscht

Etwa die Hälfte der mittelständischen Unternehmen fühlen sich in punkto Digitalisierung von ihrer Hausbank ausreichend unterstützt. Bei Unternehmen, deren Umsatz über 25 Millionen. Euro liegt, gibt es noch Nachholbedarf. Auf die Frage, zu welchen konkreten Themen sich die Mittelständler Unterstützung von ihrer Hausbank wünschen, steht an erster Stelle die Bereitstellung von leistungsfähigeren Zahlungssystemen (40 Prozent), gefolgt von der Finanzierung digitaler Investitionsvorhaben (20 Prozent) und dem Angebot onlineabschlussfähiger Produkte.

___________________________________

Die Daten wurden zwischen dem 8. und dem 31. Juli im Rahmen einer telefonischen Umfrage von GfK Enigma erhoben. Die Stichprobe von 1.000 ist repräsentativ; befragt wurden Inhaber und Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen in Deutschland mit einem Jahresumsatz zwischen 500.000 und 125 Millionen Euro.