Bankenindustrie: Digital Single Market Strategy

Die EU-Kommission hat aktuell drei Großprojekte, und zwar die Bankenunion, die Kapitalmarktunion und den digitalen EU-Binnenmarkt (Digital Single Market Strategy) im Planungsprozess beziehungsweise in der Implementierungsphase.

Die Bankenunion ist Anfang November 2014 mit der Übernahme der direkten Bankenaufsicht (Single Supervisory Mechanism – SSM) über die 123 bedeutendsten Banken des Eurosystems (85 Prozent der Bilanzsummen) durch die EZB gestartet. Die EZB will künftig auch die Geschäftsmodelle der größten Banken prüfen. Das Projekt »Cyber Security« hat in 2015 Top-Priorität im SSM. Weitere Meilensteine umfassen Regelungen für die Sanierung beziehungsweise Abwicklung von Banken (Single Resolution Mechanism – SRM). Eine 3. Projektstufe soll die nationalen Einlagensicherungssysteme (Deposit Guarantee Scheme – DGS) betreffen. Die Bankenunion soll durch eine Kapitalmarktunion bis 2019 ergänzt werden, welche alle 28 EU-Mitgliedstaaten (Single Market) einbinden soll. Ziel der Kapitalmarktunion ist die Errichtung einer integrierten Finanzmarktinfrastruktur (Beispiel: TARGET2-Securities – TS2). Im Rahmen der Kapitalmarktunion sollen auch die Bedingungen für Investoren verbessert und die Finanzierung von technologiegetriebenen Innovationen in Europa stimuliert werden (Infrastrukturprojekte, Breitbandnetzausbau, Industrie-4.0-Projekte, Venture Capital für Start-ups). Die Fähigkeit die komplexe Finanzmarktregulierung im Sinne von Operational Excellence (IT-Compliance) zu beherrschen wird zum Wettbewerbsfaktor für Banken.

Ein strategisches Thema ist die zunehmende Digitalisierung von Bankgeschäften.

Hier wird der Wettbewerb der Zukunft ausgerichtet werden, und hier bieten sich erhebliche Chancen. Mit der Implementierung eines digitalen EU-Binnenmarkts soll beispielsweise auch ein Gründerboom bei innovativen Geschäftsmodellen und Technologien angeschoben werden. Der Action Plan umfasst strategische »Key Issues« in den Bereichen (disruptive) Technologies, Big Data, Future Open Internet, Cloud Computing, E-Infrastructures, Broadband Europa, Cyber Security und Start-up Europa.

Ein Beispiel zur Optimierung der Finanzierung von Start-ups: Die Deutsche Börse hat Mitte Juni 2015 die Onlineplattform »Deutsche Börse Venture Network« eröffnet. Ziel ist es, Start-ups und Investoren zusammenzuführen. Start-ups sollten sich bereits in der sogenannte Growth-, Later-Stage- oder Pre-IPO-Phase befinden und erste Erfolge aufweisen können. Venture-Capital-Investoren sind u.a. Allianz Global Investors, Deutsche Asset & Wealth Management sowie T-Venture. Zur Implementierung des digitalen Binnenmarkts sind 16 Großprojekte vorgesehen, die bis Ende 2016 umsetzt werden sollen. Beispiel: Es soll 2016 eine Initiative zum freien Datenfluss (»Free Flow of Data Initiative«) vorgeschlagen werden, um den Datenverkehr in der EU voranzubringen. Weiterhin soll eine »European Cloud Initiative« vorgestellt werden, in der es um die Zertifizierung von Cloud-Services sowie die Möglichkeit des Wechsels des Cloud-Providers gehen soll.

Digitale Bank

Die Bankenindustrie fokussiert intensiv die strategischen Konsequenzen aus der Digitalisierung für die Geschäftsfelder (Wettbewerbs- / Ertragsstrategien). Eine Rahmenbedingung, unter der der Wettbewerb der Banken derzeit stattfindet, ist das Thema Ertragsdruck. In diesem Zusammenhang ist davon auszugehen, dass trotz anfänglicher Kosten für IT-Investitionen, eine langfristig höhere Profitabilität im digitalen Bankgeschäft zu erwarten ist (Leitbild »Digitale Bank«). Diese dürfte nicht zuletzt aus einer besseren Positionierung im Wettbewerb um Kunden oder aus zusätzlichen Kostenvorteilen im Online- und Mobile-Banking und industrialisierten Wertschöpfungsketten resultieren.

Auf der Management-Agenda stehen die Themenkomplexe Multikanalbank, Filialkapazitäten, Optimierung der Kostenstrukturen und Integration der Multikanalarchitektur in Core-Banking-Systeme. Zahlungsverkehr beziehungsweise Transaction Banking sind Geschäftsfelder, die sich stärker als andere durch die Digitalisierung der Geschäftsprozesse verändern werden. Beispiel: Der Online-Bezahldienst »Pay Direkt« der deutschen Banken (Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, Privatbanken) soll Ende 2015 an den Start gehen. Auch die Anbieter von Payment-Services für Filialbanken (Wincor Nixdorf, NCR, Diebold) geraten zunehmend in ihrem Kerngeschäft unter Konsolidierungsdruck und müssen sich den neuen digitalen Marktanforderungen stellen. Beispiel: Kooperationen mit FinTech Start-ups oder anderen Payment Service Providern.

Neue Wertschöpfungsketten mit Mehrwert entstehen

In der Bankenindustrie geht es bei den aktuellen Digitalisierungsprojekten auch um die Herausforderung, wie man von der traditionellen Prozessverbesserung zur Prozessinnovation kommt und wie die Digitalisierung diesen Schritt unterstützt. Darüber hinaus führt die Digitalisierung dazu, dass neue Wertschöpfungsketten mit Mehrwert entstehen. Ziel des Bankmanagements sollte sein, so früh wie möglich ein Gespür für innovative Prozesse zu entwickeln und diese schneller als die Wettbewerber zu implementieren. Beispiel: Die Deutsche Bank hat bereits im Rahmen ihrer Strategie 2020 angekündigt, eine Milliarde Euro in die Digitalisierung aller Geschäftsbereiche zu investieren. Ab September 2015 sollen in Berlin, London und im Silicon Valley »Deutsche Bank Labs« zum Austausch mit FinTechs eröffnet werden. Beispiel: Entwicklung neuer individualisierter Banking-Produkte und -Services (Wettbewerbsvorteil und Kundenbindung) oder neue (disruptive) Technologien für effizientere bankinterne Abläufe (Innovationskraft). In den Innovationszentren sollen jährlich 500 Start-up-Ideen bewertet werden (Kooperationen mit Microsoft, IBM und HCL). Innovationen sind auch für die Börsenbetreiber wichtige Erfolgsfaktoren. Beispiel: Die Deutsche Börse hat angekündigt, die Potenziale (Software-Applikationen, Daten, IT-Infrastruktur) in einer zunehmend vernetzten Finanzmarktarchitektur durch Software-Tools (Cloud, SaaS-Angebote) zu intensivieren. Das Projekt »Digital Single Market Strategy« und ein digitaler Binnenmarkt soll mit 415 Mrd. Euro p.a. zur Wirtschaftsleistung beitragen (Quelle: EU).

Arnold Wagner

 

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Abbildung: Digital Single Market Strategy