Bezahlsysteme und Online-Glücksspiel: Ist Deutschland wirklich zweitklassig?

Die Skandinavier sind uns weit voraus. Personenkennziffern, Bezahl-Apps und Online Casinos. Was das miteinander zu tun hat und was Deutschland lernen kann.

https://pixabay.com/de

Beim Thema Anwendung neuer Technologien ist Deutschlands Rolle klar: Oft abschätzig als IT-Entwicklungsland verschmäht erhalten viele Neuerungen verspätet Einzug. Das ist bei der Nutzung von Bankkonten und der Regulierung von Online-Glücksspiel nichts anders.

 

Entwicklungsland Deutschland: Beispiel mobile Bezahl-Apps

Ausnahmsweise soll es hier nicht schwerpunktmäßig um mobile Bezahl-Apps gehen. Wir haben bereits vor drei Jahren das mobile Bezahlen per NFC in Deutschland analysiert. Auch im Jahr 2020 werden die Marktanteile dieser Anbieter trotz Apple Pay, Zimpler und Google Pay wohl überschaubar bleiben.

In Läden zahlen die Deutschen weiterhin gern per Karte oder in bar, online sind E-Wallets wie Paypal und Skrill weiterhin beliebt. Im Internet werden hingegen auch Online-Banking per Sofortüberweisung oder Trustly immer populärer. Damit kann man das eigene Bankkonto mit der Webseite verbinden und somit wären wir auch beim eigentlichen Thema.

 

Im Online Casino ohne Spielerkonto spielen?

Es gibt eine neue Generation von Online Casinos ohne Anmeldung. Bislang musste man immer über die Registrierungsmaske ein Spielerkonto erstellen. Nun kann man ohne Registrierung direkt per Trustly einzahlen. Dazu muss man seine Bank auswählen und die gesamten Kontodaten eingeben.

Das geht in der Tat schnell und der große Vorteil sind sehr schnelle Auszahlungen der Casinogewinne. Anstatt bis zu 24 Stunden oder sogar länger auf sein Guthaben zu warten, kann man in den sogenannten No Account Casinos innerhalb von Minuten an sein Geld kommen. In Schweden ist die Nutzung von Casinos ohne Registrierung so noch handlicher. Dort loggt man sich nämlich einfach mit der persönlichen BankID ein.

 

Schwedens BankID, Dänemarks Personnummer

Diese BankID ist eine Kennziffer, die praktisch jeder schwedische Bürger auswendig kennt. Man nutzt sie im Alltag ständig und sie ist mit dem eigenen Bannkonto verbunden. Diese Technologie hat sich als sehr sicher herausgestellt, zudem muss man beim Bezahlen nicht ständig nach Informationen suchen, die man sich einfach nicht merken kann.

Eine solche BankID wiederum kann man mit der schwedischen Sozialversicherungsnummer beantragen. Diese Nummer leitet abermals zu einem Thema über, in dem die Skandinavier weiter sind als wir. In Dänemark greift bereits seit dem Jahr 2012 eine staatliche Regulierung des Glücksspiels im Internet. Eine tragende Rolle kommt dabei der nationalen Personen-Nummer zu.

Die dänische Glücksspielregulierung gilt als gelungen und beispielhaft. Mittels der sogenannten Personnummer loggt man sich in sein Online-Konto für Casino, Poker und Sportwetten ein. Wenn man sich von allen Glücksspielangeboten ausschließen möchte, läuft das ebenfalls über diese persönliche Kennzahl.

 

Die Regulierung von Glücksspiel ist in Deutschland gescheitert

In Deutschland ist man von einer funktionierenden Lösung für Glücksspiel im Internet noch weit entfernt. Bis auf Weiteres agieren die seriösen Anbieter mit den EU-Lizenzen aus dem europäischen Ausland. Auch bei der Anwendung von Personenkennziffern hängt Deutschland weit hinterher. Seit dem Jahr 2005 bekommt jeder Neugeborene automatisch eine Nummer zugewiesen.

Allerdings ist eine universelle Nutzung einer solchen Nummer in hierzulande schwieriges Terrain. Man möchte sich beim Thema Datenschutz nicht auf zu glattes Eis begeben. Es gibt sogar Bedenken, für alle staatlichen Versicherungssysteme ein und dieselbe persönliche Kennzahl zu nutzen.

 

Datenschutz als Hemmschuh?

Eine Nutzung im Bereich privater Webseiten im Internet wäre wohl kaum vorstellbar. Allerdings haben die Bürger in Schweden und Dänemark mit den personenbezogenen Nummern keine schlechten Erfahrungen gemacht. Jedoch ist die Einstellung zu personenbezogenen Daten im nördlichen Europa eine ganz andere. In Norwegen zum Beispiel konnte man bis vor wenigen Jahren offen einsehen, wer wie viel Einkommen erzielt hat. Auch die entrichteten Steuerabgaben waren für jeden öffentlich einsehbar.

Noch immer werden diese Informationen gelistet. Man kann sie aber in der Datenbank nur noch abrufen, wenn man selbst über eine norwegische ID-Kennzahl verfügt. Zudem hinterlässt man beim Stöbern Spuren: Die Zielperson kann sehen, wer an den eigenen Daten Interesse hatte.

Dass in Deutschland diese neue Generation von Online Casinos den Markt erreicht haben, vor diesem Hintergrund durchaus beeindruckend. Fast alle Banken der deutschen Kunden arbeiten mit Trustly. Wäre der Zahlungsservice nicht vom TÜV auf Herz und Nieren geprüft worden, dann wäre wohl nur ein Bruchteil der Kreditinstitute mit an Bord.

 

Der Fortschritt kommt auch in Deutschland an

Dass auch deutsche Spieler trotz aller Hürden vom technologischen Fortschritt profitieren können, ist ermutigend. Trotz vielfacher Kritik und spöttischer Rezeption der vermeintlichen traditionellen Engstirnigkeit in Deutschland kann man es auch anders herum deuten: Was als Behäbigkeit erscheint, ist vielleicht vielmehr als ein Lernen durch Beobachten zu verstehen.

Die Devise könnte auch lauten: Wenn etwas einen unbestreitbaren Mehrwert hat und wirklich zuverlässig ist, dann wird es sich über kurz oder lang auch bei uns durchsetzen. Wenn neue Ansätze und Technologien sich in anderen Ländern verbreiten, kommt es hinreichend getestet beim deutschen Nutzer an. Man muss nicht immer auf der vordersten Welle der Entwicklung surfen, um den besten Nutzen zu erzielen.