Cloud Computing: Der Wandel der Rolle der IT-Administratoren

Während IT-Administratoren früher meist noch Server, Storage und Netzwerk getrennt behandelt haben und somit das wirkliche »Bottleneck« im Fall der Fälle identifizieren konnten, sind sie heutzutage gezwungen, alle Komponenten unter strengen und service-getriebenen Gesichtspunkten zu steuern und zu kontrollieren. Im IT-as-a-Service-Zeitalter (ITaaS)  zählen Service-Level Agreement (SLA)-Konformität, Quality of Service (QoS), Rollen- und Rechtemanagement im Rahmen digitaler Identitäten und Beziehungen beziehungsweise die Interoperabilität von (Wertschöpfungs-) Netzwerken.

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Abbildung: IT-Administration wird zur Service-Administration. Quelle: Experton Group

Verständnis für das Software Defined Datacenter

IT-Administratoren entwickeln sich nicht nur zunehmend zu Prozess- und Information-Management-Spezialisten, sondern müssen zudem auch immer häufiger zum Script-Künstler werden, um sich mit dem Provisionieren und Steuern von entfernten Infrastrukturen via PowerShell anstelle schöner aber zeitraubender Frontends zu bedienen. Zudem sind auch Kenntnisse eines Softwareentwicklers von Nöten und weniger die Kenntnisse über die zugrundliegende Hardware.

Es kommt prinzipiell darauf an. Service-Manager-Anforderungen aus den Fachabteilungen auf den Cloud-Dienst und somit die Plattform inklusive der SLAs »mappen« beziehungsweise übersetzen zu können. IT-Administratoren sind fortan die Manger der verlängerten beziehungsweise ausgelagerten Werkbank, die letztlich einer der wesentlichen Produktionsfaktoren des Unternehmens ist. Je enger Administratoren mit Projektmanagern und SW-Entwicklern kooperieren, desto eher leben sie den DevOps-Gedanken. Neben den Cloud-Management- und Orchestration-Tools sind es auch Configuration-Management-Lösungen wie Chef oder Puppet beziehungsweise auch Packer die IT-Administratoren das Leben über Automatismen erleichtern und zugleich verkomplizieren.

Private Cloud Readiness in Deutschland

Die Experton Group schätzt, dass die Private Cloud Readiness in Deutschland gerade einmal bei 15 % liegt, jedoch in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird. Selbst die Systemhäuser beziehungsweise Hosting-Dienstleister sind mit 25 % noch nicht dort, wo sie im internationalen Wettbewerb ankommen müssen. Steigt in den On-Premise- und professionell oder in Eigenregie verwalteten Rechenzentren langsam aber sicher der Reifegrad, setzen allerdings schon heute über 50 % der Anwenderunternehmen auf Public Cloud Services und zunehmend auch Hybrid Cloud Services. Im Größenklassenvergleich sind die großen Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern mit ungefähr 70 % Cloud-Einsatzgrad den kleinen beziehungsweise mittelständisch geprägten Unternehmen unterhalb dieser Grenze um ungefähr 30 % voraus.

Die zunehmende Private Cloud Readiness beziehungsweise Self-Managed On-Premise Private Cloud Readiness führt dazu, klassische beziehungsweise traditionelle IT-Services auf lange Sicht gesehen abzulösen. Das traditionelle IT-Hosting kann eventuell schon von 2018 auf 2019 durch das Managed Cloud Hosting überholt werden.

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Abbildung: Managed Hosted Private Cloud vs. traditionelles IT Hosting. Quelle: Experton Group

Über alle Unternehmensgrößen hinweg differenziert sich der Markt daher stetig weiter aus und beraubt angestammte Märkte immer häufiger ihres Volumens. Mit derzeit knapp 10 % Anteil an den gesamten IT-Ausgaben ist bereits ein großer Schritt in Richtung der Wolke vollzogen. Bis 2020 könnte der Cloud-Markt bereits ein Drittel beziehungsweise 30 % Anteil erreicht haben und ein durchschnittliches Jahreswachstum von 25 % verzeichnen. Spätestens dann wäre es an der Zeit, den Blickwinkel zu ändern und zu schauen, welche Services beziehungsweise Produkte noch nicht cloud-ready sind beziehungsweise keinerlei Aspekte moderner digitaler und vor allem modularer beziehungsweise elastischer Elemente aufweisen.

Gewinner und Verlierer

Folgende Märkte sind am stärksten von der zunehmenden Erosion durch die Cloud-Inspiration im Hinblick auf

  • agile Entwicklung
  • flexible Bezahlung
  • hybride Vernetzung
  • gekapselte beziehungsweise modulare Prozesse
  • autonome Container

betroffen und sind demnach unter Zugzwang, um den Anschluss an den Markt nicht zu verlieren, indem Wettbewerber und immer häufiger auch Newcomer mit neuen Angeboten an ihnen vorbeiziehen:

  1. Softwareanbieter/ISVs

Kunden fragen immer häufiger nach On-Demand Apps, die geräteübergreifend bereitgestellt und auf Basis standardisierter APIs erweitert und verknüpft werden können. Native Cloud-Applikationen – born in the cloud – bringen zudem eine integrierte Intelligenz hinsichtlich der Adressierung der zugrundeliegenden Infrastruktur mit, so dass weniger Managed Services zur Dienstbereitstellung erforderlich sind, die Integration sichergestellt ist und vor allem Energie und letztlich Kosten eingespart werden können.

  1. Systemhäuser und (klassische Shared Domain) Hoster

Systemhauskunden suchen immer häufiger nach dem »Alles-aus-einer-Hand-Prinzip«, so dass neben der reinen HW- und SW-Lieferung, die immer häufiger durch XaaS abgelöst wird und eine geringere Marge abwirft, auch Beratungs-, Integrations- sowie Provider-Kompetenzen gefragt sein werden. Darüber hinaus ist IT heutzutage in Bezug auf Trends wie Big Data, Social Business, Security und Mobile Enterprise eng mit dem Business verzahnt. Ein holistischer Blick über eigene Kompetenzen oder enge Partnerschaften hinaus ist daher unerlässlich gegenüber reifen Kunden. Diese notwendige Weiterentwicklung des Geschäftsmodells wird zu einer weiteren Konsolidierung und zum Ausscheiden vieler unbeweglicher Marktteilnehmer führen.

  1. Outsourcing-Anbieter

Mit steigendem Grad der System-Autonomie auf Basis der zunehmenden IT-Durchdringung in wertschöpfenden Prozessen steigt die Abhängigkeit von der IT, die inzwischen Produktionsfaktor geworden ist. Gleichzeitig steigen auch das Verständnis und die Transparenz von IT, so dass alte Verträge mit Pauschalbeträgen und Flat-Tarifen für generische Leistungen keinen Kunden von morgen adressieren können. Verträge werden daher immer häufiger auf Basis von definierten und konkretisierten Paketen beziehungsweise Kontingenten aufgesetzt, so dass die Marge nur noch in wenigen, aber dafür geschäftsrelevanten Prozessen hoch bleiben kann.

  1. Retailer

Die Handelsbranche ist mehr denn je dazu gezwungen, neue Absatz- und Kundenbindungskanäle zu evaluieren. Der Hype auf moderne E-Commerce-Plattformen ist ungebrochen, so dass der Markt förmlich von kleinen, flexiblen und kostengünstigen Web-Frontends überflutet wurde. Hierzu zählen beispielsweise Magento, Oxid und viele weitere wie bspw. das neue Spryker. Gleichzeitig sind einige dieser jungen Lösungen zu standardisiert beziehungsweise nicht unbedingt in der Lage, über eine Modularität bereits vorhandene Teilsysteme in Enterprise-Umgebungen zu integrieren. Nicht selten sind diese Lösungen open-source-basiert und glänzen mit Kompaktheit sowie Corporate-Design-Anpassungsfähigkeit via Templates. Retailer müssen heutzutage die Spielregeln des Netzes kennen und Kunden Plattformen bieten, die nicht nur zentrale Produktverwaltung, Multi-Channel-Anbindung, zentrale Preis- und Rabattgestaltung und kollektive Massenänderungen unterstützen. Es gilt, über Mobile und Big Data Analytics Kundenwünsche spätestens im Augenblick des Entstehens und bestenfalls vor dem Entstehen aufzugreifen beziehungsweise zu »erahnen«.

Als vertiefendes lohnt sich der Blick in die erneut wachsende E-Commerce-Welt, in dem es keine Seltenheit ist stark angepasste Systeme über Re-Standardisierung aus verteilten Lokationen in die Neuzeit zu überführen und den Warenbestand und Faktura über das große Hybris im Backend laufen zu lassen. Damit Kunden nun unterwegs oder von zuhause mittels schicken Frontends ihre Kauflust befrieden können, müssen vor allem synchrone Prozesse performant sein – ansonsten verliert man den Kunden »on the fly«.

Wer hat den Vorteil auf seiner Seite?

  • Unternehmen aller Art, die es trotz des täglichen Geschäfts geschafft haben, ein »special attack team« in Form einer neuen Digital Business Unit zu initiieren, mit dem Ziel, sich von meist veralteten und verkrusteten Unternehmensstrukturen zu befreien, um Agilität zu gewinnen.
  • Sogenannte »Digitalagenturen«, die oftmals klein und wendig sind und vor allem IT- und Social-Business- beziehungsweise Social-Media-durchdrungene Geschäftsbereiche wie beispielsweise HR und Marketing sowie E-Commerce adressieren und klassischen Dienstleistungsunternehmen als strategischer und technisch versierter »Wingman« in Großprojekten der Cloud Transformation zur Seite stehen. Ein weiteres Segment mit Zukunftspotenzial sind Intranet Agenturen mit Fokus aus Sharepoint wie bspw. die IPI oder auch Kommunikationsspezialisten wie Evernine.
  • Generell sind Händler mit voll synchronisierten und digital verzahnten Prozessen im Vorteil. Der Wettbewerb im digitalen Handel hat in den letzten 2 Jahren erheblich zugenommen und spielt den gut aufgestellten Anbietern die Kassen voll. Zögernde Anbieter mit alten Systemen und vielen nicht synchronisieren Abteilungen beziehungsweise Prozessen und in der Konsequenz auch Inkassoabteilungen, verlieren jeden Tag mehr an Boden und sind vom Marktaustritt bedroht.

Heiko Henkes, Experton Group, www.experton-group.com