ERP in der Cloud braucht spezifische Geschäftsprozesse

Der Cloud-ERP-Markt muss beweisen, dass auch mit SaaS-Modellen individualisierte Abbildungen der Geschäftsprozesse verwirklicht werden können

Bottom Line (ICT-Anwendersicht):

Vielen Anwendern steht aktuell ein Wechsel der ERP-Software bevor, da die meisten Lizenzen um das Jahr 2000 erworben worden sind und ERP-Software klassischerweise einen Lebenszyklus von rund zehn bis fünfzehn Jahre aufweist. On-Demand-Lösungen werben hierbei mit kostenflexibleren Pay-per-Use(r)-Modellen, kürzen Einführungsphasen und zu buchbaren Modulen. Gerade mittelständische Unternehmen, für die solche Modelle besonders attraktiv sind, sollten die einzelnen Angebote genau evaluieren und beachten, dass es sich bei On-Demand Lösungen oftmals um stellenweise hochgradig standardisierte Software handelt.

Bottom Line (ICT-Anbietersicht):

Anbieter haben es noch schwer, große Unternehmen für ihre SaaS-ERP-Lösungen zu gewinnen. Der Markt für solche Software ist in Deutschland noch schwer erschließbar. Vielen Anwendern ist gerade die persönliche Note ihrer ERP-Prozesse wichtig, und man ist nicht bereit, sich auf standardisierte Produkte einzulassen. Auch der Sicherheitsaspekt, den es bei Cloud-Lösungen im Bereich der geschäftskritischen Anwendungen zu beachten gilt, dürfte viele Anwender noch abschrecken. Anbieter sind also nach wie vor dazu aufgerufen, diese Bedenken zu entkräften und ihre Lösungen durch entsprechende Features und Erweiterungen, attraktiver zu gestalten. Gerade im Bereich der Usability und des Designs, ließen sich jedoch in den letzten Jahren enorme Verbesserungen feststellen.

Der Markt für SaaS-ERP-Lösungen gestaltet sich als schwierig zu erschließender Wettbewerbsschauplatz, obgleich abzusehen ist, dass der aktuelle Zeitpunkt vielerorts zu einem Wechsel der Software führen wird, da ERP-Lösungen im Durchschnitt einen Lebenszyklus von etwa zehn bis fünfzehn Jahren haben und die meisten Anwendungen um das Jahr 2000 bezogen wurden. Die Wahl fällt nun entweder erneut auf On-Premise-Angebote oder auf weitaus stärker standardisierte On-Demand-Lösungen in der Cloud.

Viele Unternehmen sehen jedoch gerade in der individuellen Abbildung ihrer Prozesse die wichtigste Funktion einer ERP-Lösung und erwarten deshalb einen extrem hohen Individualisierungsgrad. Dies hat zur Folge, dass die Anbieterlandschaft in unzählige spezialisierte Anbieter aufgeteilt ist, die die zumeist mittelständisch geprägten Unternehmen damit von ihrem Produkt überzeugen wollen. Standardsoftware wird in diesem Bereich insofern eher kritisch beäugt und tendenziell eher abgelehnt.

Es muss jedoch beobachtet werden, dass viele SaaS-ERP-Anbieter einen modularen Aufbau ihrer Lösung anbieten, der sich im Bedarfsfall beliebig erweitern lässt und somit auch individuelleren Anforderungen gerecht werden kann. Allerdings sind diese Module, die der Erweiterung dienen, im letzten Schritt auch nur standardisierte Applikationen. Erhöhte Kosten für diese Module sind selbstredend zu erwarten und trüben die Kostenvorteile der schnell verfügbaren Online-Lösungen, die im Standard per User & Monat abgerechnet werden.

Dennoch präsentiert sich der Standard oftmals kostengünstig, ist sehr gut kalkulierbar und hat auf Grund der schnell kündbaren Services vor allen Dingen für (sehr) kleine und mittelständische Unternehmen eine hohe Attraktivität. Dies hat zur Folge, dass echte SaaS-ERP-Lösungen, in denen die Software in der Public Cloud beim Provider betrieben wird und alle Kosten enthält, nicht sonderlich weit verbreitet und eher auf kleine und mittelständische Kunden fokussiert sind, die eine Einschränkung im Grad der Individualisierung aufgrund der flexiblen User/Monat-Kostenabrechnung in Kauf nehmen können und auch wollen.

Alle im Rahmen des »Cloud Vendor Benchmark 2014« analysierten und bewerteten Anbieter fokussieren dementsprechend auch tendenziell eher den Bereich der kleinen und mittelständischen Unternehmen, Ausnahmen sind jedoch vorhanden.

Die Bewertungskriterien einer SaaS-ERP-Lösung weichen dabei erheblich von denen einer On-Premise-Lösung ab. Während traditionell neben dem reinen Funktionsumfang und der Funktionstiefe die Individualisierungsmöglichkeiten im Vordergrund einer ERP-Bewertung stehen, rückt dieser Aspekt bei einer SaaS-Lösung in den Hintergrund. Andere Aspekte gewinnen bei einem Cloud-Computing-Modell dagegen an Bedeutung. So sind die Integration von Social Features und eine moderne Web-Oberfläche mittlerweile wichtige Entscheidungskriterien.

Daher sind die wichtigsten Bewertungskriterien im Bereich SaaS-ERP:

  • Ergonomie und Benutzerführung
  • Funktionsumfang
  • Modularer Aufbau
  • Integration von IT-Trends (Social, Big Data, Mobile)
  • Preisniveau
  • Provider-Standort und Erfahrung beim Cloud-Betrieb
  • Migrationspfade

Bewertung einzelner Anbieter

Aus Sicht der Experton Group gelingt es insgesamt fünf von marktrelevanten 14 Anbietern, sich im Leader Quadranten des Segments SaaS-ERP zu positionieren. Ebenso gibt es einen »Rising Star«-Anbieter, der zwar eine überdurchschnittliche Portfolio-Attraktivität aufweist und eine sehr innovative Lösung präsentiert, jedoch im Bereich der Wettbewerbsstärke noch hinter einigen anderen Vendoren zurückliegt.

Der deutsche Anbieter SAP bleibt auch in diesem Jahr deutlich im Leader-Quadranten und schnitt mit seiner Lösung »Business ByDesign« sowohl in der Portfolio- Attraktivität als auch in der Wettbewerbsstärke überdurchschnittlich gut ab. Die enorme Summe, die in die Entwicklung dieser Lösung geflossen ist, macht sich an dieser Stelle deutlich bemerkbar. Die Unternehmenssoftware bietet einen sehr hohen Funktionsumfang hinsichtlich der Vertriebssteuerung, der Personalverwaltung, des Projektmanagements und der Lieferkettenübersicht, kombiniert in einer ganzheitlichen Software, die selbstverständlich alle Vorteile einer SaaS-Lösung bietet – schnellere Verfügbarkeit, flexiblere und geringere Kosten und mobile Einsatzmöglichkeiten. Die Transformation und die Ambitionen des Unternehmens in Richtung Cloud rahmen diese Lösung daher sinnig ein. Bis zum Jahre 2017 will man bei SAP einen Cloud-Umsatz von insgesamt 3,5 Milliarden Euro einfahren und ein jährliches Wachstum von 35 Prozent erreichen. Im ersten Quartal dieses Jahres zeichnete sich bereits ab, dass dieser Wachstumspfad durchaus möglich ist. Durch angekündigte Neueröffnungen von weltweiten Rechenzentren, will man auch den regionalen Regulierungen gerecht werden, um nationale Compliance-Anforderungen abfedern zu können. Dies könnte die Bedenken vieler User hinsichtlich des Datenschutzes verringern und dazu führen, dass der SaaS-ERP-Markt weiter wachsen kann.

grafik experton SaaS-ERP-Anbieter

Abbildung: Positionierung der Anbieter von Software as a Service im Bereich ERP. Quelle: Experton Group AG, 2014.

Als weiterer großer Player konnte sich der englische Anbieter Sage mit seiner Lösung »Sage Office Line 24« im Leader-Quadranten positionieren. Als einer der weltweit größten Anbieter für KMU Software wagte man den Schritt in die Cloud zwar später als andere Vendoren, was sich jedoch nicht negativ auswirkte. Die Hauptmodule der Warenwirtschaft und des Rechnungswesens lassen sich durch einen guten modularen Aufbau sinnig erweitern und bieten daher einen hohen Funktionsumfang, große Flexibilität und ein modernes Design. Die Möglichkeiten zur Individualisierung – immerhin ein Kernaspekt der ERP-Lösungen – sind somit gegeben. Die Mehrmandanten-, Fremdsprachen- und Fremdwährungsfähigkeiten dienen zusätzlich dazu, auch internationale Geschäfte adäquat abwickeln zu können. Die große Marktstärke und die gute Partnerlandschaft von Sage unterstreichen neben dem flexiblen Preismodell die gute Positionierung. Lediglich die Integration von Social-Funktionalitäten wurde bisher nicht umgesetzt.

Neben SAP und Sage ließ sich auch der deutsche Anbieter Scopevisio AG als Leader ausmachen. Das Unternehmen hat den disruptiven Charakter des Cloud-Geschäfts bereits frühzeitig erkannt und in seinem Portfolio stimmig umgesetzt. Die guten Funktionalitäten innerhalb der Segmente des Kundenmanagements, des Vertriebs, der Buchhaltung und der Finanzen überzeugen hierbei gänzlich. Es muss jedoch angemerkt werden, dass klassische Werkzeuge zur Produktionsplanung und -steuerung fehlen, da man versucht, eine moderne, schlanke Alternative zu klassischen ERP-Systemen zu etablieren, die vor allen Dingen für Dienstleister attraktiv ist. Der Vertrieb über den Telekom Business Marketplace und die 1&1 AG sowie das deutsche Rechenzentrum sind weitere Pluspunkte, die für die hohe Wettbewerbsstärke des Anbieters sprechen. Die Lösung lässt sich in drei unterschiedlichen Bezugsmodellen mieten und bietet somit auch hierbei ein hohes Maß an Flexibilität, um dem Anwender tatsächlich nur das zu liefern, was er benötigt.

Die Experton Group zeichnet aktuell den amerikanischen Software-Anbieter Infor als Rising Star im Bereich Software-as-a-Service-ERP aus. Die regelmäßigen Akquisitionen – beispielsweise Orbis Global, ein SaaS-Anbieter für Marketing Resource Management – die stellenweise auch für die deutsche Marktkonsolidierung wichtig sind, beweisen ein beachtenswertes Unternehmertum und zeugen davon, dass das Unternehmen gewillt ist, Geschäftsapplikationen für bestimmte Industriezweige gänzlich neu zu definieren. Die »Cloud Suite«, welche erst seit Anfang dieses Jahres auf dem Markt ist, ist dabei sehr umfassend aufgestellt und bietet die unterschiedlichsten Module, um den ERP-Bereich angemessen abdecken zu können. Man will bewusst auch Applikationen im SaaS-Segment anbieten, die mit geschäftskritischen Daten hantieren, um zu beweisen, dass auch in diesem Marktsegment umgedacht werden muss und die Sicherheit der Daten mittlerweile gewährleistet werden kann. Der ganzheitliche Ansatz der Lösung, welche nicht nur auf KMUs zugeschnitten ist, sondern durchaus auch von großen Unternehmen gewählt werden kann, zeichnet sich vor allen Dingen dadurch aus, dass die Individualität des Kunden in seinen ERP-Prozessen gewährleistet werden soll und durch die Ausrichtung auf diverse Industriezweige auch den vertikalen Tiefgang berücksichtigt. Einziger Wermutstropfen ist hierbei die Tatsache, dass aktuell noch über die Amazon Web Services Rechenzentren gehostet wird. Dadurch dass die Lösung erst kürzlich eingeführt wurde, fehlt es selbstredend noch an Wettbewerbsstärke, die sich jedoch in den kommenden Jahren mit Sicherheit ausbauen lässt.

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Oliver Giering