Ist das deutsche Internet bereit für Netflix?

Seit Monaten gingen die Gerüchte durch die Medien, heute um Mitternacht war es dann soweit: Netflix, der weltweit größte Anbieter für Video-Streaming, hat sein Angebot in Deutschland gestartet.

Das ist mehr als nur die Eröffnung einer weiteren Unterhaltungsseite im Internet. Was in den 90er Jahren als Versand für Videofilme begann, hat in seiner Heimat, den USA, klassische Kabelnetzbetreiber erheblich unter Druck gesetzt. Mit seinen aktuellen Nutzerzahlen ist Netflix streng genommen der größte Fernsehsender in den USA. Rund um die Uhr streamen seine Kunden Serien und Spielfilme per Internet auf mobile Endgeräte, Set-Top-Boxen und Smart-TV.

Das Geschäftsmodell von Netflix benötigt Bandbreite. Und zwar sehr viel davon. Sowohl in den Backbones der Internet Service Provider (ISP) als auch an den Anschlüssen seiner Kunden. Egal auf welchen Markt Netflix seit 2010 auch expandierte (Kanada, Lateinamerika, Großbritannien oder Skandinavien), überall führte dies zu einem weitaus höheren Bedarf nach Übertragungskapazitäten. In den USA ist Netflix nach aktuellen Erhebungen bereits für 35 Prozent des gesamten Downstreams verantwortlich und hat damit sogar nennenswerten Einfluss auf das globale Netz.

Mit Maxdome, Watchever, Amazon Prime etc. bereiten bereits seit einiger Zeit andere Anbieter den deutschen Markt für Video-on-Demand (VoD). Es gibt also eine Vielzahl von sogenannten Over-the-top-content-Anbietern, im Branchenjargon auch OTT-Provider genannt, die mit nahezu identischen Geschäftsmodellen auf Breitbandanschlüsse und Netzwerkkapazität als »Rohstoff« für ihre Dienste angewiesen sind. Ein Beweis dafür, wie wichtig es ist, diesen Rohstoff in noch besserer Qualität (höhere Bandbreite) und Quantität (Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen in Deutschland) anzubieten. Denn die technische Entwicklung allein in diesem Bereich wird durch den Wettbewerb zwischen den Unternehmen noch höheren Bedarf an Kapazitäten fordern. Spätestens wenn Netflix Übertragungen im Format Ultra-HDTV im Regelbetrieb anbietet – bisher gibt es nur ausgewählte Inhalte in 4K –, werden Kunden diese Qualität auch abrufen wollen. Amazon hat für seinen Prime-Service ähnliche Überlegungen bereits angekündigt.

Die Kunden an den Empfangsgeräten wollen Sendungen rund um die Uhr in der bestmöglichen Qualität abrufen. Für sie ist der Zugang zum Internet nichts anderes als die Stromversorgung. Zuverlässig und verfügbar muss sie sein. Welchen Anstrengungen dahinter stehen, ist dem Konsumenten unwichtig. Der ISP, der die Leistung nicht in der erforderlichen Qualität liefert, muss damit rechnen, gegen einen Mitbewerber ausgetauscht zu werden.

Der Markteintritt von Netflix unterstreicht auf der einen Seite, die Notwendigkeit, den Breitbandausbau in Deutschland zu intensivieren. Denn OTT ist nur der Vorbote weiterer Geschäftsmodelle und Technologien, die flächendeckend schnelles Internet erfordern (denken Sie hier nur an die Telemedizin und den Zuwachs des Cloud Computing). Hier sind Wirtschaft und Politik gemeinsam gefordert.

Breitbandkonsumenten wie Netflix erfordern aber auch eine intelligente Bewirtschaftung der Netzwerkstrukturen. Genau wie die Stadtwerke in der Lage sind, bei Wind und Wetter die Ballungsräume in gleichbleibender Qualität zu versorgen, müssen die Betreiber der Breitbandnetzwerke ihre Infrastrukturen für plötzlich auftretende Spitzen rüsten. Sie müssen reagieren können, wenn die Mehrheit der Kunden sich spontan und gleichzeitig mit Netflix oder anderen Anbietern verbindet. In der Analogie zur Stromversorgung ist dann das Einschalten aller Lichter gefordert. Andererseits darf ein plötzliches, nicht planbares Anwachsen des Datenverkehrs (etwa verursacht durch die Live-Übertragung eines Sportereignisses) nicht dazu führen, dass Server unter der Last zusammenbrechen.

Der Markteintritt eines Global Players wie Netflix bietet der deutschen Internetwirtschaft die Chance, vorhandene Technologien und Strategien kritisch zu überprüfen, um für die Entwicklungen der Zukunft gerüstet zu sein.

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Kommentar von Eugen Gebhard, Regional Carrier Sales Director, EMEA bei Ciena

autor Ciena - Eugen Gebhard_1