Nationaler IT-Gipfel: Fortschritt auch abseits des Rampenlichts gewährleisten

Die deutsche Bundesregierung hat zum Nationalen IT-Gipfel eingeladen. Hochkarätige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kommen unter dem Arbeitsauftrag »Arbeiten und Leben im digitalen Wandel – gemeinsam.innovativ.selbstbestimmt« zusammen. Dabei sollen konkrete Aufgaben zugeordnet werden, um den Standort Deutschland hinsichtlich der Informations- und Kommunikationstechnologien zu stärken. Bei dieser Aufgabenstellung werden die Fragen von Breitbandausbau und Industrie 4.0 eine zentrale Rolle spielen. Impulse und Engagement, jedoch keine aktionistischen Eingriffe in den Wettbewerb sind dringend notwendig, damit die Digitalisierung auch abseits des Gipfel-Rampenlichts in Deutschland entscheidend vorankommt.

Die deutsche Bundesregierung hat zum mittlerweile achten Nationalen IT-Gipfel eingeladen. Nach der Pause im vergangenen Jahr kommen nun die Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft unter dem als Arbeitsauftrag gedachten Gipfeltitel »Arbeiten und Leben im digitalen Wandel – gemeinsam.innovativ.selbstbestimmt« in Hamburg zusammen. Dabei sollen konkrete Aufgaben zugeordnet werden, um den Standort Deutschland hinsichtlich der Informations- und Kommunikationstechnologien zu stärken. Hierbei geht es um zentrale Fragen wie »Digitale Wirtschaft in Deutschland«, »Vernetzte Anwendungen und Plattformen für die digitale Gesellschaft«, bis hin zu »Innovative IT-Angebote des Staates« oder »Digitale Netze und Mobilität«. Angesichts der Fülle der Aufgaben, die zu bewältigen sind, wird das Standortthema Industrie 4.0 die Diskussion sicher entscheidend prägen.

Smart Factory

Ein zentrales Element von Industrie 4.0 ist die intelligente Fabrik (Smart Factory). In der Smart Factory kommunizieren Menschen, Maschinen und Ressourcen unmittelbar und ohne Medienbrüche (das heißt schnell und ohne Übertragungsfehler) miteinander. Intelligente Produkte kennen ihren Herstellungsprozess und künftigen Einsatz. Das Konzept erfasst sowohl die Wertschöpfung an sich, aber auch die Arbeitsorganisation, die Geschäftsmodelle und die nachgelagerten Dienstleistungen – bis hin zur Rechnungsstellung und Finanzierung. In der Umsetzung werden dazu Produktion, Marketing und Logistik unmittelbar über die Informationstechnologie miteinander verknüpft und dabei alle Betriebsmittel, Produktionsstätten und Lagersysteme einbezogen.

Industrie 4.0 lockt mit enormen Potenzialen; dies allerdings eher langfristig. So schätzt acatech, dass die Produktivität um 30 % steigen könnte. Daneben berechnet das Fraunhofer Institut, dass die deutsche Wertschöpfung bis zum Jahr 2025 um rund 270 Milliarden Euro wachsen dürfte, das heißt mehr als 10 %. Diese Schätzungen setzen allerdings voraus, dass die offenen Aufgaben bezüglich Kontrollhoheit, Sicherheit, Vertraulichkeit, Standardisierung und Rechtsrahmen bald gelöst werden.

Leistungsfähigkeit der Datennetze

Daneben steht und fällt diese Potenzialeinschätzung mit der Leistungsfähigkeit der Datennetze. Kapazitätsengpässe im Datennetz sind angesichts des ständig steigenden IP-Volumens nämlich alles andere als eine ferne Utopie, sondern durchaus gegenwärtig. Digitalisierung kann nur dann erfolgreich voranschreiten, wenn hoch leistungsfähige Datennetze (insbesondere hinsichtlich Systemverfügbarkeit und Geschwindigkeit) vorhanden sind, die die Betriebsabläufe allzeit verlässlich ermöglichen. Umso mehr stimmt nachdenklich, dass die deutschen Unternehmen bei der Nutzung moderner Breitbandnetze lediglich im Mittelfeld der EU-27 liegen und in absehbarer Zeit international weiter zurückfallen könnten. Im Sinne des Standorts Deutschland sollte das Breitbandnetz also dringend vorangebracht werden. Hierzu sind allerdings erhebliche Anstrengungen erforderlich – so wird geschätzt, dass allein Deutschland in den nächsten Jahren bis zu 90 Milliarden Euro investieren muss. Der Nationale IT-Gipfel bietet den geeigneten Rahmen, damit Netzbetreiber, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sich über die Anforderungen verständigen, sodass diese enormen Investitionen tatsächlich auch bald getätigt werden.

Digitale Agenda und »Netzallianz Digitales Deutschland«

Der Nationale IT-Gipfel hat die sehr ambitionierte Zielsetzung, auf die mit der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft verbundenen vielfältigen brennenden Fragen gute Antworten zu finden, von der Sicherheit bis hin zur Finanzierung der Netze. Dabei sind beispielsweise mit der Digitalen Agenda der Bundesregierung und der »Netzallianz Digitales Deutschland« wichtige Schritte bei der politischen Unterstützung von Innovationen hierzulande bereits getan. Allerdings müssen diesen bald weitere beherzte Schritte folgen. Konkret sollten beispielsweise Volumen und Effizienz der Förderprogramme erhöht und blockierende Konkurrenzsituationen zwischen den staatlichen Einheiten und der Privatwirtschaft beseitigt werden. Es braucht also durchaus staatliche Impulse, dies allerdings mit Augenmaß. Denn langfristig wäre der Volkswirtschaft mit umfassenden aktionistischen Eingriffen in den Wettbewerb nicht geholfen. Im Sinne des Standorts Deutschland muss die Digitalisierung auch abseits des Gipfel-Rampenlichts entscheidend vorankommen!

Stefan Heng

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Dr. Stefan Heng, Senior Economist bei Deutsche Bank Research

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