Satire – Warum sich Hausmessen nicht mit echten Messen messen können

Satire – Warum sich Hausmessen nicht mit echten Messen messen können

Das tägliche Leben im IT-Management ist härter als jede Dschungelprüfung.
Heutige Prüfung: CeBIT & Co

Früher war die Welt für das IT-Management noch in Ordnung. In jedem Jahr gab es maximal zwei Pflichttermine, wenn es darum ging, sich um die Innovationen rund um die IT zu informieren. Im Frühjahr pilgerte alles, was Rang und Namen hatte, nach Hannover zur CeBIT – und das sowohl auf Anbieter- als auch auf Kundenseite. Überteuerte Unterkünfte selbst in 100 km Entfernung, legendäre Standpartys (damals sagte man noch »Fete« dazu), zweimal täglich Verkehrskollaps, niemand konnte sich leisten, nicht zu sehen oder gesehen zu werden. Für alle, die schon zur Halbzeit des Jahres Entzugserscheinungen hatten, gab es bis 2008 zusätzlich die Systems in München, die kleinere Schwester der CeBIT.

Doch irgendwann in der Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends emanzipierten sich auf einmal die Aussteller. Vordergründig wurde vorgeschoben, der gesamte Aufwand wäre zu teuer und würde überhaupt nichts bringen. Oder war der wahre Grund der Futterneid? Die Möglichkeit für den Kunden, an einem Ort zu vergleichen, Vor- und Nachteile innerhalb kürzester Zeit und auf kleinstem Raum gegeneinander abzuwägen? So wurden schließlich eigene Veranstaltungszyklen parallel dazu aufgebaut und dem Kunden als Verbesserung verkauft. Die Vorteile lagen glasklar auf der Hand: Kein Stress in Hannover, exklusive Zugehörigkeit zum erlesenen Kreis der eingeladenen Topmanager, Treffen in Tagungshotels weitab von der Infrastruktur, aber vor allem: ungestört vom lästigen Wettbewerb.

So wurden die Terminkalender im IT-Management schnell gefüllt, denn keiner wollte in diesem Spiel dem anderen nachstehen. Und der IT-Leiter, der keine Einladungen bekam, musste geknickt die mangelnde Wertschätzung als Kunde zur Kenntnis nehmen, der nur eine CeBIT-Freikarte bekam, aber nicht zum Gipfeltreffen der Software-Entwickler des nördlichen Schwarzwalds oder zum Jahrestreffen der Kistenschieber in Südschleswig eingeladen wurde. Schlimmer noch: Statt mindestens die Hälfte des Berufsalltags auf diesen superwichtigen, einzigartigen und auch für die Volkswirtschaft absolut notwendigen Spezialtreffen zu verbringen und damit gleichzeitig sowohl topinformiert als auch kulinarisch gut verköstigt zu sein, musste sich der gemeine Management-Außenseiter nicht nur der eigentlichen Arbeit widmen und die IT seines Arbeitgebers managen, sondern auch noch das Mittag-essen selber zahlen.

Nach dem Besuch zahlreicher Hausmessen stellte sich der geneigte IT-Manager dann spätestens beim Blick auf die Waage, die unbestechlich die letzten 10 Kilogramm Kekse, die zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen inhaliert wurden, anprangerte, die alles entscheidende -Frage: Bringt mich der Veranstaltungsmarathon weiter? Oder bin ich von einer Markttransparenz und einem guten Überblick über den Stand der Technik inzwischen meilenweit entfernt? Setze ich doch lieber auf ein paar kompakte Tage an einem Ort?

Ein Trend ist zwar nicht unmittelbar erkennbar, aber zumindest die Entscheidung bei der CeBIT, sich wieder mehr dem Fachpublikum zu widmen und die »Beutelratten« in die Schranken zu weisen (beziehungsweise für diese gar nicht erst die Schranke zu öffnen). Auch bei den Anbietern hat es möglicherweise ein Umdenken gegeben, so dass zwischenzeitlich verloren gegangene Schafe inzwischen zur -Herde der CeBIT-Aussteller zurückgefunden haben. Keiner wird den strömenden Menschenmassen und der Massenmenschhaltung in Bussen, Bahnen und Hotels der frühen 2000er-Jahre nachtrauern. Ebenso wird aber kaum jemand einer Veranstaltung eine Träne nachweinen, auf der nur ein Hersteller oder Dienstleister seine Fähigkeiten anpreist – dies manchmal auch nur mehr schlecht als recht.

Diese Ansicht ist natürlich sehr -polarisierend und einseitig – möge also jeder Mensch im IT-Management selber entscheiden, an welchen Messen er sich auch selber messen oder gemessen werden möchte. Auf der einen Seite steht eine Weltleitmesse für Informa-tionstechnik. Auf der anderen Seite lockt Bielefeld mit einer Hausmesse und weiteren Keksen.


autor_christph-luederChristoph Lüder,
LEXTA CONSULTANTS GROUP,

www.lexta.com 

 

Titelbild: Shutterstock.com/Aaron Amat

 

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