Transformation der Geschäftsprozesse in der Bankenbranche: Digital-Business-Potenziale

Für Banken und Sparkassen hat die Digitalisierung der Bankprozesse in der Kunde-Bank-Interaktion, insbesondere im Retail Banking und im Corporate Banking, höchste strategische Relevanz. Werden die Digitalisierungsstrategien nicht stringent nach Plan umgesetzt, riskiert das Management eine Abwärtsspirale der Marktanteile und Erträge (Zinsen und Provisionen) aus dem operativen Geschäft.

Traditionelle Geschäftsmodelle geraten unter Druck, weil einzelne Geschäftsfelder (Beispiel: Zahlungsverkehr) starken Wettbewerbskräften ausgesetzt sind. Ein weiterer Veränderungstreiber ist neben dem digitalen Strukturwandel der Kostendruck im Retail Banking. Alle Filialbanken haben Initiativen zur nachhaltigen Optimierung der Kostenstrukturen (KPI: Cost-Income-Ratio) und Restrukturierungen im Filialnetz angekündigt.

FinTech-Start-ups verändern das Wettbewerbsumfeld

Die globale Digitalisierung ändert zudem die Struktur bestehender Wirtschaftssektoren, das heißt traditionelle Marktstrukturen brechen auf, Branchengrenzen verschieben sich und es kommt zum Eintritt neuer Akteure. Zunehmend bilden sich virtuelle Marktplätze (E-Hubs) mit neuen Geschäftsmodellen sowie Ertrags- und Kostenstrukturen. Ein Beispiel: Großbanken (Goldman Sachs, JP Morgan, etc.) und die Technologiefirma AG Delta haben Anfang 2015 die Gesellschaft »Contineo« als Internetplattform für den Verkauf von aktienbasierten strukturierten Papieren gegründet (Digital Wealth Management Systems). Technologiegetriebene FinTech-Start-ups verändern mit ihren digitalen Geschäftsmodellen, Finanzprodukten und komplementären Services das Wettbewerbsumfeld.

Banking Digitalisierungsstrategien

Banken und Sparkassen (inkl. Börsen, Fondsindustrie) planen massive Investitionen in den Ausbau der digitalen Interaktions- und Vertriebskanäle. Intelligente Kooperationsmodelle zwischen Banken und Technologieprovidern (IBM, HP, SAP etc.) zur performanten Umsetzung der Digitalisierungsstrategien stehen auf der Agenda. Die Weiterentwicklung der Multikanalstrategie, die Agilität der IT-Architektur (Business + Architektur + Technologie) und das Management von Datenqualität (Big Data Analytics) hat Top-Priorität.

Banking Digitalisierungsstrategien haben erhebliche strategische Auswirkungen auf den Sourcing-Lifecycle, Cloud-Modelle und Vendor-Management. Neben Kosteneffizienz liegen die Cloud Potenziale in der Steigerung von Flexibilität, Transparenz und Skalierbarkeit. Digitalisierung erfordert IT-Governance und ein erfolgreiches Business-IT-Alignment sowie Top-Management Visibilität und Akzeptanz. Im Fokus disruptiver Innovationen steht das Geschäftsfeld Zahlungsverkehr. Ein Beispiel ist die aktuelle Ankündigung der Bankenindustrie (BdB, BVR) zur Einführung einer IT-Service Plattform (GIMB GmbH, Frankfurt) für Online-Bezahlverfahren (E-Commerce & Mobile Payment) im Wettbewerb zu Apple Pay, Paypal, Yapital, Alibaba etc.). Cloud Provider könnten sich hier als Kooperationspartner positionieren. Die Entwicklung von mobilen Zahlungssystemen, der Boom beim E-Commerce, zunehmende Sicherheitsanforderungen sowie innovative Formen der Kundenbeziehung werden den Zahlungsverkehr im Retail und Corporate Banking massiv verändern.

Digital Corporate Business

Ein aktuelles Beispiel ist die Ankündigung der Commerzbank von Ende März 2015 für ihr Digital Corporate Business im Rahmen der Multikanal-Strategie für Firmenkunden. Treiber der Transformation sind insbesondere technikaffine Vorstände der Firmenkunden sowie Technologietrends wie »Industrie 4.0«, »Smart Factory« und »Big Data«. Ziel der Investitionen ist die Einführung eines neuen Firmenkundenportals, die Erweiterung der mobilen Bankprodukte und Funktionalitäten für Treasury und Zahlungsverkehrsinformationen (Cash-Management) sowie verstärkte Investitionen in neue IT- und Business Plattformen. Die projekthafte Umsetzung soll in Stufen bis 2020 realisiert werden. Auf Prozessebene werden durch den Einsatz geeigneter Systeme und Technologien die Prozesseffizienz, -qualität und -kontrolle gesteigert. Ein Beispiel für bankinterne Prozessoptimierungen sind kürzere Umsetzungszeiten bei Kreditentscheidungen. Die Plattformen »FX Live Trader« sowie »Live Confirm« ermöglichen rund um die Uhr Devisenhandel in Echtzeit. Weitere Anpassungen des Geschäftsmodells und strategische Projekte sind »Sales Intelligence« und »Videotelefonie« im Firmenkundenbereich.

Die Commerzbank-Berater sollen mit neuer Technologie (Tablet oder Smartphone; Mobile Application und Device Management) ausgestattet werden. Die Deutsche Bank will ihre IT-Infrastruktur für das globale Firmenkundengeschäft modernisieren und setzt dabei auf Hewlett-Packard als Partner. Die Vereinbarung umfasst die Bereitstellung von bedarfsorientierten (Volatilität im Banking) IT-Services durch HP, einschließlich der Betriebsplattform, der Speicherung von Daten und des Hostings. Die Deutsche Bank bleibt weiterhin für die IT-Architektur, die Anwendungsentwicklung und die Datensicherheit verantwortlich. Der Sourcing-Deal hat auch die deutliche Senkung der weltweiten IT-Infrastrukturkosten zum Ziel.

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Quelle: Commerzbank, 2015.

 

Die Bankenindustrie plant massive Investitionen in den Ausbau der digitalen Interaktions- und Vertriebskanäle insbesondere im Retail Banking und für digitale Plattformen im Corporate Banking. Disruptive Technologien werden zukünftig eine generelle Neugestaltung der Prozesse in der Kunde-Bank-Interaktion erzwingen. Die angekündigten Digitalisierungsprojekte bieten strategische Potenziale für (skalierbare) Beratungsservices in den Bereichen: »Digital Operating Model« (Implementierung neuer Applikationen, Systeme und Technologien) und »Prozess-Digitalisierung« (Analyse der digitalen Fitness der Bankprodukte und Prozesse). Ein Kernthema ist die Agilität der Softwareentwicklung und der IT-Organisation (Bimodal-IT).

Die Transformation der Geschäftsprozesse

Agile IT-Organisationen können sehr flexibel auf (digitale) Marktveränderungen reagieren beziehungsweise diese adaptieren und implementieren. Die Manager der ICT-Industrie, insbesondere das Account-, Business Development Banking und Marketing-Management sollte zur Optimierung der Performance die strategische Top-Agenda der Bankenindustrie (Bankenmarkt, Investitionen, Prioritäten, Großprojekte, Entscheidungskriterien, Buying Center) professionell verstehen und einen operativen FSI-Businessplan entwickeln (Action & Results). Die Transformation der Geschäftsprozesse hin zu einem wettbewerbsfähigen digitalen Geschäftsmodell ist eine der größten Herausforderungen für das Bank Management und eine kräftige Wachstumschance für die Consulting- und ICT-Service Industrie.

Arnold Wagner

Arnold Wagner, Director Advisor Financial Service, Experton Group