62 Menschen besitzen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung

Oxfam-Bericht belegt wachsende soziale Ungleichheit und fordert das Ende von Steueroasen.

Soziale Ungleichheit nimmt weltweit dramatisch zu. Inzwischen besitzen die 62 reichsten Einzelpersonen – vor einem Jahr waren es noch 80 – genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dies geht aus dem Bericht »An Economy for the 1 %« hervor, den Oxfam im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlichte [1]. Die Entwicklungsorganisation fordert, das Geschäftsmodell der Steueroasen zu beenden und sehr hohe Vermögen stärker zu besteuern.

grafik oxfam einkommenszuwachs 2005 2015

© Weltbank, Oxfam

grafik oxfam reiche arme

 

Das Gesamtvermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung verringerte sich in den vergangenen fünf Jahren um rund eine Billion US-Dollar, eine Abnahme um 41 Prozent, trotz eines Bevölkerungszuwachses von 400 Millionen Menschen. Gleichzeitig wuchs das Vermögen der reichsten 62 Personen um mehr als eine halbe Billion US-Dollar. Die Geschwindigkeit, mit der die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, ist dabei noch größer als erwartet: Vor einem Jahr prognostizierte Oxfam, im Jahr 2016 werde das reichste Prozent der Weltbevölkerung (70 Millionen Menschen) mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent (sieben Milliarden Menschen) zusammen. Tatsächlich wurde diese Schwelle bereits 2015 erreicht, ein Jahr früher als erwartet. Dem Bericht zufolge droht soziale Ungleichheit, die Fortschritte bei der Armutsbekämpfung zunichte zu machen.

Neun von zehn Großkonzernen haben Niederlassung in Steueroase

Ein Grund für diese Entwicklung ist die unzureichende Besteuerung von großen Vermögen und Kapitalgewinnen sowie die Verschiebung von Gewinnen in Steueroasen. Investitionen von Unternehmen in Steuerparadiesen haben sich zwischen 2000 und 2014 vervierfacht. Neun von zehn der weltweit führenden Großunternehmen haben Präsenzen in mindestens einer Steueroase. Entwicklungsländern gehen auf diese Weise jedes Jahr mindestens 100 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen verloren. Die Verschiebung von Vermögen in Steueroasen durch reiche Einzelpersonen kostet alleine die afrikanischen Staaten jährlich rund 14 Milliarden US-Dollar. Damit ließe sich in Afrika flächendeckend die Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder sicherstellen, was pro Jahr rund vier Millionen Kindern das Leben retten würde.

»Wir leben in einer Welt, deren Regeln für die Superreichen gemacht sind. Nötig ist dagegen ein Wirtschafts- und Finanzsystem, von dem alle profitieren. Konzerne dürfen sich nicht länger aus ihrer Verantwortung stehlen. Sie müssen ihre Gewinne dort versteuern, wo sie sie erwirtschaften. Die Politik muss die Anliegen der Bevölkerungsmehrheit über die Interessen der Superreichen stellen. Sie muss die Steueroasen trockenlegen«, fordert Tobias Hauschild, Referent für Entwicklungsfinanzierung bei Oxfam.

Maßnahmen für mehr Steuergerechtigkeit

Ein gerechtes internationales Steuersystem erfordert mindestens folgende Maßnahmen:

  • Unternehmen müssen zu einer öffentlichen länderbezogenen Berichterstattung über Gewinne und deren Versteuerung verpflichtet werden. So kann die Öffentlichkeit Steuerzahlungen von Konzernen überprüfen, die demokratische Rechenschaftspflicht würde gestärkt.
  • Der ruinöse Wettlauf um die niedrigsten Steuersätze muss ein Ende haben. Hierfür müssen Staaten ihre Steueranreize für Konzerne transparent machen.
  • Statt Konsum steuerlich stärker zu belasten, müssen große Vermögen, Kapitalgewinne und hohe Einkommen deutlich stärker besteuert werden.
  • Um die Interessen von Entwicklungsländern zu berücksichtigen, braucht es eine legitime zwischenstaatliche Steuerinstitution auf UN-Ebene, die alle Länder umfasst.

Weitere Informationen:

[1] Oxfam-Bericht »An Economy for the 1 %«: https://www.oxfam.de/economy-1-percent

Hintergrundpapier »Ein Wirtschaftssystem für die Superreichen«: https://www.oxfam.de/wirtschaftssystem-superreiche

Oxfam startet am Montag, 18.01.2016, eine Unterschriften-Aktion gegen Steueroasen unter https://act.oxfam.org/deutschland/steueroasen-trockenlegen

Oxfam ist eine internationale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation, die weltweit Menschen mobilisiert, um Armut aus eigener Kraft zu überwinden. Dafür arbeiten im Oxfam-Verbund 17 Oxfam-Organisationen Seite an Seite mit rund 3.000 lokalen Partnern in mehr als 90 Ländern.


 

Antwort an unsere Kritiker: Warum Oxfams Berechnungen zur Ungleichheit korrekt sind

Von Jörn Kalinski, Oxfam Blog

Der diese Woche veröffentlichte Oxfam-Bericht zur weltweiten Vermögensverteilung »An Economy for the 1 %« hat große Wellen geschlagen und eine breite Diskussion über die wachsende soziale Ungleichheit angestoßen. Neben der überwiegend positiven Medienresonanz hat es in der deutschen Presse auch ein paar kritische Beiträge zur Methodik des Berichts gegeben. Diese wiederholen im Wesentlichen die bereits vor einem Jahr geäußerten Einwände der US-amerikanischen Journalisten Felix Salmon und Ezra Klein am Oxfam-Bericht zur sozialen Ungleichheit von 2015. Vor allem die Aussage, dass die reichsten 62 Einzelpersonen über genauso viel Vermögen verfügen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, das sind 3,6 Milliarden Menschen, steht dabei aktuell im Fokus. Zudem wurden Zweifel an der Datengrundlage der Oxfam-Berechnungen geäußert. Wir finden es richtig und wichtig, dass Journalist/innen unseren Bericht kritisch lesen und so zu einer sachlichen Diskussion des Themas beitragen. Allerdings halten wir einen Teil der Kritik selbst für irreführend. Mit diesem Blog möchten wir darauf reagieren.

Dazu ein paar einleitende Worte: Um den Reichtum der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung zu bestimmen, hat Oxfam auf die Daten des Credit Suisse Wealth Report zurückgegriffen. Demnach betrug das Vermögen der unteren 50 Prozent 2015 1,76 Billionen US-Dollar. Dann hat Oxfam die Forbes Liste der reichsten Menschen der Welt zur Grundlage genommen und das Vermögen der Super-Reichen von oben herab zusammengerechnet, bis dieser Wert erreicht wurde. Es brauchte dafür lediglich 62 Milliardäre.

Salmon und Klein sowie nun Bastian Brinkmann von der Süddeutschen Zeitung und Philip Pickert von der FAZ argumentieren, dass dies irreführend sei, weil Credit Suisse auch die Schulden bei der Berechnung des Vermögens mit einbezieht.

Zur Veranschaulichung schreibt Brinkmann:

»Wenn Credit Suisse von »Vermögen« spricht, meint das Institut Ersparnisse nach Abzug aller Schulden. Das (…) führt allerdings zu kuriosen Ergebnissen: Wer in Deutschland ein Einfamilienhaus besitzt und bewohnt, ist aus der Sicht eines Entwicklungshelfers wohl alles andere als arm. Allerdings nehmen viele Menschen für diesen Schritt einen Kredit auf – und haben damit keine Ersparnisse mehr übrig, mit denen Credit-Suisse-Banker spielen könnten. Eigenheimbesitzer gelten demnach nicht als vermögend. Das verzerrt die Statistik.«

Dazu lässt sich sagen: Brinkmann hat die Definition des Credit Suisse Berichts offensichtlich nicht gelesen. Darin wird Vermögen auf S. 13 definiert als »Summe aller finanziellen Werte plus Sachwerte (v.a. Immobilien) minus ihrer Schulden.« Mit anderen Worten: Ein deutscher Einfamilienhausbesitzer kann laut Credit-Suisse-Definition durchaus als vermögend gelten. Seinen Schulden steht ja ein Sachwert entgegen. Je länger er den Kredit auf sein Haus abbezahlt und dem realen Sachwert somit weniger Schulden gegenüberstehen, desto weiter rutscht er auf der Vermögensskala nach oben.

Pickert von der FAZ stößt sich an einem anderen Punkt. Er verweist darauf, dass unter den zehn ärmsten Prozent der Weltbevölkerung viele Nordamerikaner und Europäer sind, die zwar verschuldet sind, aber wohl kaum zu den ärmsten Menschen der Weltbevölkerung zählen dürften. Pickert schreibt: »Ein amerikanischer College-Absolvent, der einige zehntausend Dollar Studienkredite aufgenommen hat, der aber auf eine Karriere mit hohem Einkommen zusteuert, erscheint nach dieser Statistik ärmer als ein chinesischer Reisbauer mit seinem Ochsengespann in der tiefsten Provinz, der eben keinen Kredit hat.«

Das ist ein berechtigter Einwand. Allerdings spielt er bei der Oxfam-Berechnung zur Ungleichheit keine große Rolle. Schließlich sind Menschen mit negativem Vermögen aber gleichzeitig hohem Einkommen (oder Einkommensperspektive) und/ oder Lebensstandard die Ausnahme. Der überwiegende Teil sind tatsächlich verarmte Menschen aus armen Ländern. Nur ein Viertel der Menschen im untersten Zehntel der globalen Einkommensskale stammt übrigens aus Nordamerika oder Europa – jenen Weltregionen, in denen eine Verschuldung (und damit Kreditwürdigkeit) tendenziell stärker auf eine ökonomisch privilegierte Stellung hinweisen kann. Drei Viertel der Menschen aus den unteren zehn Prozent dagegen stammen aus Afrika, Asien-Pazifik, Indien und Lateinamerika. Zudem hat Oxfam bewusst die untersten 50 Prozent der Vermögensskale für seinen Vergleich mit den reichsten Einzelpersonen ausgewählt. Unter diesen sind überwiegend Menschen, die über kaum oder wenig Vermögen besitzen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Hier stammen 90 Prozent aus Afrika, Asien-Pazifik, Indien und Lateinamerika.

Selbst wenn man das negative Vermögen der untersten zehn Prozent herausrechnet (750 Milliarden US-Dollar oder -0.3 % des globalen Vermögens), bleibt der von Oxfam konstatierte Trend der steigenden massiven Ungleichheit eindeutig. Nach dieser Berechnungsmethode läge der Anteil des reichsten Prozents der Weltbevölkerung bei 49,8 % des Weltvermögens. Zum Vergleich: Die von Oxfam Anfang der Woche verkündete Zahl liegt bei 50,1 Prozent. Bei der Anzahl der reichsten Menschen, die über das gleiche Vermögen verfügen wie die unteren 50 Prozent, würde man mit dieser Methode bei 120 Einzelpersonen landen, statt bei 62. Allerdings ist auch hier der Trend eindeutig. Nach dieser Berechnungsmethode waren es 2010 schließlich noch 596 Milliardäre, die genauso viel besaßen wie die untersten 50 Prozent (388 nach der ursprünglichen Berechnungsmethode). Bezogen auf die 3,6 Milliarden Menschen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung spielt es allerdings nicht wirklich eine Rolle, ob 62 oder 120 Personen genau so viel besitzen, der Gegensatz ist krass und schockierend und der Trend eindeutig.

Wir möchten an dieser Stelle noch einmal betonen, dass viele Menschen mit negativem Vermögen tatsächlich arm sind. Jede Berechnungsmethode hat ihre Probleme. Entscheidend ist viel mehr, wie es sein kann, dass eine so verschwindend geringe Anzahl von Einzelpersonen über das gleiche Vermögen verfügt wie die ärmsten 3,6 Milliarden Menschen zusammen.

Der Autor der Credit Suisse Berichte, Anthony Shorrocks, hat die nun recycelte Kritik von Klein und Salmon übrigens als »albern« bezeichnet. »Das ist nicht der Rede Wert und lenkt vom Thema ab«, hatte er dem New Yorker 2015 mitgeteilt. Gegenüber Oxfam hat er diese Position nun noch einmal bekräftigt. »Obwohl es für die Betrachtung einzelner Länder durchaus wichtig sein kann, spielt der Faktor des negativen Vermögens bei der globalen Vermögensungleichheit kaum eine Rolle«, sagt er.

Kritik an der Forbes-Liste wiederum hat Konrad Fischer in der Wirtschaftswoche geäußert. Er schreibt: »Dabei haben die Daten eine große Schwäche: Das angegebene Vermögen ist nicht liquide. Die Menschen auf den obersten Forbes-Rängen sind allesamt Firmeninhaber, ihr Vermögen besteht größtenteils aus den Unternehmensanteilen, die sie halten.« Dies habe zur Folge, dass es sich beim von Forbes geschätzten Vermögen zum Teil um Buchwerte handelt. Ob die Firmeninhaber ihre Aktien zu den aktuellen Preisen verkaufen können, sei ungewiss, zudem das Vermögen entsprechend der Aktienentwicklungen sehr volatil.

Dem lässt sich entgegenhalten, dass alle Wirtschaftsstatistiken Schwächen haben, die Daten von Forbes (sowie Credit Suisse) jedoch die besten verfügbaren zum Thema sind. Erschwerend kommt hinzu, dass die Datenbasis im obersten Vermögensbereich sehr schlecht ist, wie Fischer selbst einräumt. Er konstatiert, dass »die reichsten Teile der Bevölkerung (…) am wenigsten auskunftsfreudig« sind und dazu neigten, »ihre Vermögen in Befragungen zu unterschätzen.«

Hinzu kommt, dass es sich bei der Forbes-Liste zum Vermögen der reichsten Menschen um eine eher konservative Schätzung handelt. Eine alternative Untersuchung von Wealth-X und UBS zählte für 2014 zum Beispiel 2325 Milliardäre mit einem Gesamtvermögen von 7,3 Billionen US-Dollar (Forbes zählte 2014 1645 Milliardäre mit 6,4 Billionen US-Dollar).

Erwähnenswert ist zudem, dass beide Studien die in Steueroasen geparkten Vermögen von Konzernen und Einzelpersonen nicht mit einbeziehen. Diese belaufen sich nach Schätzungen des Ökonomen Gabriel Zucman auf die gigantische Summe von rund 7,6 Billionen US-Dollar.

Gut möglich, dass das Vermögen der reichsten Menschen des Planeten also sogar über dem Forbes-Wert liegt, den Fischer kritisiert.

Textquelle: https://www.oxfam.de/blog/antwort-kritiker-oxfams-berechnungen-ungleichheit-korrekt


 

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