4-Tage-Woche: Was bringt sie uns wirklich?

Illustration: Absmeier – Mohammed Hassan

Die Diskussionen rund um die 4-Tage-Woche wurden im letzten Jahr so stark befeuert wie nie zuvor. Immer mehr Länder ermöglichen es den ArbeitnehmerInnen vier, anstatt fünf Tage die Woche zu arbeiten. Nicht zuletzt hatte neben Island und den Niederlanden auch Belgien die Weichen für die viertätige Arbeitswoche gestellt.

Welche Vorteile bringt eine verkürzte Arbeitswoche? Und ist sie auch in Deutschland demnächst zu erwarten?

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Die Abneigung gegenüber der 5-Tage-Woche wächst

Vor allem die zunehmende Arbeitsüberlastung und Burnouts befeuern die Diskussion. Speziell die Generationen X und Y haben ein großes Bedürfnis nach mehr Freizeit und Erholung. Eine klassische Vollzeitbeschäftigung ist für immer mehr VertreterInnen dieser Altersgruppe nicht mehr attraktiv. Ob eine Reduzierung der Arbeitstage wirklich zu einem Rückgang von Stress führt, ist allerdings unklar. In den Niederlanden arbeiten 4,5 Millionen Arbeitnehmer in Teilzeit an vier Tagen. Das sind circa 48 Prozent der Erwerbstätigen. Bislang ist jedoch noch kein signifikanter Rückgang der Burnout-Zahlen zu verzeichnen.

80 Prozent Arbeit bei 100 Prozent Gehalt

Laut einer von YouGov durchgeführten Umfrage würden fast 63 Prozent der Deutschen das Konzept einer 4-Tage-Woche begrüßen – allerdings bei gleichbleibendem Gehalt. Lediglich 14 Prozent wären mit einer entsprechenden Lohnanpassung einverstanden. Das heißt: Eine Reduzierung der Arbeitstage sollte nicht mit weniger Gehalt verbunden sein.

Eine wesentliche Rolle spielt zudem, dass unsere Wirtschaft auf eine 5-Tage-Verfügbarkeit ausgelegt ist. Die unterschiedlichen Stakeholder erwarten, dass Verantwortliche an den Werktagen erreichbar sind. Bei einer 4-Tage-Woche müsste der Workload für fünf Tage also in vier Tagen bewältigt werden. Das kann zur Folge haben, dass noch mehr Stress entsteht und optionale, aber wichtige Tätigkeiten, wie der Austausch mit Kollegen, wegfallen.

Zukunfts- oder Wunschdenken?

Zum aktuellen Zeitpunkt ist unsere Wirtschaft noch nicht darauf ausgelegt, kollektiv in eine 4-Tage-Woche überzugehen – dafür ist die Arbeitsbelastung noch zu hoch. Der Stress würde nicht sinken, sondern eher zunehmen. Um die Arbeitszeiten reduzieren zu können, muss zunächst geklärt werden, wie sich die verkürzte Arbeitswoche mit dem Workload und der Verfügbarkeit der MitarbeiterInnen vereinen lässt. Und das ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich.

Die Geschichte zeigt aber, dass die Reduzierung der Arbeitszeit durchaus möglich ist. Die 5-Tage-Woche gibt es auch erst seit Ende der 1950er-Jahre. Davor war eine Arbeitswoche von 48 Stunden, oft auch mit Samstagsarbeit, Normalität. Das bedeutet, dass eine solche Änderung durchaus möglich ist, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern.

Wohlbefinden der Mitarbeiter stärken

Es wird also noch etwas dauern, bis unsere Wirtschaft so weit ist, auf eine 4-Tage-Woche umzustellen. Unternehmen können aber bereits heute dazu beitragen, das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen zu steigern und Stress zu verringern. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass sich weniger Arbeit positiv auf die Beschäftigten auswirkt – so lange damit keine Gehaltseinbußen verbunden sind. Die Arbeitszeiten sollten allerdings zur jeweiligen – auch finanziellen – Situation und zur Work-Life-Balance der einzelnen MitarbeiterInnen passen. Und da diese Situationen individuell unterschiedlich sind, kann es nicht nur eine einzige passende Lösung geben. Gefragt sind flexible Angebote.

Wichtig ist auch in Erfahrung zu bringen, wie es den Angestellten geht – etwa durch Monitoring-Maßnahmen und eine bewusste Auseinandersetzung mit den individuellen Erwartungen und Bedürfnissen. Gespräche anhand eines vordefinierten Leitfadens unterstützen dabei. Darin wird deutlich, ob Beschäftigte Druck verspüren oder psychische Probleme haben, was sie stört oder glücklich macht, und wie sich gemeinsam eine Lösung erarbeiten lässt.

Reduzierte Arbeitszeiten sind eine von mehreren Möglichkeiten, Stress zu reduzieren. Die Beschäftigten sollten bei der Festlegung der Bedingungen aber individuellen Spielraum haben – sowohl in Bezug auf die Arbeitszeit als auch auf das Gehalt.

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