Digitalisierungsbremse: Wie Krisen und zaghafter Änderungswille Unternehmen zurückhalten

Illustration: Absmeier Stufforge

Ist Deutschland als Digitalisierungsmuffel bloß ein Mythos? Ja und nein, sagt Maria Truong, IT-Expertin beim Beratungshaus CNT Management Consulting. Obwohl die Corona-Pandemie deutsche Unternehmen in den letzten Jahren dazu gezwungen hat sich digital weiterzuentwickeln, gibt es künftig eine Reihe von Hürden, die es zu nehmen gilt. Steigende Energiekosten, Inflation, Lieferkettenprobleme und nicht zuletzt der Fachkräftemangel lassen deutsche Unternehmen erneut zögern, die digitale Transformation weiterzuführen oder überhaupt zu starten. Denn neben dem Budget- und Zeitfaktor sowie teilweise falscher Priorisierung, ist der zaghafte Wille zur Veränderung, die größte Hemmschwelle für betriebliche Modernisierungen. Der Trend geht laut der Expertin dank der voranschreitenden Globalisierung allerdings in die richtige Richtung, wenn auch langsamer als erwartet.

 

Der Ukraine-Krieg und die daraus entstandene Krise mit Rekordinflation, Lieferkettenproblemen und der anhaltende Personalmangel – die Zeiten sind unsicher – das spürt auch die Digitalisierungsbranche. 2023 will jedes dritte Unternehmen laut einer Bitkom-Studie die Investitionen in diesem Bereich zurückfahren. Beim IT-Beratungsunternehmen CNT Management Consulting ist man ebenfalls mit den aktuellen Bedenken der Unternehmer konfrontiert: »Wir sehen bei unseren Kunden leider ein Zögern. Die Entscheider haben Angst vor Veränderungen und die falsche Entscheidung zu treffen – vor allem in unsicheren Zeiten, wie wir sie zurzeit erleben.« Dabei sei es gerade jetzt notwendig sein Unternehmen flexibel, agil und resilient aufzustellen, um auf die etwaigen Marktirritationen reagieren zu können. Ebenfalls als hinderlich erweist sich die Tatsache, dass der Mehrwert der Veränderung von den Entscheidern nicht rechtzeitig gesehen wird, beziehungsweise nicht von Anfang an erkennbar ist. Viele verlassen sich oft ausschließlich auf Kennzahlen, ohne mit einzelnen Bereichsleitern im Unternehmen zu sprechen oder sie ziehen gänzlich die falschen Daten heran.

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Veränderung muss vorgelebt und gelebt werden

Wie Gewinne durch Digitalisierung in Zahlen gemessen werden können, ist die eine Sache, wie man dorthin kommt die andere. Deutsche Unternehmen halten vielerorts an bestehenden Strukturen fest. »Mitarbeitende, die wirklich etwas verändern wollen, finden oft kein Gehör und kämpfen gegen die sprichwörtlichen Windmühlen«, so Truong Das lege vor allem am fehlenden Willen zur Veränderung und der mangelnden Motivation durch Entscheidungsträger und Führungskräfte sowie der falschen Priorisierung – also vermeintlich zu wenig Zeit und Budget. Der Ressourcen- bzw. Fachkräftemangel, der beinahe alle Branchen in Deutschland betrifft, tut seines noch dazu. »Das Skurrile ist, dass die meisten Unternehmer eine digitale Geschäftsstrategie durchaus als essenziell für künftigen unternehmerischen Erfolg sehen«, so Truong. Das Problem sei die zaghafte Herangehensweise , die sich besonders jetzt, wo es am Markt etwas rumort, wieder zeigt. Change-Management spielt in Digitalisierungsprojekten eine Schlüsselrolle. Es setzt voraus, dass Projektverantwortliche und Entscheider jegliche Änderung mittragen, vorleben aber allen voran das gesamte Unternehmen dazu motivieren, ein wichtiger Teil des Projekterfolgs zu werden.

 

Komplexität und Kosten bremsen den Wandel

Ein Problem, das viele deutsche Mittelständler betrifft, ist die scheinbare Komplexität des Themas. Denn die Angebote am Markt sind vielfältig und der Laie sieht meist den Wald vor lauter Bäumen nicht. Truong weiß aus Erfahrung: »Bevor unsere Kunden zu uns kommen, fragen sie sich oft welches Werkzeug brauche ich, welches kann meine individuellen Anforderungen am besten abdecken, gibt es Alternativen oder wie vergleicht man und nicht zuletzt, wer kann mir dabei helfen?« Bei Digitalisierungssoftware für Unternehmen, gäbe es eine Vielzahl an Anbietern und Lösungen aber ein Vergleich, wie bei Alltagsgeräten ist hier nicht so einfach. Wie also kann ein Unternehmen sicherstellen, die richtige Software und das richtige Werkzeug für sich und seine Organisation zu finden? »Unsere Kunden verlassen sich nicht mehr ausschließlich auf Verkaufsfolien der Anbieter«, so Truong. Man wolle heute live sehen oder erleben, was mit neuen potenziellen Instrumenten zu erwarten ist und wie diese auf die eigene Organisation maßgeschneidert werden könnte. Dabei werden auch die Mitarbeitenden, also die Endnutzenden, miteinbezogen. Dies erhöht den Ressourcenaufwand auf beiden Seiten lange bevor ein Projekt überhaupt starten konnte. Der Einsatz macht sich jedoch bezahlt – man lernt das Unternehmen, die Schlüsselpersonen, die Prozesse und Abhängigkeiten frühzeitig kennen und kann anders auf individuelle Anforderungen eingehen. Das reduziert während des Digitalisierungsprojekts unvorhersehbare und nicht kalkulierte Mehraufwände.

 

Was man als Führungskraft richtig machen kann

Trotz all den Zweifeln und Unsicherheiten ist laut Truong jetzt der richtige Zeitpunkt die eigene Digitalisierungsstrategie in Angriff zu nehmen: »In den nächsten Jahren wird sich die Spreu vom Weizen trennen – Unternehmer die mutig sind und bestehende Strukturen aufbrechen, Pionierarbeit leisten, werden einen klaren Wettbewerbsvorteil haben«. Dabei sei es wichtig, dass sich Führungskräfte mit der Materie aktiv auseinandersetzen, die technologischen Möglichkeiten kennen und vor allem die Anforderungen des eigenen Unternehmens und die Zusammenhänge verstehen. »Hier macht es für die meisten Unternehmen Sinn sich Hilfe ins Haus zu holen, denn ausschließlich nach KPIs zu gehen aber die Mitarbeitenden, die mit den digitalen Werkzeugen am Ende arbeiten sollen, nicht zu berücksichtigen, führt in der Regel direkt zu Inakzeptanz innerhalb der Organisation«, so Truong. Mitarbeitende sollen durch Digitalisierung entlastet werden und deren Vorteile klar erkennen und nicht belastet werden oder gar Angst davor haben.