Eine Welle von Data Governance schwappt über die digitale Wirtschaft – »Beim Turmbau von Babel brauchen Sie eine Übersetzung«

Tim van Baars, Vice President Central EMEA bei Precisely, spricht im Interview mit »manage it« über die Herausforderungen und Möglichkeiten im Management großer Datenmengen.

 


Herr van Baars, was halten Sie von dem Spruch: »Der Mainframe ist tot, es lebe der Mainframe!«

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Das ist so. An sich handelt es sich bei Mainframe um eine Top-Plattform, und ein Wechsel zu einer neuen Lösung kann bis zu 20 Jahre dauern. Mainframe ist allerdings auch ein Riesenkostenapparat. Der Hintergrund, warum die meisten Unternehmen ihr Datenmanagement modernisieren wollen, ist aber ganz klar der Fachkräftemangel mitsamt aller Kosten, die er mit sich bringt. Mainframe-Entwickler verdienen ein Vermögen, wenn sie »aus der Rente in die IT zurückkehren«, man hat sie aber nicht mehr lange.

 

Tim van Baars,
Vice President Central EMEA
bei Precisely

 


Neben den Mainframe-Entwicklern gibt es ja auch die Daten-Scientisten?

So ist das, genau! Aber beide Seiten verstehen sich manchmal nicht oder besser: Werden nicht immer richtig verstanden. Ähnlich wie beim Turmbau zu Babel brauchen Sie eine Übersetzung. Wir haben jetzt schon viele Lösungen für diese Data Integrity, die mit der Suite sozusagen »in einen Guss« gebracht werden, um genau für dieses Verständnis zu sorgen.


Was sind die Highlights der Data Integrity Suite?

Die Data Integrity Suite ist das Weiterdenken des Data-Integrity-Themas. Wenn Sie in einem Unternehmen vertrauensvolle Daten für gute Entscheidungen liefern möchten, müssen Sie die Daten integrieren, die Qualität sichern und eine Governance etablieren, damit sie wissen: »Woher kommen die Daten? Wer ist verantwortlich für die Daten und welche Businessprozesse unterstützen sie?«. Wir liefern Datenintegration, -qualität und -governance sowie die Kontextherstellung. Sie können Geschäftsentscheidungen mit einer Anreicherung unterstützen – wir nennen das Data Enrichment – und dafür neben vielen anderen zum Beispiel Location- oder Demographie-Daten nutzen. Wir unterstützen zum Beispiel Versicherungen dabei Risikoprofile zu erstellen mit Datensets, die von uns kuratiert werden und weltweit verfügbar sind. Die Qualitätssicherung dieser Datensätze bieten wir zusätzlich an. In Deutschland sind diese Daten natürlich anonymisiert. Wir clustern, beispielsweise nach Einkommensgruppen, Wohnorten, Zielorten oder Arbeitsorten.

 

Die Ebenen der Data Integrity Suite von Precisely.
(Quelle:Precisely)

 


Warum ist der Wechsel der Plattform so ein Riesenproblem oder warum ist Datenintegrität so eine Herausforderung?

Meist werden vom Management große Initiativen gestartet und weiter nach unten delegiert. Dann verlaufen sie im Sand. Die Menschen verlieren die Lust daran, weil das Thema Datenhandling sehr komplex ist. Wir liefern Lösungen dafür, die Daten auf diesen Plattformen zu managen, zu modernisieren und möglicherweise in andere Systeme zu migrieren. Wir integrieren Daten in moderne Clouds und Big-Data-Systeme aus alten Plattformen, wie man so schön sagt.


Ist Data Governance ein Management-Thema oder muss das in der obersten Hierarchieebene angesiedelt werden?

Für Data Governance geht nur ein Ansatz, der durch die Hierarchieebenen durchlässig ist. Jeder muss dabei mithelfen. Das Unternehmen hat die Steuerungsfunktion und muss wissen, woher die Daten kommen, um sie nutzbar zu machen. Der Top-down-Ansatz funktioniert nicht. Jeder, der im Feld der Data Governance mitarbeitet, sollte tunlichst die Rolle verstehen, die er in dieser Maschine einnimmt. Das Unternehmen muss dafür werben, warum das gemacht wird, und die richtigen Personen installieren, die es bearbeiten und die Akzeptanz im Unternehmen herstellen. Zur Data Governance gehört auch der Schutz des Unternehmens, indem sich Mitarbeiter an Regularien seitens der Aufsichtsbehörden oder des Aufsichtsrates halten. Wir können Unternehmen helfen, die nötige Compliance herzustellen und eine gewisse Sicherheit in dieser Hinsicht zu erlangen. Da befinden Sie sich direkt an der Schnittstelle zur DSGVO. Zahlreiche große Firmen, mit denen man zusammenarbeitet, sind amerikanische Unternehmen. Da gibt es im DACH-Bereich gewisse Vorbehalte.

Es gibt gesetzliche Richtlinien innerhalb der EU und Deutschlands, die auch für US-amerikanischen Unternehmen gelten. Seit der Einführung der DSGVO fordern aber auch viele Unternehmen, dass beispielsweise aus Sicherheitsgründen die Cloud nur auf einem europäischen Server betrieben werden darf. Was getan werden muss, ist Folgendes: Man muss auskunftsfähig sein und nachweisen können, wofür die Daten genutzt werden und vor allem durch wen. Diese Vorgaben aus der DSGVO müssen in den Daten-Management-Plattformen 1:1 abgebildet werden.


Wie sehen ihre Zielgruppen aus? Sind das Großunternehmen oder gehobene Mittelständler?

Wir können grundsätzlich an jedes Unternehmen Softwarelösungen, Datenprodukte und strategische Services verkaufen. Im deutschsprachigen Raum und in Zentraleuropa liegt der Fokus in erster Linie auf Großunternehmen, von DAX-Konzernen bis hin zum gehobenen Mittelstand, hauptsächlich B2C-Unternehmen, die Endkunden haben. Ein Großunternehmen, das keinen Startpunkt hat, um das Thema Data Governance umzusetzen, ruft natürlich die Big Five an. Wir sind aber sehr auf die Themen Data Governance, Datennutzung, Konsistenz der Daten und Zuverlässigkeit spezialisiert und können in diesem Bereich helfen. Unser Ziel ist es, bessere Entscheidungen über die Verbesserung der Datenqualität, -konsistenz und -anreicherung zu ermöglichen. Daraus kann man dann auch neue Geschäftsmodelle entwickeln, hier kämen wieder die eingangs erwähnten Daten-Scientisten ins Spiel. Das Wichtigste ist aber, dass man die Daten zunächst einmal im Griff hat.

Data Governance kann man mit günstigeren Lösungen in kleineren Unternehmen abdecken. Wenn es allerdings um die Skalierung gehen muss, wenn man beispielsweise von einem großen Automobilhersteller oder einer sehr großen Versicherung spricht, wo viele Massendaten vorhanden sind, die an unterschiedlichen Stellen erhoben werden – dann muss man diese (die Daten) zusammenbringen, und zwar durchgängig von Ende-zu-Ende. Einer unserer Key-Märkte sind daher die besagten B2C-Unternehmen mit Endkunden.

 

Data Integrity umfasst als Konzept alle Bereiche eines Unternehmens.
(Quelle:Precisely)

 


Wohin geht Precisely?

Als Syncsort Pitney Bowes Software & Data übernahm ging daraus ja 2020 Precisely hervor. Die daraus vorhandene Kombination aus verschiedenen Lösungen bildete die Basis für die Data Integrity Suite, weil die Integration, die Governance und Qualität sowie das Enrichment der Daten zusammengebracht werden. Ein Riesenthema ist auch die Modernisierung von Legacy-Applikationen. Viele Unternehmen beschäftigen sich über zwei Jahrzehnten damit, davon wegzukommen, und es gelingt nicht so ganz. Wir haben eine Lösung geliefert, die diese Skalierbarkeit und Zuverlässigkeit bietet und gleichzeitig modernisiert, indem es Daten in offene Big-Data-Systeme zu niedrigen Kosten mit hoher Flexibilität migriert.

Die moderne Ausrichtung des Unternehmens geht ganz in die Data-Integrity-Thematik. Es gibt da auch einige Zukäufe, Winshuttle und Infogix haben wir akquiriert. Infogix hat Data Governance und Winshuttle ist SAP-Automatisierung, Product-Informations-Management und MDM, Master Data Management. Das haben wir gemacht, weil wir uns auch im SAP-Bereich breiter aufstellen wollen. Mit Trillium haben wir eine Datenqualitätslösung akquiriert, mit deren Hilfe wir im SAP-CRM-System die Datenqualität befördern. Wir sehen uns die Kundendaten an und sagen: »Die müssten eigentlich so und so aussehen« oder »Das ist kein gutes Datum« und dann wird das profiled und entsprechend in eine gute Qualität gebracht.

Ein Schwerpunkt liegt auf Financial Services und Retail: Große Versicherungen oder Banken und große Retailer sammeln große Massendaten und müssen sehr zuverlässig sein, deswegen wurde früher der Mainframe gewählt. Aber die Fachkräfte in diesem Bereich sind nicht mehr so verfügbar. Und es ist teilweise nicht so flexibel wie etwa eine Snowflake- oder Databricks-Implementierung in Big Data. Auch die Cloudsysteme von Microsoft und AWS sind viel flexibler, was Analytics und diese Themen angeht.


Da ist Security ein großes Thema. Was bieten Sie in diesem Bereich an?

Es gibt im IBM-Umfeld die Power-Plattform, die im Mittelstand sehr weit verbreitet ist, die AS400 P-Plattform, für diese Plattform liefern wir eine Security Suite. Security sollte man immer end-to-end managen. Die P-Plattform hat zwar Security-Mechanismen, aber sobald es darum geht, darauf zuzugreifen oder Daten von dort zu bekommen, sind sie nicht ganz so eingebettet, wie man es erwarten würde. Wir bieten Lösungen, die dabei helfen, Daten zu verschlüsseln und Zugriffe sicher zu gestalten. Dabei setzen wir das Ganze in einen Security-Kontext.

Es gibt Unternehmen wie zum Beispiel Splunk, das war früher Log-Data-Management. Es wurde auch für IT-Operations-Management und IT-Analytics verwendet, aber ebenso für Security-Management. Wir können Daten aus unserer Security-Plattform in diese Systeme integrieren, dann hat man die Ende-zu-Ende-Betrachtung.

 


Bilder: © Tisha Ardis, Giorgio Morara/shutterstock.com; Precisely