»Wachstumsziel Null ein Affront gegen die Frauen«

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Nur wenige deutsche Unternehmen setzen sich ehrgeizige Ziele bei der Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen. Bislang haben bereits 59 der nach aktuellem Stand 102 börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen Zielgrößen für den künftigen Frauenanteil in Aufsichtsrat, Vorstand oder der ersten und zweiten Managementebene festgelegt und teils veröffentlicht. Dies ergibt das »Planziele-Resümee« von FidAR, eine aktuelle Abfrage zu den Zielgrößen zum Frauenanteil in Führungspositionen der rund 100 börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen.

Von den 52 Unternehmen, die für den Aufsichtsrat Planziele festgelegt haben, sehen immerhin 31 einen Zuwachs vor, 14 davon wollen den Anteil an Frauen um über 10 Prozentpunkte erhöhen. Für die Vorstandsebene planen dagegen nur 11 der 49 Unternehmen, die eine Zielgröße festgelegt haben, einen Zuwachs. 23 Unternehmen allerdings, die derzeit noch keine Frau auf Vorstandsebene haben, geben auch als Zielgröße 0 Prozent an. Erfreulicher fällt die Bilanz hinsichtlich der festgelegten Zielgrößen für die 1. und 2. Führungsebene aus. 34 davon streben für die 1. Führungsebene, 31 für die 2. Führungsebene konkrete Zuwächse an. Bayer, Metro und RWE sind bislang die einzigen Unternehmen, die den Frauenanteil auf allen 4 Ebenen erhöhen wollen, auf immerhin drei Ebenen planen dies unter anderem Adidas, Beiersdorf, Deutsche Bank und Deutsche Postbank.

»Wir begrüßen es sehr, dass viele Unternehmen ein Signal setzen und die Zahlen vorab veröffentlichen. Die erste Bilanz der vorgelegten Planziele ist aber größtenteils ernüchternd. Die Unternehmen wollten flexible Lösungen. Jetzt, da diese auch gesetzlich festgelegt sind, liefern sie nur begrenzt«, erklärt FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow. »Die gesetzliche Regelung macht transparent, welche Konzerne sich sehr wohl bewegen und als Leuchttürme herausragen. Andere zeigen wenig Engagement. Zu argumentieren, der hohe Zeitdruck durch die Fristerfüllung bis Juni 2017 erzwinge eine Null-Prozent-Quote, ist meist vorgeschoben. Schon seit 2011 mahnt der Corporate Governance Kodex, konkrete Planziele für mehr Diversity festzulegen. Nicht nur das Arbeitgeber-Image wird dadurch beschädigt. Auch Investoren werden sich den geplanten Verzicht auf Diversity sehr genau ansehen.«

Für das Planziele-Resümee befragte FidAR die rund 100 börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen zu den Zielgrößen. Ferner wurde erhoben, welche Fristen sich die Unternehmen zur Erreichung der Ziele setzen und wie sie die Angaben begründen. Knapp 70 Prozent der Unternehmen haben an der Befragung teilgenommen. Die Veröffentlichung der Planziele ist erst im Rahmen des Berichts zur Unternehmensführung im Geschäftsbericht 2015 gesetzlich verpflichtend – die Angaben wurden daher vorab FidAR gegenüber benannt oder im Internet veröffentlicht. Mit großem Interesse sehen wir den Angaben der Unternehmen entgegen, die ihre Daten bisher noch nicht mitgeteilt haben.

Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 102 börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen, die ab 1. Januar 2016 im Aufsichtsrat bei Neuwahlen eine Mindestquote von 30 Prozent Frauen erreichen müssen, ist seit Jahresbeginn 2015 nur leicht auf 23,1 Prozent (+1,8 Prozentpunkte seit 01/2015) gestiegen. 28 Unternehmen erreichen schon einen Frauenanteil im Aufsichtsrat von 30 Prozent oder mehr. Der Frauenanteil in den Vorständen stagniert dagegen bei 5,5 Prozent (+0,6 Prozentpunkte seit 01/2015). Dies ergeben die vorläufigen Untersuchungen zum Women-on-Board-Index 100 von FidAR mit Stand November 2015 (www.wob-index.de).

»Wir setzen darauf, dass mit den Aufsichtsratswahlen ab 2016 alle Kontrollgremien den geforderten Frauenanteil von 30 Prozent erreichen werden. Hiervon wird ein positiver Schub ausgehen«, betont Schulz-Strelow. »Wichtiger als die Pflicht ist aber die Kür der Zielvorgaben für den Vorstand und die beiden obersten Managementebenen. »Bleibt es dabei, dass der flexible Ansatz nicht genutzt wird, über die Festlegung von Zielgrößen und den damit verbundenen öffentlichen Druck die gleichberechtigte Teilhabe in den Führungsetagen zu erhöhen, müsste die verbindliche gesetzliche Regelung ausgeweitet werden.«


 

FidAR zieht Bilanz

Die deutsche Wirtschaft steht an einem Wendepunkt: Am 1. Mai 2015 ist das Gesetz für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Führungspositionen in Kraft getreten. Die geplante Mindestquote gilt für rund 100 börsennotierte und voll mitbestimmte Unternehmen. Sie müssen ab 2016 bei Neubesetzungen in den Aufsichtsrat einen Anteil von 30 Prozent Frauen erreichen. Alle börsennotierten oder mitbestimmten Unternehmen werden zudem verpflichtet, ab September diesen Jahres verbindliche Planziele für die Erhöhung des Frauenanteils und Fristen zu deren Erreichung in Vorstand, Aufsichtsrat und den obersten Managementebenen zu benennen und zu veröffentlichen.

Eine Begründung für die Einführung dieser gesetzlichen Regelung zur Steigerung des Frauenanteils in Führungspositionen liefert auch der Women-on-Board-Index. Vor 4 1/2 Jahren hat FidAR erstmals diese Studie vorgelegt. Unser Ziel war und ist es, die Entwicklung des Frauenanteils in Führungspositionen der 160 DAX-Unternehmen transparent zu machen. Die Bilanz fällt gemischt aus. Insgesamt hat sich der Anteil von Frauen in den Aufsichtsräten der 160 im DAX, MDAX, SDAX und TecDAX notierten Unternehmen in Deutschland merklich erhöht. Viele Unternehmen haben erstmals Frauen in die Führungsspitze geholt. Doch bei den Vorständen ist der Frauenanteil rückläufig. Das Tempo der Steigerung der Vielfalt in den Führungsetagen hat sich wieder verlangsamt.

Zudem zeigt der Blick in die Corporate Governance Berichte, Geschäftsberichte und Entsprechenserklärungen, dass nach wie vor viel zu wenige Unternehmen konkrete Planungsziele für eine angemessene Vertretung von Frauen in Kontroll- und Führungsgremien festgelegt haben; hier stimmen besonders die geringen Zahlen für die Planungsziele der Vorstände sehr nachdenklich.

FidAR hat mit dem WoB-Index ein Ranking erstellt, das Transparenz und Orientierung bietet. Wir schaffen Öffentlichkeit und liefern eine messbare Grundlage für die Veränderung bei der Besetzung der Aufsichtsräte und Vorstände. Wir orientieren uns dabei an den Forderungen der Bundesregierung, der Europäischen Kommission wie auch der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex nach mehr Transparenz hinsichtlich des Frauenanteils in Führungspositionen.

Unser Dank gilt allen Unternehmen, die uns bei der Recherche unterstützt haben, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das den WoB-Index fördert, dem manager magazin, das das Projekt als Medienpartner begleitet, und unserem Projektpartner Eye Communications für die gemeinsame Konzeption und Umsetzung.

Die detaillierte Studie zum WoB-Index können Sie hier herunterladen.

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