Vollbeschäftigung bis 2040 und Bedingungsloses Grundeinkommen

Zukunft der Arbeit: Nehmen uns Computer die Arbeit weg?

Illustration: Absmeier, Geralt

Einer der bekanntesten Zukunftsforscher Deutschlands, Sven Gábor Jánszky, hat eine optimistische Prognose für die Zukunft der Arbeitsplätze in Deutschland gegeben. Anlässlich des »Tages der Arbeit« sagte Janszky: »Es ist kein Geheimnis, dass Computer und ihre verbundenen Robotergehilfen schon heute die besseren Arbeiter am Fließband und an der Produktionsstraße sind. Sie werden in den kommenden zehn Jahren auch die besseren Wissensarbeiter, die besseren Ärzte, Unternehmensberater, Makler, Reiseführer, Lehrer, Steuerberater, Dolmetscher, Verkäufer … usw. werden.«

Bis 2040: Vollbeschäftigung

Dennoch widersprach der Zukunftsforscher den pessimistischen Prognosen einiger Experten: »Trotzdem prognostizieren wir Zukunftsforscher für Deutschland in den kommenden zwanzig Jahren eine Ära der Vollbeschäftigung. Der Grund ist einfach: Die Digitalisierung geht in unserem Land einher mit einem demografischen Sondertrend: Die Massen an Arbeitskräften in der Generation der Babyboomer gehen bis 2025 in Rente. Sie werden im Arbeitsmarkt nur minimal ersetzt durch die Wenigen in den geburtenschwachen Jahrgängen.

Wer nur die Renteneintritte und die Arbeitsmarkteintritte gegeneinander aufrechnet, der erkennt schnell, dass wir im Jahr 2025 etwa 6,5 Millionen arbeitende Menschen weniger im deutschen Arbeitsmarkt haben werden. Wenn wir die heutige Arbeitslosigkeit und alle Sonderprogramme von Staat und Unternehmen abziehen, bleiben nach wie vor 3-4 Millionen nicht besetzte Jobs. So viele Jobs kann die Digitalisierung in zehn Jahren nicht ersetzen. Mit maximal 1 Million automatisierten Jobs rechnen wir Zukunftsforscher bis 2025. Das ergibt eine Vollbeschäftigung, die etwa bis zum Jahr 2035 – 2040 anhalten wird. In dieser Phase ergänzt die Digitalisierung die menschliche Arbeit. Sie macht sie besser, schneller und perfekter. Sie macht die Produkte individueller und adaptiv.«

2040 – 2070: Die Economy-Jobs verschwinden!

Nach dem Jahr 2040 ändern sich dann die Vorzeichen, so die Prognose des Zukunftsforschers. Dann werden Wissensarbeiter in großem Maßstab von Computern ersetzt. Janszky verwies auf den jüngsten Bericht von US-Präsident Obama an den US-Congress. Der prognostiziert, dass alle Jobs im US-Arbeitsmarkt, die weniger als 20 US-Dollar pro Stunde verdienen, durch Computer ersetzt werden. Dies betrifft aktuell 62 % aller Jobs in den USA. Bei anspruchsvolleren Jobs, zwischen 20-40 US-Dollar/Stunde, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Ersatzbarkeit Obama zufolge auf 31 % und bei Jobs oberhalb 40 US-Dollar/Stunde sogar auf nur 4 %.

Janszky dazu: »So dramatisch wird die Situation in Deutschland nicht: Der deutsche Arbeitsmarkt ist im durchschnittlichen Qualifikationsniveau deutlich höher als der amerikanische. Andere Trends, wie etwa der Bevölkerungsschwund durch demografische Entwicklungen sind bei all den US-Studien nicht eingerechnet. Doch was bleibt ist die große Linie: Denn je kompletter die intelligenten Computer werden; je näher sie der allgemeinen menschlichen Intelligenz kommen und nicht mehr nur Experten auf einem Gebiet sind, desto mehr Jobs werden Sie kostengünstiger übernehmen können.«

Was machen dann die Menschen? Sie werden intelligenter

Janszky geht davon aus, dass die Konkurrenz durch Computer dazu führen wird, dass das Streben der Menschen nach einer starken Steigerung der Funktionsfähigkeit ihrer menschlichen Gehirne weiter gehen wird. Dieser Trend sei aktuell bereits in vollem Gange. Medikamente die die Gedächtnisleistung und Konzentration erhöhen, erfreuen sich wachsender Nachfrage, und das obwohl die Wirkungen heutiger Smart Drugs noch äußerst bescheiden sind. Die künftigen Nachfolger von Ritalin & Co. werden bessere Wirkung und geringere Nebenwirkungen haben.

Hinzu kämen die Auswirkungen der rasant wachsenden Genetik. Janszky: »Ob es uns gefällt oder nicht: Die Selektion von Embryonen verspricht in den kommenden Jahren eine Steigerung von über 100 IQ-Punkten pro Neugeborenem. Der durchschnittliche Mensch hätte dann einen IQ, der etwa dem heute lebenden, intelligentesten Menschen entspricht. Noch stärkeren Einfluss könnte die möglicherweise bevorstehende Erzeugung maßgeschneiderter Genome haben. Natürlich wird es nicht in allen Ländern dazu kommen. Deutschland ist aus nachvollziehbaren historischen Gründen kein Vorreiter dieser Entwicklung. Aber China und Singapur beispielsweise verfolgen eine wesentlich liberalere Politik. Sie werden neue Technologien möglicherweise nicht nur erlauben, sondern explizit fördern, um die Intelligenz ihrer Bevölkerung zu steigern. Und falls sie damit Erfolg haben werden sich andere Staaten kaum verweigern können, ohne sich und ihre Einwohner ins globale Abseits zu befördern.«

Identitätsproduktion und Bedingungsloses Grundeinkommen

Die Prognosen für das Zukunftsbild nach dem Jahr 2040 zeigen, dass Menschen nahezu alle ihre Jobs in der Herstellung von Produkten verlieren könnten. Aber sie gewinnen massenhaft neue Jobs in der »Herstellung von Identitäten« hinzu. Die arbeitenden Menschen werden zu Identitätsträgern und Identitätsmanagern. Sie beraten und begleiten andere Menschen. Statt Autos und Häusern stellen die Menschen Anerkennung, Zugehörigkeit und Identität her. In diesem Zuge werden Ärzte zu Gesundheits-Coaches, Versicherungsmakler zur Risiko-Coaches, Bankberater zu Finanz-Coaches, Lehrer zu Karriere-Coaches, Lebensmittelhändler zu Ess-Coaches, Bäcker zu Back-Coaches …usw. Im Zeitraum bis 2070 wird die Anzahl der identitätsstiftenden Jobs sprunghaft steigen. Dies sind Tätigkeiten, die wir heute noch nicht kennen. Vermutlich sind es auch Tätigkeiten, von denen wir heute nicht vermuten würden, dass man damit Geld verdienen kann.

Auf lange Sicht werde aber kaum ein Weg am bedingungslosen Grundeinkommen vorbeiführen, so der Zukunftsforscher. International werde dieses Konzept unter Wissenschaftlern und der Technologieszene derzeit unter dem Namen Universal Basic Income (UBI) propagiert. Mit Telekom-Chef Höttges habe sich inzwischen sogar ein DAX-Vorstand dafür ausgesprochen. Auch einzelne Staaten starten aktuell Pilotprojekte, um die Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens zu testen, so etwa in Finnland und den Niederlanden. Vorbereitende Studien gibt es u.a. in Kanada und der Schweiz.

[1] Sven Gábor Jánszky (43) ist Zukunftsforscher und CEO des größten deutschen Zukunftsinstituts »2b AHEAD ThinkTank«. Die Studien und Trendanalysen seines Instituts zu den Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten der Zukunft und seine Strategieempfehlungen zu Geschäftsmodellen der Zukunft bilden die Basis für die Zukunftsstrategien vieler Unternehmen. Seine Trendbücher »2025 – So arbeiten wir in der Zukunft« und »2020 – So leben wir in der Zukunft« prägen die Zukunftsstrategien verschiedener Branchen. Mit seinen Management-Strategiebüchern »Rulebreaker – Wie Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern« (2010) und »Die Neuvermessung der Werte« (2014) wurde er zum Sprachrohr der Querdenker und disruptiven Innovatoren in der deutschen Wirtschaft. Sein aktuelles Buch »Das Recruiting Dilemma« erklärt den rasanten Wandel des deutschen Arbeitsmarktes hin zur Vollbeschäftigung und dem Niedergang der Langzeitfestanstellung.
Der Zukunftsforscher lehrt an verschiedenen Universitäten. Er ist CEO des Trendforschungsinstituts »2b AHEAD ThinkTank« in Deutschland, Präsident des Verwaltungsrates der 2b AHEAD ThinkTank AG in der Schweiz, Geschäftsführer der StartUp-Beteiligungsgesellschaft »RULEBREAKER Management«, Aufsichtsrat der Karlshochschule International University, Mitglied des Beirats der Management Circle AG und Präsident der »Rulebreaker-Society«. Als Berater coacht Janszky Vorstände und Unternehmer in Strategieprozessen, führt Innovationsprozesse zu Produktentwicklung und Geschäftsmodellen der Zukunft. Er war Vize-Jugend-Mannschafts-DDR-Meister im Schach 1988. Er bestieg zweimal den Kilimandscharo und lief in New York seinen 19. Marathon.
Für mehr Hintergründe finden Sie zwei aktuelle Trendanalysen von Sven Gabor Janszky zur »Zukunft der Arbeit” unter:
http://www.2bahead.com/fileadmin/content/2bahead/Trendanalysen/2b_AHEAD_Trendanalyse_-_Nehmen_uns_Maschinen_die_Arbeit_weg.pdf
und:
http://www.2bahead.com/fileadmin/content/2bahead/Trendanalysen/2b_AHEAD_Trendanalyse_AI_3_-_Werden_wir_Menschen_zum_Spielball_der_Computer.pdf

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