Perspektive Zukunft – Das Prinzip des New Work

Wie lässt sich Unternehmenskultur zu etwas Sinnhaftem machen und das postmoderne Empowerment für mehr Partnerschaftlichkeit umsetzen?

Das Prinzip des New Work rüttelt gewaltig an unseren fundamentalen Glaubensstrukturen, was uns dazu veranlasst, alles in Frage zustellen. Diese Welt befindet sich im Umbruch. Zu schnell und viel zu früh, wie es scheint. Wenn uns heute etwas erschüttert, verbreiten sich Nachrichten wie Stoßwellen binnen weniger Stunden auf der ganzen Welt. Deren Schockwellen spüren ganze kulturelle Gruppen, ziehen nationale Grenzen neu, redefinieren Märkte und schreiben die Szenerie der Gutmenschen um. Diese Beben hallen wider in der Geopolitik, in Rassenbeziehungen, ethnischen Konflikten, religiösen Themen, Geschlechterbeziehungen, in der Bildung, der Wirtschaft, der Umwelt, der Justiz. Allerorts ertönen Rufe nach Moral und Gerechtigkeit. Nach einer Welt, in der Chancengleichheit herrscht und in der jeder seinen Platz findet.

Fachkräftemangel und die politische Weltlage bereitet der Weltwirtschaft große Sorgen. Mitarbeiter wandern ab, neue sind nur schwer zu finden. Eines ist sicher, die Forderungen und Erwartungshaltung von Unternehmen und Mitarbeitern stehen sich in ihren Perspektiven gegenüber.

Anzeige

 

Unternehmen des privaten und öffentlichen Sektors müssen nicht nur an ihrer Attraktivität arbeiten, um langfristig Erfolge feiern zu können. Sie müssen restrukturiert, verschlankt und in ihrer linienhierarchischen Struktur überarbeitet werden. Viele klein- und mittelständische Betriebe hängen der Veränderungskurve hinterher, was sie nurmehr in eine Schieflage bringt. Die komplexe VUKA-Welt erzeugt heftige Stürme und Härten, denen Unternehmen Stand halten lernen müssen.

New Work als Reaktion auf den strukturellen Wandel. Dabei ist der Begriff des New Work gar nicht neu. Der österreichisch-amerikanische Sozialphilosoph Prof. Dr. Frithjof Bergmann prägte den Begriff des New Work bereits Ende der 70er Jahre. Demnach sollte Arbeit als etwas Ungezwungenes definiert sein. Bergmann ging der Frage nach, was der Mensch wirklich will und kam zu dem Schluss, dass Arbeit und Abläufe so organisiert werden sollten, dass sie sich stärker an den  Wünschen und Vorstellungen des Individuums orientieren. Bereits in den 70er Jahren wies er auf die Austauschbarkeit des Menschen als Arbeitskraft durch die beispielsweise fortschreitende Technologisierung hin.

Heute beschreibt das Prinzip des New Work den strukturellen Wandel in unserer Zeit. Remote, Digital Work, Co-Working, Open-Space sind nur wenige Begriffe, die die neue Zeit der Arbeitswelt einläuten. Globalisierte Märkte und die Entwicklung künstlicher Intelligenzen eröffnen zudem neue Möglichkeiten in Organisation und Abläufen. Unternehmen stehen heute vor völlig neuen Herausforderungen. Fallen auf der einen Seite Arbeitsplätze durch die Prozessautomatisierung weg, besteht in einigen Bereichen Fachkräftemangel für Berufe, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Zudem verändern sich die Anforderungen an neue Arbeitsfelder, die reifere Semester vom Ausbildungs- oder Studienstand nicht bedienen. Die Ansprüche haben sich verändert. Der Mensch spielt wieder eine zentrale Rolle und braucht Sicherheit. Er muss wissen, dass es für ihn immer einen Platz im Ökosystem des Unternehmens gibt. Gutes Personal zu finden und zu binden bedeutet heute, Arbeit zu etwas Sinnhaftem zu machen und Partnerschaftlichkeit zu fördern.

Empowerment des New Work führt zu mehr Arbeitszufriedenheit, Bindung an das Unternehmen und steigert die Produktivität. Studien belegen, das sich partnerschaftliche Betriebsführung positiv auf die Leistungsbereitschaft, das Verantwortungs- und Innovationsverhalten von Mitarbeitern auswirken, wie unter anderem die Studie »Arbeitsplatz der Zukunft 2018« beschreibt [1].

Der Wertewandel bedingt auch eine ethische Verpflichtung, das Sozialgefüge neu zu denken. Potenzialentfaltung und Entwicklungsmöglichkeiten dürfen nicht länger nur das niedliche Konzept der Personalabteilung sein. Unternehmen werden an der Attraktivität gemessen und bewertet. Der Wohlfühlfaktor und der Erlebniswert der Arbeit selbst bestimmen das Gemeinschaftsgefüge, reduzieren kostspielige Fluktuationen, die die Produktivität und Innovationskraft eines Unternehmens mindern.

 

 

New Work ist natürlich kein Standard. Jedes Unternehmen tickt, wie wir Menschen auch, ganz anders. Wer jedoch langfristig am Markt bestehen will, kommt nicht umhin, seine Unternehmensattraktivität, Marktpräsenz und Rentabilität zu steigern und in innovative lebendige Konzepte zu investieren. Die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen ergeben sich aus der Kundenstruktur, dem Wettbewerb, den Produkten und Dienstleistungen, den Mitarbeitern und Arbeitsprozessen. Alles zusammen beschreibt die Möglichkeiten, Zukunft neu zu definieren und damit attraktiver zu werden.

Der Klassiker des Win-Win und der beinahe antiquiert anmutenden Work-Live-Balance erlebt einen Relaunch durch sinnvoll umgesetzte New-Work-Strategien dort, wo sie angemessen, sinnvoll und notwendig sind.

Das New-Culture Prinzip beendet das »Moralische Kräftemessen« und setzt ethische Themenfelder, wie Verantwortung, Werte, Tiefgang und Kompetenz in kreisförmigen Strukturen neu um. Damit hat der »War of Talents« ausgedient. Ganz oben auf der Wunschliste von Arbeitnehmern stehen mehr Freiheit und eine bessere Plattform für persönliche Vorhaben und Inspiration.

Im Fokus des New Work stehen nicht nur die Bedürfnisse der Arbeitnehmer. Der moderne offen kreisförmige Unternehmensstil betrifft die DNA des Unternehmens und setzt neue Anforderungen an die Führungsebene. Leadership on Demand versteht sich als Coach und Moderator oder Partner und längst nicht mehr als eine Instanz von »Weisung und Kontrolle«. Streng hierarchische Führungsstile der Linienhierarchie haben ausgedient. Tradierte Hierarchien brechen auf und machen Platz für agile Führung und neue Strukturen.

New Culture bedeutet auch, dass sich das Organisationsdesign grundlegend verändert. Arbeitgeber profitieren von wachsender Innovationskraft und erhöhtem Engagement der Mitarbeiter, was langfristig zur Steigerung der Kundenzufriedenheit und damit der Wettbewerbsfähigkeit führt.

New Work als Perspektive. Unternehmen, denen es gelingt, ihre Mitarbeiter von dem großen Mehrwert für jeden Einzelnen sowie für die Unternehmensziele zu überzeugen, haben die perfekte Grundlage für die Einführung des New Work gelegt.

Ein ethisch eingeführtes und authentisches New Work bietet vielfältige Chancen, sich in der neuen Arbeitswelt zu behaupten und mit einem deutlichen Vorsprung seine Marktpräsenz auszubauen.

 


Gabi C. Stratmann,
Unternehmerin, Philosophin, Autorin

 

 

Gabi Claudia Stratmann beschäftigt sich mit dem Ideal einer Gesellschaft, die von Werten und Nächstenliebe geprägt ist und Wohlstand für alle ermöglicht. Dabei stellt sie kritische Fragen und schaut hinter so manche Kulisse, um neue Wege und Lösungen für die Problemstellungen unserer Zeit zu finden.
Ihre Beratungsschwerpunkte in Politik und Wirtschaft sind Gesellschaft, Umwelt, Nachhaltigkeit. Als Gründerin von ChiemegauInnovativ denkt sie die Welt im Sinne von Perspektive Zukunft neu.
Sie schreibt Bücher zu Themen Ethik und Moral, Gesellschaft und Ökonomie sowie Einflussmechanismen auf Beziehungen aller Art. Ihr Werk »Auf einen Tee bei Leuchtenbergs« ist eine philosophische Reise um diese Welt. Darin gibt sie einen spannenden Einblick in die Beziehungsgeflechte des internationalen Weltgeschehens und zeigt dabei wichtige, zukunftsweisende Handlungsfelder für jeden einzelnen auf.

 

[1] https://www.arbeitsplatzderzukunft.de/wp-content/uploads/
IDG-Studie_Arbeitsplatz-der-Zukunft_2018.pdf

 

Illustrationen: © MJgraphics/shutterstock.com;
Foto: Anne-Kathrin Kabitzke-Schiede