Sicherung kritischer Infrastrukturen beginnt bei der IT – Oberste Priorität

Kritische Infrastrukturen geraten zunehmend ins Visier von Cyberangreifern. Die bisherigen Attacken zeichnen sich durch ein typisches Angriffsmuster aus, das damit auch die erforderlichen präventiven Maßnahmen indiziert. Zwölf Best Practices geben die Richtung für eine proaktive Abwehr potenzieller Gefahren vor.

Erst vor kurzem hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) erneut vor einer Angriffswelle gegen Energieunternehmen in Deutschland gewarnt. »Deutsche Unternehmen aus der Energiewirtschaftsbranche sind Ziel einer großangelegten weltweiten Cyber-Angriffskampagne«, heißt es in einer BSI-Pressemitteilung [1]. Nach Angaben des BSI sei es den Angreifern bisher vereinzelt gelungen, in die Büronetzwerke von Unternehmen einzudringen. Damit ist allerdings bereits der erste, entscheidende Schritt für die Infiltration einer kritischen Infrastruktur getan, wie viele Beispiele – etwa der Cyberangriff auf das ukrainische Stromnetz Ende 2015 – gezeigt haben [2].

Ein typisches Angriffsmuster auf kritische Infrastrukturen weist nach Analysen von CyberArk folgende Merkmale und zeitliche Abfolgen auf:

  • Versand von Spearphishing-E-Mails aus vermeintlich vertrauenswürdiger Quelle an IT-Mitarbeiter und Systemadministratoren
  • Öffnung von Spearphishing-E-Mails und präparierter Anhänge durch die Mitarbeiter
  • Starten eines bösartigen Makros im Hintergrund und Installation von Malware auf dem Rechner des Mitarbeiters
  • Diebstahl von Zugangsdaten und Passwörtern des lokalen, kompromittierten Rechners
  • Nutzung der Zugangsdaten für den Zugriff auf verbundene Systeme in der Domain
  • »Seitwärtsbewegung« der Angreifer im Netz, bis sie Zugang zu einem administrativen Account erhalten
  • Nutzung des administrativen Accounts, um sich Zugriff auf zusätzliche privilegierte Accounts zu verschaffen
  • Gewinn eines Zugriffs auf einen privilegierten (VPN-)Zugang zum OT (Operational-Technology)-Netzwerk und damit Zugang zur kritischen Infrastruktur

Für mehrere Wochen agieren die Cyberangreifer dann oft verborgen im Netzwerk. Dass Hacker sich für längere Zeit unbemerkt im Netzwerk aufhalten, ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil, es gehört vielfach zur Angriffsstrategie. Auch das BSI hat in seiner aktuellen Warnung betont, dass »in mehreren Fällen (…) zudem Spuren der Angreifer nachgewiesen werden« konnten, die »auf Angriffsvorbereitungen zur späteren Ausnutzung hindeuten«.

Präventive Schutzmaßnahmen unterbinden OT-Zugang. Das typische Muster des Ablaufs eines Cyberangriffs auf eine kritische Infrastruktur gibt zwangsläufig auch Hinweise auf erforderliche Schutzmaßnahmen.

Ausgehend vom beschriebenen typischen Angriffsablauf bieten die folgenden zwölf Best Practices eine deutliche Risikoreduzierung. Sie sichern die IT und beseitigen damit auch zentrale Angriffspfade für einen Zugang zur OT-Umgebung. Im Wesentlichen geht es dabei um drei Aspekte: die Endpunktsicherung zur Vermeidung der Erstinfektion, die Sicherung und Überwachung von Zugangsdaten zur Vermeidung der Ausbreitung sowie die Bedrohungserkennung zur rechtzeitigen Einleitung von Gegenmaßnahmen.

Endpunktsicherung. 

  • Sensibilisierung der Mitarbeiter für Gefahren, die von E-Mails mit Anhängen und Links aus unbekannten – aber auch aus vermeintlich bekannten – Quellen ausgehen
  • Kontinuierliches Patchen von Systemen zur Eliminierung bekannter Sicherheitslücken
  • Überwachung der Applikationen auf den Endpunkten zur Minimierung des Malware-Infektionsrisikos
  • Entzug der lokalen Administratorenrechte für Standardanwender, um Angreifern im Fall einer Systemkompromittierung nur eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen

Sicherung und Überwachung von Zugangsdaten.

  • Nutzung von Multifaktor-Authentifizierung
  • Regelmäßige Änderung administrativer Passwörter
  • Vergabe unterschiedlicher lokaler Administrator-Passwörter für jeden Arbeitsplatzrechner, um eine »Seitwärtsbewegung« von Angreifern zu unterbinden
  • Proaktive Sicherung und Überwachung der Verwendung hochsensibler Accounts wie Domain-Accounts oder Accounts, über die ein Zugriff auf die Steuerung kritischer Infrastrukturen erfolgen kann
  • Netzwerksegmentierung zur Beschränkung des Zugangs zu kritischen IT-Systemen
  • Isolation privilegierter Zugänge zu kritischen Systemen

Bedrohungserkennung.

  • Analyse von User- und Account-Verhalten zur Erkennung ungewöhnlicher, verdächtiger Aktivitäten
  • Kontrolle privilegierter Session-Aktivitäten zum Aufspüren von Insider-Bedrohungen

Setzt man das Muster eines typischen Angriffs auf OT-Umgebungen und kritische Infrastrukturen in Relation zu den beschriebenen präventiven Schutzmaßnahmen, ist eines klar erkennbar: Eine Attacke wie in der Ukraine vor einigen Jahren wäre ins Leere gelaufen; dies zeigt eine detaillierte Analyse des Angriffsablaufs in der Ukraine durch CyberArk [2]. Die Sicherung der IT und gerade der privilegierten Accounts muss somit oberste Priorität einnehmen. Nur so können letztlich auch kritische Infrastrukturen geschützt und Angriffe auf Produktions- oder Steuerungsnetzwerke verhindert werden. Nicht umsonst hat auch BSI-Präsident Arne Schönbohm betont: »Die bekanntgewordenen Zugriffe auf Büronetzwerke sind (…) ein deutliches Signal an die Unternehmen, ihre Computersysteme noch besser zu schützen. Diese Entwicklung offenbart, dass es womöglich nur eine Frage der Zeit ist, bis kritische Systeme erfolgreich angegriffen werden können.«

 

Der Ukraine-Hack in der CyberArk-Analyse im Überblick

Das Angriffsszenario des Ukraine-Hacks ist exemplarisch für die Vorgehensweise von Cyberkriminellen bei der Einspeisung von Schadprogrammen in kritische Infrastrukturen: vom Versand von Spearphishing-E-Mails über den Diebstahl von Zugangsdaten bis zum Gewinn eines privilegierten (VPN-)Zugangs zum OT-Netzwerk.

Im Zuge der fortgesetzten Kompromittierung einer immer höheren Anzahl an IT-Systemen haben die Cyberangreifer in der Ukraine eine zunächst inaktive, aber hochschädliche KillDisk-Malware installiert, die zu einem späteren Zeitpunkt remote aktiviert werden konnte. In der Netzleitstelle haben die Angreifer einfach nur beobachtet und gelernt, das heißt, sie ermittelten, wie Operatoren auf Systeme zugreifen und wie sie diese steuern und überwachen und wie Firmware-Updates remote an die Umspannstationen übermittelt werden. Dieses Wissen und die kompromittierten privilegierten Zugänge konnten sie schließlich für die finale Attacke nutzen.

Dabei wurden unter anderem 30 Umspannstationen lahmgelegt, ein Firmware-Update an 16 Umspannstationen übermittelt, um diese nicht mehr für Remote-Kommandos erreichbar zu machen, und schließlich auch USV-Anlagen deaktiviert. Um eine schnelle Wiederinbetriebnahme zu verhindern, aktivierten sie die KillDisk-Malware, mit der IT-Systeme überschrieben und Master-Boot-Einträge beschädigt wurden. Letztlich starteten die Angreifer noch eine DDoS-Attacke auf die Callcenter der Energieversorger, sodass die Kunden keinen Stromausfall mehr melden konnten.

 


Michael Kleist ist
Regional Director DACH bei
CyberArk in Düsseldorf

 

 

 

[1] https://www.bsi.bund.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Presse2018/
Cyber_Angriffe_auf_deutsche_Energieversorger_13062018.html
[2] Detaillierte Informationen zum Cyberangriff auf die Energieversorgung der Ukraine Ende 2015 liefert das E-Book »The Cyber Attackers’ Playbook« von CyberArk, Download unter https://www.cyberark.com/resource/cyber-attackers-playbook/

 

Illustrationen: © Ozger Sarikaya, Who is Danny /shutterstock.com

 

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