Satire – Jedem Anfang wohnt ein Ende inne

Satire – Jedem Anfang wohnt ein Ende inne

Das tägliche Leben im IT-Management ist härter als jede Dschungelprüfung. Heutige Prüfung: Transition und Transformation.

Das Grauen hat einen Namen: Transition und Transformation – oder, da die IT-Industrie so wunderbare Abkürzungen liebt, deren Bedeutung dem Rest der Welt immer so weitläufig erklärt werden muss, dass ein Ausschreiben eine Unmenge an Lebensenergie und Zeit gespart hätte: T&T. Bewusst wurde wahrscheinlich die Nutzung des Et-Zeichens zwischen den beiden Ts entschieden, ansonsten hieße die Abkürzung ja »TuT«. Ein Schelm, wer dabei an kleinkindliche Ausrufe denkt, wenn die Lenker eines Bobby-Cars wiedereinmal über den Dielenboden rasen. Nein, »TuT« hätte allein phonetisch schon eine zu geringe Distanz zu »Tod« – und tausend Tode sind vermutlich das, was den IT-Manager während einer durchschnittlichen und handelsüblichen Transition und Transformation erwarten. Ein Wort noch zum »&« – kaum jemand aus der IT wird dieses Zeichen übrigens wie oben erwähnt »Et-Zeichen« nennen, denn das Gegenüber würde darunter dann mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent »@« verstehen. Und das ergäbe dann wiederum »T@T« und sieht wiederum viel zu sehr aus nach … – genug der Assoziationen, hier geht es um IT, nicht um Psychologie.

Aufbruch in eine bessere Welt. In der frühen Geschichte sind Transitionen und Transformationen sehr positiv besetzt gewesen, ging es doch seit jeher darum, aus dem Status quo heraus in eine bessere Welt zu gelangen. So berichtet Johannes in der Bibel von einer gelungenen Transformation, als Jesus den Dienern befahl, steinerne Wasserkrüge mit Wasser zu füllen und diese dann in so guten Wein transformierte, dass der Speisemeister vor Begeisterung sogar den Bräutigam vorhielt, den besten Wein erst am Ende des Festes auszuschenken (Joh. 2, 5 – 10). Nun, Jesus war kein IT-Dienstleister, aber er hat mit Standardkomponenten einen hochwertigen Service zusammengestellt (die Bibel spricht ja in der Luther-Übersetzung von einem Zeichen, nicht einmal einem Wunder). Auch wenn manche IT-Dienstleister heute nur Wunder versprechen, jedoch keine Wunder vollbringen: Zeichen sollten sie mit einer Transition und Transformation allemal setzen können. Gemeint ist die Zeichensetzung im positiven Sinne, gesetzt werden hingegen in der Wahrnehmung der zahlenden Kundschaft nur negative Zeichen. Dies ist so, als ob Jesus den teuren Wein zu Wasser verwandelt hätte – aber das wäre in der Bibel dann sicherlich nicht erwähnt worden.

Die Propheten von heute. Warum nur begeben sich Jahr für Jahr etliche IT-Manager in das Tal der Tränen (merke: T&T könnte also auch »Tal und Tränen« bedeuten)? Die Erklärung ist ganz einfach. Die Propheten von heute haben sich Titel gegeben wie Presales Representative oder Key Account Manager, tragen nicht mehr Toga und Sandalen, sondern blaue oder anmutig hellpurpurne Krawatten und versprechen ihren Jüngern, nein, Entschuldigung, natürlich potenziellen Kunden, sie auf grüne Auen zu führen, wo Milch und Honig fließen und das Leid der Anwender in Friede, Freude und Eierkuchen verwandelt wird. Das Paradies von heute ist nicht voller Jungfrauen, die den Märtyrer in freudiger Erwartung willkommen heißen, sondern findet sich in so profanen Städten wie Frankfurt oder München, heißt Rechenzentrum der Zukunft (natürlich konform zu allen Energie-Richtlinien der Welt, es sind ja grüne Auen). Milch und Honig sind sowieso nur virtuell zu verstehen – Daten sind für den IT-Manager bekanntlich die Milch und der Honig des 21. Jahrhunderts. Zur Ehrenrettung sei zu sagen: ja, diese Propheten von heute, die erklären dann auch, dass das Paradies nur zu erreichen ist über breite, gut asphaltierte Straßen, auf denen geschulte Reiseleiter bereitstehen, um den müden, durstigen Wanderer an die Hand zu nehmen, ihn gar zu tragen, damit er das Paradies sicher und wohlbehalten erreicht. Natürlich ist so ein Service nicht kostenlos – aber das erwartet schließlich auch niemand. Bereitwillig folgt der IT-Manager dieser Vision hin zum Paradies, schlägt ein, bestellt und hastet los, hin zum besseren Leben.

Tauglichkeitsprüfung für das Paradies. Mit Abschluss des Vertrags verschwindet dann der Prophet auf einmal, aber der Kunde ist nicht allein. Sofort stehen weitere Lichtgestalten bereit, erkennbar an der gleichen Krawattenfarbe, und nehmen den IT-Manager an die Hand. Zunächst einmal wird das beiseite gewischt, was der Presales-Prophet gesagt hat. Propheten haben eben keine Ahnung vom richtigen Leben, sondern nur vom Jenseits, vom Paradies eben. Erste Irritationen machen sich im IT-Management breit – ist man etwa einer Fata Morgana gefolgt? Nein – beschwichtigen die Lichtgestalten. Aber um richtig zu transformieren, muss der Kunde erst einmal transpirieren. Es gilt nun, Fragebögen mit tausend Seiten auszufüllen, denn je besser man den Kunden kennt, desto besser weiß man, wo noch Zusatzprojekte verkauft werden können … Nein, Stopp, schon wieder falsch! Neuer Versuch: desto besser weiß man, wo der Kunde noch nicht tauglich genug für das Paradies ist und wo gegebenenfalls das Paradies auch den Kundenanforderungen angepasst werden muss. Das ist natürlich kostenpflichtig, nur das Standardparadies (das mit den Jungfrauen für die Märtyrer) kostet nichts weiter als das Leben.

Jeder Tunnel hat ein Ende. Doch nun ist es zu spät. Statt auf der asphaltierten Straße steckt der IT-Manager im Tunnel fest. Der ist zwar nicht dunkel (die Wände leuchten auch hier in den Farben der Krawatten der Lichtgestalten), angenehm ist die Situation trotzdem nicht. Der Tunnel ist eng, eine Umkehr fast unmöglich. Also heißt es in den meisten Fällen »Augen zu und durch«, selbst wenn es manchmal den Anschein hat, dass selbst der abgeschlossene Vertrag nicht das Papier wert ist, auf dem er gedruckt wurde. Aber so schmal, so lang der Tunnel auch sein mag, wohin er auch immer führen wird, so es nicht das verheißene Paradies sein sollte: irgendwann erspäht der IT-Manager ein Licht.

Darum: Auf zum Licht am Ende des TuTunnels! Auch wenn das Licht manchmal nur der entgegenkommende Zug ist. In Anlehnung an Hermann Hesse wohnt jedem Anfang ein Ende inne.


autor_christph-lueder

Christoph Lüder,
LEXTA CONSULTANTS GROUP,
Berlin

 

Illustration: © alphasprit, 3000ad/shutterstock.com 

 

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