Big Data und der Verbraucherschutz in der digitalen Gesellschaft

foto pixabay geralt verbraucher schutz

Vor einigen Tagen hat der vor rund einem Jahr gegründete Sachverständigenrat für Verbraucherschutz (SVRV) Studien und Empfehlungen für die »Verbraucherpolitik in der Digitalen Welt« vorgelegt. In seinem Grußwort nahm der Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz die Relevanz von Sachverständigenräten aufs Korn: Als sich die ersten Sachverständigenräte in der Bonner Republik (heute die Wirtschaftsweisen genannt) bei der Bundesregierung meldeten, seien sie nicht einmal vorgelassen worden. Sie durften ihre Unterlagen beim Pförtner ablegen. Heute gehörten Sachverständigenräte zu wichtigen Meinungsbildnern in der Politik.

Die Empfehlungen des SVRV betonen erneut, wie wichtig es ist, sich nicht nur um den schnellen Taler zu kümmern. In den Empfehlungen sind Begriffe wie Qualität der Information, (digitale) Alltagskompetenz der Verbraucher, Transparenz hinsichtlich der verbraucherbezogenen Daten, freiwillige Einwilligung und ähnliches zu erkennen. Die Unternehmen werden hier aufgefordert, ihre Anwendungen von Haus aus datenschutzfreundlich zu gestalten. Privacy by Design und Security by Design sowie Privacy by Default (eben die standardmäßige verbraucherfreundliche Voreinstellung) sind hier wichtige Empfehlungen.

Der Verbraucherschutz in einer digitalen Welt verlange, so der SVRV, vom Verbraucher elementare Kenntnisse im Erkennen, in der Einschätzung und Bewertung sowie im Umgang mit den Chancen und Risiken von Produkten für die »Selbstvermessung«. Die Chance der Früherkennung von Erkrankungen durch Implantate sei immer auch mit gesteigerten Ängsten und möglicherweise unnötigen Kosten für Folgetests und Behandlungen verknüpft. Das gelte auch im Finanzmarkt, wo dem Anwender heute beispielsweise durch Nachkommastellen eine Genauigkeit vorgegaukelt werde, die gar nicht möglich sei.

Anwender sind zu Recht misstrauisch

Aus der Sicht von Experton Group sind diese und die vielen anderen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen des Sachverständigenrates Verbraucherschutz richtig und wichtig. Sie zeigen erneut, dass es bei der digitalen Transformation, bei Big Data und E-Health um mehr geht, als das wilde Sammeln irgendwelcher personenbezogener Daten in der Hoffnung auf das Verkaufen »neckischer« Produkte oder eine »360-Grad-Sicht« auf den Kunden. Vor knapp einem Jahr hat Experton Group bereits über »The Creepiness of Marketing« geschrieben. Und Anwender sind, zu Recht, von Haus aus misstrauisch. Den Einsichten des SVRV zufolge ist beispielsweise die personalisierte Preisbildung vor allem aufgrund fehlender technischer Infrastruktur, mangelnder Rendite und der Sorge um das Verbrauchervertrauen in Deutschland noch relativ gering ausgeprägt. Es schwingt jedoch die Sorge um ein Senken dieser Barrieren in den Berichten mit.

Wo liegen also die Chancen (und die Renditen) in einer digitalen Welt? Ein wichtiger Aspekt in der Nutzung von Big Data ist nach Überzeugung von Experton Group die Nutzung von Daten, auch Verbraucherdaten, in Bereichen, die nicht auf Next-best-Offer oder Next-best-Action hinauslaufen. Ein spannendes Beispiel ist die Anreicherung der neutralisierten Verbraucherdaten mit anderen Informationen wie zum Beispiel geografischen Informationen. Dann könnte ein Unternehmen, das über eine große Zahl von Verbraucherdaten, Daten aus internen Geschäftsprozessen und Daten aus fremden Quellen verfügt, neuartige Korrelationen herstellen – ganz losgelöst vom Verbraucher, dessen personenbezogene Daten schon längst auf ein Geodatum wie eine Straßenkreuzung oder einen Stadtteil anonymisiert worden sind. Es ist richtig, dass aus solchen Analysen kein Hinweis darauf entsteht, was man diesem Verbraucher als nächstes anbieten könnte. Jedoch entstehen aus diesen Big-Data-Analysen neue Erkenntnisse, an denen andere interessiert sein könnten. Aus Schuhhändlern und Versicherungen werden Datenhändler, ohne in Konflikt mit dem gesetzlich schon geregelten Schutz personenbezogener Daten in Konflikt zu bekommen. Und in diesem Big-Data-Ansatz steckt ein weiterer wichtiger Aspekt: Es werden keine unnötigen IT-Investitionen in schon vorhandene Geschäftsmodelle gesteckt, die doch nur enttäuschende zusätzliche Stellschrauben für längst Vorhandenes liefern, sondern es wird in neue Geschäftsmodelle investiert.

Es ist zu erwarten, dass der Sachverständigenrat Verbraucherschutz beim Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz einen starken Einfluss auf die politische Meinung und die Gesetzgebung haben wird, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Anwendung digitaler Technologien. Die Experton Group wird im Rahmen ihres Researches auch die Entwicklungen beim SVRV im Blick behalten.

autor holm landrock experton group Holm Landrock, Experton Group

Bottom Line (ICT-Anwenderunternehmen): Ganz gleich wie groß die Verheißungen der Hersteller sind, dürfen Ihre Anwendungen der digitalen Technologien nicht »auf dem Rücken der Verbraucher« ausgetragen werden. Die Empfehlungen des Sachverständigenrats und auch die Leitlinien des Bitkom, an denen auch Experton Group mitgearbeitet hat, enthalten wichtige Hinweise und Hilfestellungen für die Gestaltung von IT-Lösungen und Geschäftsmodellen im Zeitalter der digitalen Transformation.

Bottom Line (ICT-Anbieterunternehmen): Technik und Erfindungen bedürfen immer auch ethischer Beschränkungen. Verknüpfen Sie Ihr Big-Data-Offering deshalb immer auch mit ethischen Prinzipien. Der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen beschäftigt sich sehr genau und kompetent mit Fragen der Verbraucherpolitik in der digitalen Welt. Hier sind auch Vorschläge für den Gesetzgeber zu erwarten, die nicht allen gefallen werden oder die möglicherweise als lästig empfunden werden.

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