Die Cloud verändert Unternehmen: Vier Aspekte die Entscheider beachten sollten

Illustration: Absmeier

Immer mehr Unternehmen verlagern Workloads und Prozesse in die Cloud. Oft wird von den Zuständigen dabei vergessen, dass die Entscheidung dafür kein einfacher Produktwechsel ist. Mit der Migration kritischer Unternehmensfunktionen gehen üblicherweise auch Anpassungen der Betriebsabläufe einher. Somit ändert sich für die Mitarbeiter nicht nur das tägliche Arbeiten, auch die Betriebsorganisation muss die neuen Prozesse abbilden. »Mit dem Weg in die Cloud verlegen Unternehmen im Grunde einen wesentlichen Teil ihres technischen Betriebs. Sind die erforderlichen Anpassungen bei der Etablierung von Software as a Service noch überschaubar, so sind sie bei der Einführung von beispielsweise Infrastructure as a Service massiv«, erklärt Thorsten Böttjer, Head of Cloud Engeneering bei Oracle Deutschland. »Neben technischen Hürden bringen alle Migrationsprozesse vor allem auch Herausforderungen an die Aufbau- und Ablauforganisation sowie an die Verantwortungsbereiche der Mitarbeiter mit sich.«

Wie Verantwortliche die Auswirkung der Migration auf das Unternehmen antizipieren und so das volle Potenzial der Cloud von Tag eins an nutzen können, erklärt der Experte anhand von vier Bereichen:

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  1. Technologie

Entscheidend ist vollständige Transparenz. Jedes Migrationsprojekt sollte daher mit einer Analyse und Evaluation sowohl des bis dato verwendeten Technologiestacks als auch der am Markt befindlichen Applikationsportfolios beginnen. Die in Unternehmen anzutreffenden Applikationslandschaften können sehr vielfältig sein.

Nicht selten laufen kritische Unternehmensworkloads von Unternehmen, die eigene Rechenzentren betreiben, auf Legacy-Architekturen oder Betriebssystemen wie SPARC oder AIX. Manche Unternehmen verwenden für hochspezialisierte Tasks Großrechner und Mainframes. Zudem basieren viele Unternehmensapplikationen und Fachanwendungen auf herkömmlichen Rechnerarchitekturen wie x86 oder ARM und müssen für eine Cloud-Umgebung gegebenenfalls neu geschrieben und kompiliert werden. Und nicht zuletzt benötigen Datenbanken eine besondere Betrachtung mit Blick auf Skalierung und Ausfallsicherheit, wenn diese in einer Multi-Server-Architektur oder in einem Cluster betrieben werden.

Demgemäß müssen Verantwortliche im Migrationsprozess viele Aspekte beachten. Um die verschiedenen Cloud-Anbieter auf Abdeckungsgrad und Kosten gut vergleichen zu können, sollten sie die eigenen Applikationen zunächst gliedern und ordnen. Grob lassen sich vier Arten festhalten:

  • Applikationen, die auf Legacy-Systemen angewiesen sind
  • Applikationen, die ein klassisches Hosting benötigen
  • Applikationen, die sich in Containern kapseln lassen und die keine besonderen Anforderungen an das Netzwerk stellen
  • Applikationen in Containern, die man nur für eine beschränkte Laufzeit benötigt

Die vorherrschenden heterogenen Applikationslandschaften legen oft den Schluss nahe, dass an einer Multi-Cloud-Strategie meist kein Weg vorbeiführt. Insbesondere die großen Cloud-Anbieter fokussieren sich auf bestimmte Workload-Typen und können manche besser abbilden als andere.

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  1. Mitarbeitende

Die Umstellung zu einem Self-Service-fokussierten Ansatz erfordert ein Umdenken sowohl bei der IT-Abteilung als auch bei Betriebs- und Sicherheitsorganen, denn aus den klassischen Administratoren werden Architekten. Statt auf Anfragen zu reagieren, designen die IT-Mitarbeiter nun Umgebungen, die den Anwendern aus den Fachabteilungen ein schnelleres und integriertes Arbeiten ermöglichen.

Dieser Wandel bedeutet im gleichen Maße große Veränderungen für die Sicherheitsverantwortlichen und Einkäufer im Unternehmen. Sie können sich nicht mehr darauf beschränken, Richtlinien zu erlassen und vorgelegte Konzepte und Verträge zu prüfen. Vielmehr müssen sie aktiv an der Gestaltung der »Service Assets« mitwirken. Diese abteilungsübergreifende Zusammenarbeit zwischen Organisationseinheiten, die bislang nicht benötigt wurde, verlangt einen nachhaltigen Wandel der Unternehmenskultur.

 

  1. Prozesse

Der Übergang von anfragebasierten Prozessen hin zu Self Service in der IT eines Unternehmens hat vermutlich den stärksten Einfluss auf die innerbetrieblichen Prozesse. Dabei müssen Entscheider im Auge behalten, dass ganze Information Technology Infrastructure Libraries (ITIL) wegfallen. Umso wichtiger ist es, dass ein möglicher Cloud-Anbieter Management- und Monitoring-Tools bereitstellt, die sich mit den Managementsystemen der Unternehmen verbinden lassen. An der Stelle unterscheiden sich die verschiedenen Cloud-Anbieter durchaus stark, was signifikante Auswirkungen auf den Integrationsaufwand und die Kosten hat. Der Grund liegt in den jeweils sehr individuellen technischen Architekturen der Cloud-Infrastrukturen und den jeweiligen Datenmodellen der angebotenen IT Service Management Tools (ITSM).

Insbesondere Cloud-Stacks der ersten Generation sollten Entscheider heute meiden. Sie verteilen Aufgaben und Workloads noch orientiert an der physikalischen Adresse der Server, was ineffektiv ist und die Leistungsfähigkeit drosselt. Infrastrukturen der zweiten Generation dagegen verfügen über »Orchestratoren«, die die Potenziale der Cloud bestmöglich nutzen und Aufgaben verteilen. Da hier die eigentliche Automatisierung der Cloud als Managed Service bereitgestellt wird und Unternehmen lediglich die Infrastruktur mieten müssen, können bestehende ITSM Tools weiter genutzt werden – kosteneffizient und schnell.

 

  1. Organisation

Die Migration täglich genutzter Anwendungen und Prozesse in die Cloud bedeutet für die interne IT-Abteilung eine große Umstellung. Um einer Überforderung der Mitarbeiter vorzubeugen, sollten sich Änderungen an der bestehenden Organisation, etwa an Teams und Betriebsstrukturen, zunächst in engen Grenzen halten. In vielen Fällen lohnt es sich aber ein »Operation Engineering«-Team ins Leben zu rufen.

Darüber hinaus hat es sich als hilfreich erwiesen, SCRUM Master nicht nur auszubilden, sondern sie wie die heutigen Enterprise-Architekten in einem Knowledge-Pool zusammenzufassen. Dies fördert den Wissenstransfer zwischen anwendungsorientierten Migrationsprojekten deutlich. Mittel- bis langfristig führt die Einführung von Self Service zur Entlastung des Personals in vielen der klassischen IT-Service Management Bereiche, etwa Technology Management, Facility Management, Service Design und Operations.