Vendor Benchmark: SaaS–ERP für KMU in Deutschland

Der SaaS-ERP kann künftig von besonderem Interesse sein, wenn es darum geht, Legacy-Systeme zu ersetzen oder zu ergänzen. Demnach sind viele Unternehmen an Cloud-ERP-Lösungen interessiert und versprechen sich davon größtenteils Kostenersparnisse und flexiblere Lösungen. Das Marktvolumen dieses Segments macht mit aktuell rund 105 Millionen Euro nur etwa drei Prozent des SaaS-Gesamtmarktes in Deutschland aus, die Tendenz ist jedoch steigend.

Dies spiegelt sich auch im SaaS-ERP-Markt für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) wider, der stetig wächst und mittlerweile als ausgereift bezeichnet werden kann. Aktuell schöpft der Markt sein enormes Potenzial jedoch noch nicht genügend aus, sodass auch im Kleinst- und im Mittelstandssegment weitaus weniger Nutzer zu finden sind als anzunehmen wäre, obgleich sehr gute Offerings verfügbar sind, das Vertrauen in SaaS-Lösungen steigt und die On-Premise-Instandhaltung von ERP-Lösungen vielerorts nicht mehr rentabel ist. Ein Wechsel von traditioneller On-Premise Software hin zu moderneren On-Demand-Bereitstellungsmodellen will jedoch gut durchdacht sein und birgt auch weitreichende Veränderungen, die es zu beachten gilt.

Viele Unternehmen sehen nämlich tatsächlich in der individuellen Abbildung ihrer Prozesse die wichtigste Funktion einer ERP-Lösung und erwarten deshalb einen extrem hohen Individualisierungsgrad. Standardsoftware – wie sie von SaaS-Anbieters zunächst angeboten wird – wird in diesem Bereich insofern eher kritisch beäugt und tendenziell eher abgelehnt. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass viele SaaS-ERP-Anbieter einen modularen Aufbau oder vorab eine bestimmte Branchenausrichtung (Handel, Dienstleistung, Produktion) ihrer Lösung anbieten, der/die sich im Bedarfsfall beliebig erweitern lässt und somit auch individuelleren Anforderungen gerecht werden kann. Allerdings sind diese Module/Ausrichtungen, die der Erweiterung dienen, im letzten Schritt auch nur standardisierte Applikationen. Erhöhte Kosten für diese Module sind stellenweise zu erwarten und trüben an bestimmten Stellen die Kostenvorteile der schnell verfügbaren Online-Lösungen, die im Standard per User & Monat abgerechnet werden. Dennoch präsentiert sich der Standard oftmals kostengünstig, ist sehr gut kalkulierbar und hat auf Grund der schnell kündbaren Services vor allen Dingen für (sehr) kleine und mittelständische Unternehmen eine hohe Attraktivität. Dies hat zur Folge, dass echte SaaS-ERP-Lösungen (kein ASP-Modell), in denen die Software in der Public Cloud beim Provider betrieben wird und alle Kosten enthält, eher auf kleine und mittelständische Kunden fokussiert sind, die eine Einschränkung im Grad der Individualisierung aufgrund der flexiblen User-pro-Monat-Kostenabrechnung in Kauf nehmen können und auch wollen.

Die im Rahmen des jüngsten Cloud Vendor Benchmark, den Experton Group im Sommer letzten Jahres vorstellte, analysierten und bewerteten Anbieter fokussieren dementsprechend auch tendenziell eher auf den Bereich der kleinen und mittelständischen Unternehmen.

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Die Bewertungskriterien einer SaaS-ERP-Lösung weichen dabei erheblich von denen einer On-Premise-Lösung ab. Während traditionell neben dem reinen Funktionsumfang und der Funktionstiefe die Individualisierungsmöglichkeiten im Vordergrund einer ERP-Bewertung stehen, rückt dieser Aspekt bei einer SaaS-Lösung in den Hintergrund. Andere Aspekte gewinnen bei einem Cloud-Computing-Modell, besonders im KMU-Bereich dagegen an Bedeutung. So sind der lokale Marktauftritt beziehungsweise Support und eine moderne Web-Oberfläche mittlerweile wichtige Entscheidungskriterien.

Daher sind die wichtigsten Bewertungskriterien im Bereich SaaS ERP:

  • Ergonomie und Benutzerführung
  • Funktionsumfang (Modularer Aufbau)
  • Skalierbarkeit in Bezug auf User (etwa schon ab einem User beziehbar)
  • Dedizierter deutscher Marktauftritt (Website, Marketing, lokale Verfügbarkeit
  • Integration von IT-Trends (Social, Big Data)
  • Zugriff über mobile Clients (Betriebssysteme: iOS, Android, Windows Phone)
  • Preisniveau; Mindestvertragslaufzeit
  • Bezugsmodell (Private Cloud, Public Cloud etc.)
  • Provider-Standort und Erfahrung beim Cloud-Betrieb
  • Integrations-APIs
  • Migrationspfade

Bewertung einzelner Anbieter

Im jüngsten Cloud Vendor Benchmark wurden 17 Anbieter von SaaS-ERP-Lösungen in die Evaluation mitaufgenommen. Sieben Anbieter erhielten hierbei die Auszeichnung »Leader«. Exact Software wurde als Rising Star ausgezeichnet, also als ein Anbieter, der nach Einschätzung von Experton Group das Potenzial aufweist, in absehbarer Zeit eine Leader-Position zu erreichen.

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Der deutsche Anbieter SAP steht deutlich im Leader-Quadranten und schnitt mit seinen Lösungen »Business ByDesign« und »Business One« sowohl bei der Portfolio-Attraktivität als auch bei der Wettbewerbsstärke überdurchschnittlich gut ab. Die enorme Summe, die in die Entwicklung dieser Lösungen geflossen ist, macht sich an dieser Stelle deutlich bemerkbar – dies gilt vor allem hinsichtlich der Funktionstiefe. Darüber hinaus betont SAP weiterhin die eigenen Ambitionen in Richtung Cloud und konnte den Umsatz im ersten Quartal 2015 um stolze 131 Prozent in diesem Bereich steigern.

Der englische Anbieter Sage konnte sich mit seinem Lösungsportfolio rund um die Produkte »Office Online« und »Sage One« ebenfalls im Leader-Quadranten positionieren. Office Online ist seit Anfang 2015 verfügbar und ist als das Cloud-Pendant zum gleichnahmen On-Premise-Produkt Office Line, welches bereits seit mehr als zwanzig Jahren erfolgreich im Markt platziert ist, zu verstehen. Mit Office Online schließt Sage die Lücke der Unternehmen von etwa 10 bis 200 Mitarbeitern und bietet somit jeglichem Unternehmen von 1 bis 500 Mitarbeitern die richtige Cloud ERP Software. Sage One, welches primär für Unternehmen von 1 bis 20 Mitarbeitern gedacht ist, ist bereits seit 2013 erhältlich und konnte sich bereits im Markt durchsetzen. Die Cloud Roadmap des Unternehmens ist beachtlich – auch wenn man bedenkt, dass Sage eher aus einem etwas konservativeren Geschäftsumfeld kommt. Dennoch gelingt es vermehrt, sowohl Bestandskunden als auch Neukunden den Weg in die Cloud schmackhaft zu machen, was die neuesten Quartalsberichte belegen. Dies gelingt mit modernen, innovativen Cloud-Lösungen, die funktional überzeugen und durch Rechenzentren in Deutschland datenschutzrechtlich sicher sind. Das Cloud-Portfolio von Sage übersteigt mittlerweile die Anzahl an On-Premise-Angeboten, was abermals die großen Schritte in Richtung Cloud belegt. Sage schafft es somit, den nachhaltigen Trend des Cloud Computings erfolgreich in die eigene Produktlinie zu integrieren, und bietet Unternehmen damit eine effektive Hilfe, den Weg der digitalen Transformation durch moderne und innovative Produkte zu meistern.

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Abbildung: Positionierung der Anbieter von SaaS–ERP für KMU in Deutschland. Quelle: Experton Group AG, 2015.

Auch der deutsche Anbieter Scopevisio AG ist im Leader-Quadranten positioniert. Das Bonner Unternehmen hat den disruptiven Charakter des Cloud Business bereits frühzeitig erkannt und in seinem Portfolio stimmig umgesetzt. Die guten Funktionalitäten innerhalb der Segmente des Kundenmanagements, des Vertriebs, der Buchhaltung und der Finanzen überzeugen hierbei gänzlich. Es muss jedoch angemerkt werden, dass klassische Werkzeuge zur Produktionsplanung und -steuerung fehlen, da man versucht, eine moderne, schlanke Alternative zu klassischen ERP-Systemen zu etablieren, die vor allen Dingen für Dienstleister attraktiv ist. Regelmäßige Updates (in einem Release-Zyklus von etwa einem Monat) sorgen für eine stetige Verbesserung der Software. Der Vertrieb über namhafte Partner sowie das deutsche Rechenzentrum sind weitere Pluspunkte, die für die hohe Wettbewerbsstärke des Anbieters sprechen. Die Lösung lässt sich in drei unterschiedlichen Bezugsmodellen mieten und bietet somit auch hierbei ein hohes Maß an Flexibilität, um dem Anwender tatsächlich nur das zu liefern, was er benötigt – gerade für KMUs ist dieser Punkt besonders wichtig, will man doch flexible und kostengünstige Mietsoftware, die den alten starren Lizenzmodellen ein Ende bereiten.

Die Comarch AG – ein originär polnischer Anbieter von Business Software – schaffte es ebenfalls in die Gruppe der Leader. Der Kundenfokus ist im KMU-Bereich angesiedelt und man versucht, diesen zu helfen, den Sprung in die Cloud zu meistern. Hierfür bietet man moderne Angebote in der »Comarch Cloud Akademie«, die Online-Schulungen und E-Learning-Inhalte zur Verfügung stellt. Der Trend hin zu Cloud Computing ist auch für Comarch essenziell und so gab man sich ebenfalls eine konsequente Cloud-Ausrichtung, die mittlerweile durch 21 Lösungen repräsentiert wird. Insgesamt stehen fünf Rechenzentren im europäischen Raum zur Verfügung, zwei davon in Deutschland an den Standorten Frankfurt/Main und Dresden, über die sich auch Private-Cloud-Szenarien realisieren lassen. Die »Comarch ERP Cloud« beinhaltet integrierte, umfassende CRM-Funktionalitäten und deckt neben diesen alle typischen ERP-Bereiche wie etwa Vertrieb, Produktion, Rechnungswesen oder Lagerlogistik ab. Zusätzlich stehen auch ein Workflow- und ein Projektmanagement zur Verfügung. Trotz der Komplexität bietet die »Comarch ERP Cloud« eine ansprechende, ergonomische und moderne Benutzerführung. Lobenswert ist auch der dedizierte deutsche Marktauftritt des Unternehmens, das übersichtliches Marketingmaterial bietet und mit einer attraktiven Preispolitik (etwa einmonatige Kündigungsfrist, 30-Tage-Testabo) aufwartet. Große Referenzkunden wie etwa T-Mobile, Orange oder Renault runden das Bild ab und sorgen zu Recht für die Bezeichnung »Cloud Leader«.

Mit der Übernahme der Intraprend Gesellschaft für Intranet Anwendungsentwicklung mbH Ende 2011 und deren Produktlinie »cierp3« ist Allgeier IT in den SaaS-Markt eingestiegen und bietet eine Lösung, die dieses Jahr als Leader ausgezeichnet wurde. Der Fokus des Unternehmens liegt auf dem Mittelstand. Mit »cierp3« bietet Allgeier IT ein sehr komplexes ERP-System mit einem weitreichenden modularen Aufbau. Das Basismodul »WWS« lässt sich mit allen Modulen beispielsweise für die Finanzbuchhaltung (FiBu-Modul), das Controlling (MIS-Modul), die Personalverwaltung (HRM-Modul), das Kundenbeziehungsmanagement (CRM-Modul) und sogar die Erstellung eines Online Shops (B2B Online Shop-Modul) erweitern – so bucht und zahlt der Kunde nur, was er wirklich benötigt. Durch diesen durchweg sinnvollen, modularen Aufbau erhält man zwar nach wie vor »Standard«-Software, die jedoch den individuellen Anforderungen unterschiedlichster Branchen und Unternehmen gerecht werden kann. Gehostet wird im eigenen deutschen Rechenzentrum in Münster, welches First-, Second- und Third-Level-Support – bei Bedarf 24×7 – sicherstellt.

Die myfactory International GmbH bietet ihre Produkte sowohl aus der Cloud als auch On-Premise an und positioniert sich mit ihrem SaaS-Portfolio in diesem Jahr im Leader-Quadranten. Die Firma bietet im Direktvertrieb eine komplette Business Suite an, die sich aus den unterschiedlichsten Modulen zusammensetzt, beispielsweise Finanzbuchhaltung, Kundenmanagement, Produktionssteuerung oder Personalmanagement. Dadurch bietet man ein komplexes ERP-System aus der Public Cloud (obgleich ein Wechsel in die Private Cloud selbstverständlich jederzeit möglich ist), das in vielen Branchen standardisiert eingesetzt werden kann. 2014 erweiterte man das Portfolio um die myfactory.mobile Funktion, die für Smartphones und Tablets konzipiert wurde, um auch mobil immer den Überblick über seine Geschäftsdaten haben zu können. Neuere Trends in Richtung Social (etwa Timelines oder Chat/Kollaborationsfunktionalitäten) sind lediglich rudimentär im CRM-Erweiterungsmodul umgesetzt, jedoch noch nicht übergreifend verfügbar. Dennoch bietet die myfactory International GmbH ein solides ERP-System, welches für viele Anwender durchaus attraktiv sein könnte.

Auch weclapp konnte sich in diesem Jahr im Leader-Quadranten positionieren. Das Marburger Unternehmen bietet seit rund zwei Jahren eine SaaS-ERP-Lösung (Hosting im deutschen Rechenzentrum), die speziell auf den Handel und die Dienstleistung im KMU-Bereich ausgerichtet ist und immer ein vollständiges CRM-Modul beinhaltet. In der Dienstleistungsoption der Software wartet man mit ausgiebigen Funktionen zum Projekt- und Angebotsmanagement, der Zeiterfassung und einem Rechnungsmodul auf, während die Handels-Suite mit umfassenden Angebots- & Auftrags-, Versand-, Faktura- , Einkaufs- , Lager- und Produktions-Features ausgestattet ist, die die jeweiligen Bedürfnisse der beiden Branchen in hohem Maße abdecken. Besonders positiv sind die vielen Social Collaboration Features, die die ERP-Lösung darüber hinaus bietet. Ein firmeninterner Activity Stream informiert alle Mitglieder in chronologischer Reihenfolge über wichtige Ereignisse, Ziele oder Aufgaben. Zusätzlich gibt es eine Chat-Funktionalität, die sich sowohl privat, als auch öffentlich nutzen lässt. Dies erleichtert die Teamarbeit effektiv und hilft dabei, die Kommunikation der unterschiedlichen Teammitarbeiter – auch in dezentralen Büros – maßgeblich zu verbessern.

Das Unternehmen Exact Software erhielt die Auszeichnung »Rising Star«, welches auf Unternehmen verweist, die ein vielversprechendes Portfolio, inklusive der notwendigen Roadmap mit adäquater Ausrichtung an wichtigen Markttrends beziehungsweise Kundenanforderungen vorweisen. Exact Software adressiert mit seiner Software »Exact Online« kleine Unternehmen mit 1 bis 20 Mitarbeitern. Die konsequente Cloud-Ausrichtung wird der Entwicklung des Marktes gerecht und berücksichtigt die Tatsache, dass gerade KMUs hohes Interesse an SaaS-Lösungen haben, um schnell, effizient und kostenflexibel durchstarten zu können – all dies ermöglicht das Lösungsportfolio der Exact Software durch sehr skalierbare Lösungen, mit welchen sich einfach Nutzer oder Apps (über den kürzlich gestarteten Marketplace) hinzufügen lassen. Das Hosting übernimmt T-Systems, die in Deutschland ein Synonym für Sicherheit und Zuverlässigkeit ist. Bemerkenswert ist die Vollständigkeit des Portfolios, das – durch eine Ausrichtung auf unterschiedliche Branchen (etwa Dienstleistung, Produktion, Großhandel oder Steuerberatung) – jeweils die benötigten Funktionalitäten zur Verfügung stellt, um die spezifischen Anforderungen der Branchen adäquat abdecken zu können. IT-Trends wie Mobility sind in den Lösungen integriert und gewährleisten eine ständige Verfügbarkeit der Geschäftsdaten über alle Devices und Betriebssysteme hinweg. Ebenso bietet man moderne Support Features wie beispielsweise Webinare und Produkttrainings, die auch den etwas älteren Mitarbeiter abholen sollen. Der gute Marketing-Auftritt des Unternehmens rundet die Gesamtstory ab und bietet eine dedizierte Webseite, übersichtliches Marketingmaterial und eine transparente Preispolitik. Da die Lösung erst seit Anfang 2014 auf dem Markt ist, muss sich sicherlich noch zeigen, ob all diese Anstrengungen auch großflächig Früchte tragen – die Experton Group bezweifelt dies jedoch gegenwärtig nicht und vergibt somit das Prädikat »Rising Star«.

Oliver Giering, Experton Group, www.experton-group.com