Wie ein Schweizer Maschinenbauer von seiner ERP-MES-Lösung profitiert – Dreimal Fortschritt, einmal Cash

Wenn Planung und Realität nicht viel gemeinsam haben, gerät die Produktion ins Stottern. Problematisch ist zudem, wenn periphere Unternehmensprozesse nicht digital und in die übergeordneten Abläufe integriert sind. Beim Maschinen- und Anlagenbauer FrymaKoruma verschwinden Effizienzfresser wie diese Schritt für Schritt – vor allem dank integrierter ERP-MES-Lösung samt passgenauen Apps.

Schokolade in der Schweiz, Lippenstift in Frankreich, sterile Augentropfen in den USA: Was diese Dinge gemeinsam haben? Sie werden auf verfahrenstechnischen Maschinen, Vakuumprozessanlagen oder Industriemühlen von FrymaKoruma produziert. Über 23.000 Maschinen sind in über 140 Ländern auf allen Kontinenten in der Chemie-, Lebensmittel-, Pharma- und Kosmetikindustrie im Einsatz. Und jedes Jahr kommen circa 200 neue hinzu. Die Maschinen sind technologisch hoch komplex, ihre Entwicklung und Herstellung anspruchsvoll und zeitintensiv. Zudem handelt es sich fast ausschließlich um Unikate, für die immer wieder andere Lieferanten hinzugezogen werden müssen. Um alle erforderlichen Ressourcen effizient zu managen und Zeitpläne verlässlich einzuhalten, bedarf es folglich einer präzisen Planung. 

Flexibler ERP-Standard gesucht und gefunden. Genau hieran haperte es in der Vergangenheit beim Schweizer Produzenten. Yves Kurylec kann sich noch gut daran erinnern, wie sehr Planung und Realität vor Einführung der ERP-Lösung manchmal voneinander entfernt waren: »Mal fehlte ein Teil, ein anderes Mal ein Mitarbeiter.« Als Applikations- und System-Engineer administriert Kurylec neben dem ERP-System auch andere Datenbank-basierte Business-Anwendungsprogramme und ist maßgeblich an der Gestaltung und Umsetzung neuer Digitalisierungsprozesse bei FrymaKoruma beteiligt. »So haben wir uns auf die Suche nach einem flexiblen, offenen ERP-Standard gemacht, der vor allem auch durchdachte Möglichkeiten für die Fertigungsplanung bietet. Und wir haben ihn mit der ERP-MES-Lösung PSIpenta gefunden«, schildert der IT-Fachmann. Neben Modulen für das Projektmanagement und die adaptive Produktionsplanung umfasst das System auch einen Leitstand. 

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Planung gegen begrenzte und unbegrenzte Kapazitäten. Von besonderer Relevanz sind für den Hersteller unter anderem die dynamischen Planungsfunktionen, die durch die kombinierten, unterschiedlichen Planungslogiken des Systems entstehen. So plant der Leitstand gegen unbegrenzte, die Adaptive-Module planen gegen begrenzte Kapazitäten. Das heißt: Mithilfe der Adaptive-Module erstellt FrymaKoruma Prioritätenlisten für die einzelnen Arbeitsschritte – immer mit dem Fokus, die gewünschten Lieferzeiten einzuhalten. Der Leitstand übernimmt dann die optimierte Verteilung der einzelnen Aufträge auf die verschiedenen Maschinenarbeitsplätze. Hier lautet der Fokus: Möglichst wenig Leerlauf erzeugen.

Die Priorisierung der geplanten Arbeiten errechnet das System automatisiert und präzise. »Früher haben dies unsere Vorarbeiter jeden Morgen auf Basis ihrer Erfahrung gemacht, die Pläne anschließend ausgedruckt und den Mitarbeitern in der Produktion übergeben«, beschreibt Kurylec. Kurzfristige Änderungen unter Berücksichtigung aller Ressourcen waren unter diesen Voraussetzungen nur schwer umzusetzen. Und auch Streitereien zwischen Kundendienst und Neumaschinengeschäft waren vorprogrammiert. Denn Aufträge aus dem Kundendienst kommen in aller Regel kurzfristig, aber immer mit hoher Priorität. Die Produktion muss darauf möglichst schnell reagieren – in der Vergangenheit oftmals zulasten der Termintreue im Neugeschäft. Heute disponiert das System bis zu dreimal pro Tag um – in Echtzeit und für alle transparent. Drohen Terminabweichungen, werden diese sofort angezeigt – Handlungsoptionen inklusive. »Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen in ihrer Ansicht über das Webinterface, was zu tun ist. Damit ist auch die Zeit der ewigen Zettellage vorbei«, betont der ERP-Administrator.

 

 

Apps statt E-Mails für die Zeitwirtschaft. Papierhaften Prozessen und Medienbrüchen wird auch in vielen anderen Unternehmensbereichen der Garaus gemacht. Die webbasierten, gerätetyp- und betriebssystemunabhängigen PSI Industrial Apps spielen dabei eine wichtige Rolle. Den Anfang macht eine Personalzeit-App, über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anstelle unzähliger E-Mails ihre Arbeits- und Pausenzeiten im Homeoffice melden. Denn die exakte Dokumentation und deren Nachweis sind in der Schweiz Pflicht. Vor Einführung der App mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Personalabteilung Statusmeldungen aus den E-Mails händisch ins System übertragen und nachbuchen. Heute landen sie via Webapplikation automatisiert im System. Zudem kann über die Anwendung jeder Nutzer Monats- oder Jahresübersichten seiner Arbeitszeiten selbstständig abrufen. »Pro Tag bedeutet das für die Personalabteilung eine Entlastung von circa vier Arbeitsstunden«, beschreibt Kurylec die Vorteile und ergänzt: »Mittlerweile wird die App hierfür sogar inhouse genutzt. Nur noch Kolleginnen und Kollegen ohne Computer-Arbeitsplatz gehen zu den physischen Zeitterminals. Da die Apps auch auf jedem anderen mobilen Gerät funktionieren, werden wir langfristig vielleicht ganz auf die Terminals verzichten.«

 

 

Apps statt Formulare im Lager und Versand. In der Testphase befindet sich eine App für die Lagerwirtschaft. Auf Handscannern installiert, sollen durch sie sämtliche Wareneingangsinformationen direkt am Ort des Geschehens ermittelt und ohne Datenbrüche ins ERP-System übertragen werden. Dadurch entfallen Laufwege, werden Fehlerquellen miniminiert und die Prozesse insgesamt deutlich beschleunigt. Geplant sind zudem Applikationen für die Lagerinventur und Verpackerei. Dort müssen die Mitarbeiter eigentlich nur das Gewicht der Warensendungen ermitteln und bislang auf einem entsprechenden Formular eintragen. Die Werte werden dann – zum Teil mit deutlichem zeitlichen Versatz und nicht selten mit dem ein oder anderen Fehler – händisch ins ERP-System übertragen. Künftig kann der verantwortliche Arbeiter per Tablet und via Web-App die entsprechende Vorgangsnummer im Auftragsmanagement aufrufen und das Gewicht direkt ins System eintragen. »Hier zeigt sich ein weiterer Vorteil der ERP-Apps«, findet Kurylec: »Auch einzelne Handgriffe, für die es sich früher nicht gelohnt hat, extra einen PC-Arbeitsplatz mit allem Drum und Dran einzurichten, lassen sich einfach und effizient digitalisieren und damit lückenlos in die Prozesse einbinden«.

Konfiguration statt Programmierung nach Versionswechsel. Möglich wurde die Einführung der Industrial Apps aber erst mit der Migration auf die neueste Version ihres ERP-Systems, das nun auf einer Java-Entwicklungsplattform basiert. Wie das Unternehmen von diesem Wechsel profitiert, fasst der ERP-Verantwortliche kurz und knapp mit »dreimal Fortschritt und einmal Cash« zusammen: So kann die neue Version die Swiss QR-Rechnungen erstellen und validieren, zu denen Unternehmen in der Schweiz gesetzlich verpflichtet sind. Allein dies hat dem Maschinen- und Anlagenbauer erhebliche Programmierungskosten erspart (Cash). Zudem lassen sich durch das sogenannte PSI-Click-Design beziehungsweise mittels eines grafischen Editors immer häufigere Prozessänderungen leicht und schnell umsetzen und so an Lean-Anforderungen anpassen (Fortschritt 1). Im Hinblick auf weitere Digitalisierungsvorhaben kommt die Unterstützung von Schnittstellenprotokollen zum Tragen, durch die auch Drittsysteme effizient und einfach eingebunden werden können (Fortschritt 2). Nicht zuletzt profitieren die Anwenderinnen und Anwender von individuell konfigurierbaren Dialogen, von vielfältigen Filtermöglichkeiten sowie von der automatischen Vervollständigung von Eingaben (Fortschritt 3). 

Ein System für die nächsten 100 Jahre. Kurzum: Die ERP-MES-Lösung PSIpenta präzisiert nicht nur die Produktionsplanung flexibel und verlässlich, sie ist vielmehr Dreh- und Angelpunkt fast aller Digitalisierungsprojekte bei FrymaKoruma. Ginge es nach dem ERP-Administrator, Yves Kurylec, sollte die Lösung genauso lange im Einsatz bleiben wie die Maschinen, die sein Unternehmen produziert: »100 Jahre sind das Ziel«, sagt er (mit einem kleinen Augenzwinkern).

 


Mathias Zimmermann,
Teamleiter Projekte Schweiz
bei PSI Automotive & Industry

 

 

Bilder: © Janis Abolins, phipatbig/shutterstock.com; FrymaKoruma, PSI