20 Jahre nach Einführung des Euro: Gemeinsame Geldpolitik hat die Konjunktur in den Euroländern stabiler gemacht

Der EZB ist es besser gelungen als ihren nationalen Vorgängern, die Konjunktur in den Euroländern zu stabilisieren. Spanien, Portugal und Italien haben am meisten profitiert. Währungsunion muss über Geldpolitik hinaus vertieft werden.

 

Die gemeinsame Geldpolitik war für die Konjunktur der Euroländer ein Segen, zeigt eine neue Studie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Der Europäischen Zentralbank (EZB) gelingt es nämlich besser als zuvor den nationalen Zentralbanken, durch ihre Geldpolitik die Konjunktur zu stabilisieren, so der zentrale Befund der Studie.

Die Autoren Jan Philipp Fritsche vom DIW Berlin und Patrick Christian Harms von der Universität Hamburg haben für die Untersuchung ein Maß für »geldpolitischen Stress« entwickelt. Dieser misst die Abweichung des jeweils gültigen Zinssatzes von einem Zinssatz, der die Wirtschaft stabilisieren würde. Die Forscher haben sich angeschaut, wie sich dieses Maß in den Eurogründungsländern (außer Luxemburg) vor und nach Einführung der gemeinsamen Währung und gemeinsamen Geldpolitik im Jahr 1999 entwickelt hat. In allen Ländern außer Irland hat eine Verbesserung stattgefunden – sprich, der geldpolitische Stress hat sich verringert.

https://www.diw.de/sixcms/

 

Diese Entwicklung war in Spanien, Italien, den Niederlanden und Portugal am stärksten ausgeprägt. In Spanien zum Beispiel ist der geldpolitische Stress seit 1999 im Durchschnitt 8,6 Mal geringer als im Zeitraum 1978 bis 1999. Anders ausgedrückt: Der EZB gelingt es 8,6 Mal besser als zuvor der spanischen Zentralbank, die spanische Konjunktur zu stabilisieren.

Eine Erklärung ist, dass die Geldpolitik seit den 80er Jahren weltweit transparenter, unabhängiger und insgesamt besser geworden ist. Das bezeugt auch der Vergleich mit nicht-europäischen Ländern, die ebenfalls untersucht wurden: In allen hat sich der geldpolitische Stress verringert. Auch wirtschaftspolitische Reformen in einzelnen Euroländern, insbesondere nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009-2010, mögen eine Rolle gespielt haben, indem sie die Wirtschaft widerstandsfähiger gemacht haben. Um dies zu berücksichtigen, haben die Autoren die Analyse auch für einen verkürzten Zeitraum (1986 bis 2009) durchgeführt. Auch da ist der Befund: In neun von zehn Gründungsländern hat es die gemeinsame Geldpolitik besser hingekriegt, die Konjunktur zu stabilisieren, als zuvor die nationalen.

 

Weitere Integration des Euroraums dringend notwendig

»Unsere Ergebnisse widerlegen ganz klar die These, eine einzige Geldpolitik mit einem einzigen Leitzins für Länder mit unterschiedlichen Konjunkturzyklen würde für keines dieser Länder wirklich passen«, erklärt Jan Philipp Fritsche. »Viele Kräfte in Europa nutzen das Argument des ›one size fits none‹, um eine Renationalisierung der Währung und der Geldpolitik zu fordern, aber wir zeigen, dass diese Argumentation keinen Bestand hat. Ebenso wenig kann die EZB als Sündenbock für die wirtschaftlichen Probleme einzelner Länder herhalten, im Gegenteil«, ergänzt Patrick Christian Harms.

Was die gemeinsame Geldpolitik allerdings nicht leistet, und nicht leisten kann, ist, die strukturellen makroökonomischen Ungleichgewichte innerhalb des Euroraums zu glätten, geben die Autoren zu bedenken.

»Über die Geldpolitik hinaus sind weitergehende Integrationsschritte im Euroraum notwendig«, so die beiden Forscher. »Die Bankenunion muss dringend vervollständigt werden. Ein nennenswertes Euro-Budget wäre auch zielführend, und Diskussionen über eine europäische Arbeitslosenversicherung oder ein Stabilisierungsfonds sind zu begrüßen. Nach der Europawahl müssen diese Themen entschieden angegangen werden und der Bundesregierung kommt hierbei eine besondere Verantwortung zu.«

 

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
Das DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ist seit 1925 eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. Es erforscht wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge in gesellschaftlich relevanten Themenfeldern und berät auf dieser Grundlage Politik und Gesellschaft. Das Institut ist national und international vernetzt, stellt weltweit genutzte Forschungsinfrastruktur bereit und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das DIW Berlin ist unabhängig und wird als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert.

 

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