Mit ERP in die digitale Zukunft – Driving Digital

Enterprise Resource Planning in Zeiten der digitalen Transformation: Da der Wettbewerb zwischen Unternehmen immer häufiger durch die jeweilige Unternehmenssoftware bestimmt wird, müssen ERP-Systeme heute mehr bieten als Big Data, Cloud und mobile Apps. Davon ist Godelef Kühl, Gründer und Vorstandsvorsitzender der godesys AG, überzeugt.

Herr Kühl, die Antwort Ihres Hauses auf die Herausforderungen an moderne betriebswirtschaftliche Lösungen lautet: Driving Digital. Was dürfen wir darunter verstehen?

Die Entwicklung geht bei uns eigentlich schon weiter zurück als der momentane Digitalisierungshype. Aus unserer Sicht spielen sich die größten Veränderungen in der ERP-Welt nicht etwa am User Interface ab, sondern im Bereich der Prozesssteuerung in der ERP-Umgebung. Wir haben erlebt, dass unsere Plattformen immer mehr zur Automatisierung des Prozessmanagements benutzt wurden. Subsysteme liefern Daten und erhalten Daten aus dem ERP-System, das dadurch so steuern kann, dass Geschäftsprozesse automatisiert stattfinden. Der Anwender erfährt dann nur noch Abweichungen von der Regel, die nicht im Standard bearbeitet werden können und einer manuellen Bearbeitung bedürfen.

Schaut man sich nun den aktuellen Digitalisierungs-Hype an, betrifft das häufig etwas, was im Kern außerhalb von ERP stattfindet. Was aber oft übersehen wird: Ist es überhaupt sinnvoll eine Leistungserbringung zu digitalisieren und am Ende die Abrechnung dann doch wieder in einem analogen Vorgang zu bearbeiten? Damit bekommt das ERP-System die klassisch zugewiesene Aufgabe einen digitalen Geschäftsprozess zu steuern, zu regeln und entsprechend abzurechnen, also die Leistungserbringung zu controllen. Es muss quasi in die digitalen Subsysteme reintegriert werden. Das meinen wir mit Driving Digital und für dieses aktive Steuern digitaler Prozesse muss nach meiner Meinung ERP auch in Zukunft stehen.

Driving bedeutet für Sie hier also eher steuern als antreiben oder in Schwung bringen?

In Schwung bringen ist eine Leistung, eine Managementleistung, die dem Menschen obliegt. Mit der Digitalisierung geraten wir aber in eine 24/7-Servicewelt. Der Kunde verlangt permanente Auskunft über den Stand einer Dienstleistung. Somit müssen Unternehmen heute ihre Prozesse in ganz anderer Form erbringen als vor fünf oder zehn Jahren. Und das bedeutet, dass die Integration der verschiedenen Systeme und das, was miteinander verzahnt stattfindet, im Hintergrund auch durchautomatisiert werden muss. Wenn der Automobilhersteller plant, Mobilitätsdienstleister zu werden, dann weiß er, dass er nicht nur Autos verkauft und einmal 30.000,00 Euro Umsatz macht, sondern er verkauft mit der Mobilitätsdienstleistung eine viel kleinteiligere, dafür aber permanente Rechnungsstellung. Wir müssen Unternehmen also ermöglichen, etwa unterschiedliche Abrechnungsmodelle für Services bereitzustellen – und zwar alles digitalisiert.

Unternehmen ohne Softwarekompetenz sind nicht länger wettbewerbsfähig. Für uns gehören daher zur Geschäftsmanagementsoftware immer die drei C: Da ist einmal der Commerce, weil ERP ja immer mit Geschäft zu tun hat, also Fakturieren, Liefern usw. Dazu kommen dann Communication und Content. Sie wollen doch heute eine Applikation bekommen, die eine funktionale Unterstützung beinhaltet, die aber gleichzeitig eine so hohe Flexibilität bietet, dass Sie sich als Unternehmen mit Ihrer Software dynamisch verändern können. Jemand, der Prozessinnovation leben möchte, ist bei uns gut aufgehoben. Bei uns gibt es auch die Vision vom digitalen Handwerker, davon, dass man keinen Ingenieur braucht, um einen Prozess zu verändern, sondern dies mit einem bestimmten Maß an technischer Gestaltungsfähigkeit auch aus der Managementebene heraus kann.

Können Sie diesen hypothetischen Kunden etwas konkreter beschreiben?

Nehmen Sie einmal die Logistikdienstleister, die übernehmen für ihre Kunden heute eigentlich alles, was ein ERP beherrscht. Wir haben neben TNT über 15 weitere Logistikdienstleister als Kunden, die sich alle ganz massiv auf ihre einzelnen Kunden einstellen müssen. Dazu gehören die verschiedensten Schnittstellenintegrationen, individuelle Prozessabläufe und Validierungen und das alles in einem äußerst wettbewerbsintensiven Markt. Unsere Lösung wird da bevorzugt, weil nicht bei jedem neuen Kunden ein größerer Betrag in einen ERP-Berater investiert werden muss, sondern autark und eigenständig Prozesse involviert und Schnittstellen definiert werden können.

 

Die digitale Transformation gehört zu den großen Schlagwörtern der Gegenwart. Welchen Stellenwert hat sie bei Ihnen? 

Die digitale Transformation ist ja etwas, was außerhalb von Softwareprogrammen geschieht, hat aber selbstverständlich einen Einfluss auf die ERP-Systeme. Aber wir leisten uns nicht die Arroganz, den Eindruck zu erwecken, als verstünden wir vom Geschäft des Anwenders mehr als er selbst. Natürlich können wir zum einen oder anderen Geschäftsprozess aus unserem Erfahrungsschatz konstruktive Erkenntnisse beitragen oder auch Übersetzungshilfe im IT-Kauderwelsch leisten. Das wird von den Kunden eigentlich gern gesehen und akzeptiert. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem ERP-Hersteller und Unternehmensberater.

Wir haben zunächst vor allem einen technischen Job. Digitalisierung bedeutet für uns in erster Linie eine intelligente Nutzung der verfügbaren technischen Möglichkeiten, um daraus einen höheren Geschäftsnutzen zu erzielen. Denn der deutsche Mittelständler will am Jahresende eine Bilanz sehen, in der er Geld verdient hat. Dazu müssen wir betriebswirtschaftliche Prozesse kodieren und in Module packen. Aber welche Funktionalitäten dann den Markt bestimmen, gebraucht und eingesetzt werden, das ist eine wesentliche Aufgabe des Kunden. Den Kunden bei der digitalen Transformation zu begleiten, wie es heute oft heißt, macht auf mich den Eindruck ihm sagen zu wollen, wie er in seiner Branche der Größte wird. Das halte ich für vermessen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, dem Kunden bei seinen Herausforderungen zu helfen, indem wir ihm vor allem das zweckmäßige und wirksame Werkzeug liefern.

Die digitale Transformation ist aber doch auf jeden Fall eine Voraussetzung für die künftige Industrie-4.0-Welt? 

Ich glaube, dass Industrie 4.0 im Moment etwas zu heiß gehandelt wird. Nicht simple Einsparungen, sondern effektive Kosten- und Ertragsoptimierung leiten das Investitionsverhalten. Einen wirklichen Mehrwert, den wir heute aus Industrie 4.0 ziehen können, kann ich zurzeit nicht erkennen, weil es beispielsweise die Vernetzung der Lieferkette, diese atmende Lieferkette, die sich selbst steuert, noch nicht gibt. Wir haben noch nicht einmal ansatzweise eine Standardisierung dieser Prozesse erreicht. Selbstverständlich wird sich der Umbau der Wirtschaftswelt durch die Digitalisierung und die zur Verfügung stehenden Technologien für die Transformationsprozesse erheblich beschleunigen. Darum eben Driving Digital à la godesys.

Wohin entwickeln sich denn die ERP-Systeme?

Sie werden noch mehr zur Plattform im Unternehmen, die Geschäftsprozesse erfasst, automatisiert und steuert. Und – wir werden sehen, dass wir nichts sehen. Gutes ERP wird unsichtbar. Wenn ein Sensor Daten funkt oder eine Rückmeldung einen Logistikprozess anstößt, braucht man keine Oberfläche. Es läuft alles automatisch, das ERP-System ist unsichtbar. Und das Internet of Things ist eine Maschine-zu-Maschine/Objekt-Kommunikation. Die braucht auch keine Oberfläche. Da jedoch, wo der User interagieren will, verändern sich die Interfaces ganz massiv. Wir müssen die Außenwelt – also Kunden und Lieferanten – integrieren. Damit meine ich jetzt nicht EDI oder so etwas, sondern zum Beispiel Portalbusiness, der Selfservice-Gedanke muss nach außen getragen werden. Das alles erfordert einen kompletten Umbau der heute etablierten Szenarien. Das sind die großen Veränderungsströme. Und darum – das ist, glaube ich, unser Alleinstellungsmerkmal – integriert unser BPM grafisch designbar Portal, Kunden-/Lieferantenintegration und mobile Prozesse. Und davon kann sich jeder während der Cebit 2017 auf unserem Messestand überzeugen.

Herr Kühl, vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Volker Vorburg.
Bilder: © godesys AG

 

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