Warum Beschäftigte nicht im Home Office arbeiten

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Viele Jobs, vor allem Büroarbeiten, lassen sich auch von zuhause erledigen – trotzdem ist es noch lange nicht in allen Unternehmen üblich. Vor allem für Familien würde dies aber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern. Dabei sind es vor allem Frauen, die am Arbeitsplatz anwesend sein müssen, obwohl technisch nichts gegen eine Ausübung von zuhause spricht, wie aus einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung hervorgeht [1].

Am häufigsten spricht laut der Befragten allerdings dagegen, dass die Arbeit von zuhause nicht zum Job passt. Bei 69 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen erwarten die Vorgesetzten, dass sie ihre Arbeit im Betrieb ausüben. Bei 59 und 55 Prozent ist die Arbeit im Home Office technisch nicht möglich, wie die Grafik von Statista zeigt. Hedda Nier

[1] https://www.boeckler.de/14_122958.htm

https://de.statista.com/infografik/20233/warum-beschaeftigte-nicht-im-Home Office -arbeiten/

 

1 Tag Home Office pro Woche = 850 000 Tonnen CO2 weniger

Illustration: Absmeier

Sicherlich ist längst nicht jeder ein begeisterter Verfechter der Fridays-for-Future-Bewegung. Die damit verbundene enorme mediale Aufmerksamkeit regt allerdings immer mehr Menschen dazu an, einen persönlichen Beitrag zur Verlangsamung des Klimawandels zu leisten. Indirekt ist davon auch das Geschäftsleben betroffen, denn wer als umweltbewusster Mensch privat lieber die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, setzt sich vermutlich auch bei beruflichen Reisen häufiger in die Bahn anstatt in den Firmenwagen.

 

Schön länger hinterfragen Unternehmen die Notwendigkeit einzelner Geschäftsreisen und weichen zunehmend auf Videokonferenzen aus – wenn auch hauptsächlich aus Spargründen. Eine Umfrage des Deutschen Reiseverbandes (DRV) hat ergeben, dass aktuell knapp die Hälfte (49 Prozent) der Unternehmen hierzulande häufiger Videokonferenzen als eine Alternative zur Geschäftsreise nutzen. Selbstverständlich gibt es Termine, die aus verschiedenen Gründen persönlich abgehalten werden müssen, aber auch hier lässt sich beispielsweise mit einer optimierten Terminplanung und mehreren Geschäftstreffen an einem Tag eine weitere An- und Abreise einsparen.

 

Auch beim Thema mobiles Arbeiten sind noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. So hat beispielsweise das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (Ifaa) für die Bundestagsfraktion eine Überblicksstudie erstellt [1]. Ein Ergebnis der in dieser Woche veröffentlichten Studie waren die potenziellen CO2-Einsparungen, die sich durch regelmäßige Home-Office-Tage erzielen ließen: Wenn nur zehn Prozent der normalerweise mit dem Auto zur Arbeit fahrenden Arbeitnehmer einen Tag in der Woche von zu Hause statt im Büro arbeiten könnten, ließen sich immerhin 850 000 Tonnen CO2 einsparen, so die Hochrechnungen der Wissenschaftler. Ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland kommt in etwa auf einen Ausstoß von 8,6 Tonnen CO2 pro Jahr.

Paul Clark, Senior Vice President und Geschäftsführer EMEA bei Poly

 

[1] https://www.arbeitswissenschaft.net/angebote-produkte/publikationen/azv-pub-gutachten-zur-mobilen-arbeit/


Kommentar von Prof. Dr.-Ing. habil. Sascha Stowasser zum ifaa-Gutachten zur Mobilen Arbeit

 

Prof. Dr.-Ing. habil. Sascha Stowasser. Foto ifaa

 

Orts- und zeitflexible Arbeit liegt im Trend der Zeit und ist eine wichtige Errungenschaft der Arbeitswelt 4.0. Wir gehen davon aus, dass sich in Zukunft der Anteil der Beschäftigten, die orts- und zeitflexibel arbeiten werden, noch weiter stark erhöhen wird. Immer mehr Beschäftigte wollen ihren Arbeitsort, ihre Arbeitszeit und ihre Arbeitsaufgaben selbstständig organisieren und somit das Arbeits- und Privatleben besser miteinander vereinbaren. Die Arbeitsforschung erwartet, dass orts- und zeitflexible Arbeit immer mehr zum Normalfall für einen Großteil der Beschäftigten wird.

Deutlich mehr Vorteile als Nachteile

Mit unserer Übersichtsstudie widersprechen wir der zum Teil aktuell vorliegenden skeptischen Berichterstattung zur Mobilen Arbeit. Wir konnten nicht belegen, dass die zeit- und ortsflexible Arbeit eine Reihe von Nachteilen mit sich bringt und eine größere psychische Belastung als das Arbeiten im Unternehmen mit festen Anwesenheitszeiten darstellt. Verschiedene ausgewertete Studienergebnisse weisen auf ein positives Bild und das enorme Potenzial der Mobilen Arbeit hin. Die Beschäftigten empfinden den geringeren Aufwand des Pendelns zum Arbeitsplatz, die bessere Vereinbarkeit zwischen Arbeitszeit und Privatleben sowie die gespürte bessere »Qualität« der Arbeitsblöcke –die Tätigkeiten lassen sich besser erledigen –als wichtige positive Errungenschaften der Mobilen Arbeit. Auch im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte kann Mobile Arbeit einen wesentlichen Attraktivitätsfaktor für das Unternehmen darstellen. Neben den Chancen für Beschäftigte und Unternehmen leistet Mobile Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz. Als Effekt der Mobilen Arbeit können in ländlichen Regionen und Ballungsgebieten, die durch starke Ballungseffekte geprägt sind, umfassende Pendlerströme, Arbeitswege, Fahrtzeiten und der CO2-Ausstoß reduziert werden. Nach unseren Berechnungen sind enorme Einsparpotenziale in Bezug auf CO2, Fahrtzeit, Spritkosten und Abnutzung des Autos zu erwarten. In der Öffentlichkeit sind diese umweltpolitischen Aspekte weniger bekannt.

Unterschiedlichen Interessen der Unternehmen und der Beschäftigten in Einklang bringen

Eine Dramatisierung der Mobilen Arbeit sowie deren angeblichen negativen Folgen sind unbedingt zu vermeiden. Bestehende Risikofaktoren, wie eine schleichende Ausweitung von Arbeitszeit und unbezahlter Arbeit sowie interessierte Selbstgefährdung, lassen sich schon heute durch lösungsorientierte, betriebliche Regelungen reduzieren. Im Mittelpunkt der Diskussionen sollte ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Zeitsouveränität und betrieblichen Belangen stehen. Ziel muss es also sein, die unterschiedlichen Interessen der Unternehmen und der Beschäftigten in Einklang zu bringen. Deshalb sollten die Arbeitgeber gemeinsam mit ihren Beschäftigten entscheiden, ob (bei weitem nicht jede Tätigkeit kann orts- und zeitflexibel ausgeübt werden, z. B. Produktion, Handwerk, Pflege) und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen orts- und zeitflexibel gearbeitet wird. Mobile Arbeit basiert aus unserer Sicht auf der »doppelten Freiwilligkeit«, das heißt beide –sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer –einigen sich auf die »Spielregeln« und finden im allgemeinen betriebsspezifische Lösungen. Flexibles Arbeiten mit freier Zeit- und Ortswahl erfordert klare Strukturen. Eine Kultur des Vertrauens, verbindliche Absprachen, Planbarkeit und Eigenverantwortung gehören ebenso dazu. Pauschal formulierte Regeln liefern keine Antwort auf neue Herausforderungen. In der Praxis existieren zahlreiche positive betriebliche Lösungsansätze, Best-Practice-Beispiele, überbetriebliche Netzwerke und Handlungshilfen.

So enthält zum Beispiel der neue Tarifvertrag zum Mobilen Arbeiten in der Metall- und Elektroindustrie Rahmenregelungen für Beschäftigte, die zeitweise oder regelmäßig außerhalb des Betriebes tätig werden.

Möglichkeiten für Mobile Arbeit werden nicht ausgeschöpft

In unserer Studie zeigen wir, dass gegenwärtig die Möglichkeiten für Mobile Arbeit in Deutschland bei weitem nicht ausgeschöpft werden, obwohl die digitalen Technologien es ermöglichen, orts- und zeitflexibel zu arbeiten. Damit weitere Beschäftigte und Unternehmen die Mobile Arbeit nutzen können, ist es wichtig, gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen, gesetzliche Regelungen, technologische und arbeitsorganisatorische Infrastrukturen in Unternehmen sowie Chancen und Risiken zu thematisieren.

Was muss in der Politik hierzu gelöst werden?

Die aktuellen Arbeitszeitregelungen und Arbeitsschutzbestimmungen basieren auf einem Normalarbeitsstandard mit geregelten Arbeitszeiten (z. B. 8-Stunden-Tag) und festen Arbeitsorten. Diese aus industrieller Anfangszeit stammenden Arbeitsmodelle passen nicht mehr in die Arbeitswelt 4.0 mit orts- und zeitflexibler Arbeit. Das bestehende Arbeitsrecht mit seinen veralteten und verkrusteten Regelungen (beispielsweise starr geblockten Ruhezeiten) muss an die neuen Realitäten, arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie die Bedarfe von Beschäftigten und Unternehmen angepasst werden. Ein weiteres Augenmerk sollte auf der flächendeckenden Vermittlung von IT-Kompetenzen liegen. Digitale Technologien ermöglichen über alle Altersgruppen hinweg flexibles, zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten und lebenslanges Lernen. Hier besteht Bedarf an Qualifizierungen auf allen Stufen des Bildungssystems. Bildung in der digitalen Welt ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die ein gemeinsames Handeln aller gesellschaftlichen Akteure erfordert.

 

[1] https://www.arbeitswissenschaft.net/fileadmin/Downloads/Angebote_und_Produkte/Publikationen/FDP_Gutachten_Mobile_Arbeit_Finale_Version_15.10.2020.pdf 

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