Barrierefreie KI: Zehn praxisnahe Schritte für inklusive Innovation am Arbeitsplatz

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Generative KI verändert rasant die Art, wie wir arbeiten. Sie schreibt Texte, generiert Bilder und Videos, unterstützt Entscheidungen, automatisiert Prozesse. Doch allzu oft bleibt ein zentraler Aspekt unbeachtet: Barrierefreiheit. Wer Inklusion ernst nimmt, muss sicherstellen, dass KI-Systeme für alle zugänglich sind – unabhängig von körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten. Diese zehn Schritte zeigen, wie Organisationen GenAI verantwortungsvoll und inklusiv gestalten können.

  1. Inklusive Daten trainieren

Eine faire KI beginnt mit fairen Daten. Trainingsdatensätze sollten die Vielfalt menschlicher Perspektiven abbilden, insbesondere bei Sprache und Darstellung von Behinderung. Inklusive Sprachleitfäden, etwa der Vereinten Nationen, helfen, unbewusste Vorurteile zu vermeiden. So entstehen Modelle, die respektvolle und präzise Kommunikation fördern, statt Stereotype zu reproduzieren.

  1. Rechtliche Standards früh verankern

Ab 2025 verpflichtet der European Accessibility Act (EAA) alle Anbieter digitaler Produkte zur Barrierefreiheit. Wer diese Vorgaben zusammen mit den WCAG-Richtlinien und nationalen Gesetzen schon in der Entwicklungsphase berücksichtigt, spart Kosten und reduziert Compliance-Risiken. Barrierefreiheit von Anfang an schafft Rechtssicherheit und Vertrauen bei Nutzenden und Partnern.

  1. Nicht nur Klick: auch Tasten

Nicht jede*r nutzt eine Maus, auch KI-Anwendungen nicht. Anwendungen müssen vollständig über Tastatur oder Braillezeilen bedienbar sein, damit auch Menschen, die Screenreadern nutzen oder motorische Einschränkungen haben, uneingeschränkt arbeiten können. Mindestens zwei Interaktionsmodi – zum Beispiel visuell und auditiv – machen KI-Systeme universell nutzbar und verbessern gleichzeitig die allgemeine User-Experience.

  1. Struktur und Orientierung schaffen

Digitale Barrierefreiheit heißt, Inhalte logisch und konsistent aufzubauen [1]. Überschriften, Absätze und Navigationspunkte sollten klar und programmatisch bezeichnet sein, damit Nutzerinnen und Nutzer schnell verstehen, wo sie sich befinden, egal wie sie die Inhalte konsumieren. Eine klare Informationsarchitektur verringert Fehlbedienungen und macht komplexe KI-Tools für alle leichter zugänglich (auch für andere KI).

  1. Vielfalt authentisch darstellen

KI-generierte Inhalte prägen, wie wir die Welt sehen. Dazu zählt auch das Thema Behinderung, egal ob dauerhaft, temporär oder situativ. Deshalb sollten Darstellungen realistisch, respektvoll und frei von Klischees sein. Weder Mitleid noch Überhöhung helfen; gezeigt werden sollte die tatsächliche Vielfalt menschlicher Erfahrungen. Authentische Repräsentation stärkt das Vertrauen und vermeidet unbewusste Diskriminierung.

  1. Interaktive Elemente korrekt kennzeichnen

Buttons, Links und Formularfelder brauchen klare Beschriftungen statt vager Hinweise wie »Hier klicken«. Semantisch saubere Kennzeichnung erleichtert Screenreadern die Orientierung und sorgt insgesamt für eine bessere Bedienbarkeit. Was Barrierefreiheit erfordert, ist gleichzeitig ein Gewinn an Usability und Strukturqualität.

  1. Sprache vereinfachen und korrekt taggen

Verständlichkeit ist Kern digitaler Inklusion. Texte sollten in klarer, einfacher Sprache formuliert sein und die richtigen Sprachattribute tragen, damit Screenreader sie korrekt ausgeben können. Das erleichtert nicht nur Menschen mit Einschränkungen den Zugang, sondern hilft auch internationalen Teams. Tipp: Nutzen Sie generative KI, um Texte verständlicher zu schreiben.

  1. Farbkontrast sichern

Guter Kontrast ist eine der einfachsten, aber wichtigsten Accessibility-Maßnahmen. Hohe Lesbarkeit zwischen Vorder- und Hintergrundfarben ermöglicht barrierefreies Arbeiten – auch bei Sehschwäche oder Blendung. Farben sollten nie allein Information tragen; Symbole (mit Bildbeschreibung) oder Textlabels machen Inhalte für alle verständlich.

  1. Textalternativen für Medien anbieten

Ob Bild, Video oder Audio, jedes Medium braucht ein textbasiertes Pendant: Alt-Text (Bildbeschreibung), Untertitel oder Transkript. Das erleichtert Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen den Zugang und steigert zugleich Reichweite und Auffindbarkeit digitaler Inhalte. Inklusion und Effizienz gehen hier Hand in Hand.

  1. Mit Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen testen

Barrieren lassen sich nicht simulieren, man muss sie erleben. Der wichtigste Schritt ist daher das Testen mit Menschen, die selbst Erfahrung mit unterschiedlichen Einschränkungen haben. Ihr Feedback deckt Probleme auf, die automatisierte Prüfungen übersehen, und führt häufig zu Ideen, die Innovation fördern.

Fazit: Inklusion ist Zukunftsfähigkeit

Barrierefreiheit ist kein Extra, sondern Voraussetzung moderner Technologie. Unternehmen, die KI inklusiv gestalten, handeln nicht nur ethisch und gesetzeskonform, sondern steigern Produktivität, Nutzerzufriedenheit und Markenvertrauen. Eine inklusive GenAI ist nicht teurer, sie ist schlicht besser.

Beatriz González Mellídez ist Head of Accessibility & Digital Inclusion Central Europe bei Atos

 
[1] https://atos.net/de/services/digital-workplace/barrierefreie-dienstleistungen
Die Atos Group ist ein weltweit führender Anbieter digitaler Transformation mit rund 67.000 Mitarbeitenden in 61 Ländern. Unter den Marken Atos (Services) und Eviden (Produkte) bietet das Unternehmen maßgeschneiderte, KI-gestützte End-to-End-Lösungen in Bereichen wie Cybersicherheit, Cloud und High Performance Computing. Ziel der Atos Group ist es, eine sichere, nachhaltige und dekarbonisierte digitale Zukunft zu gestalten und wissenschaftliche wie technologische Spitzenleistungen weltweit zu fördern

 

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