Brexit-Referendum wird deutscher Konjunktur nur kleinen Dämpfer versetzen

Das Brexit-Referendum wird der deutschen Wirtschaft in diesem und im nächsten Jahr wahrscheinlich nur einen kleinen Dämpfer versetzen. Das geht aus Berechnungen des ifo Instituts hervor. Demnach wird das deutsche Wachstum 2016 um rund 0,1 Prozentpunkte niedriger ausfallen und 2017 um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte. Diese Wirkungen ergeben sich durch schwächere Exporte und Investitionen. »Das ist ein eher geringer Effekt. Er würde den Aufschwung, in dem sich die deutsche Wirtschaft seit nunmehr drei Jahren befindet, nicht gefährden«, sagte am Mittwoch Timo Wollmershäuser, kommissarischer Leiter des ifo Zentrums für Konjunkturforschung und Befragungen.

»Wir rechnen mit einer konjunkturellen Abschwächung in Großbritannien, einer Abwertung des britischen Pfunds sowie einer vorübergehenden Phase erhöhter Unsicherheit. Das wird die deutschen Exporte und die deutschen Investitionen kurzfristig aber nur geringfügig beeinträchtigen.«

grafi ifo konjunktur brexit

Wollmershäuser wandte sich gegen Katastrophenszenarien, fügte allerdings einschränkend hinzu: »Konjunkturforscher sollten vorsichtig sein mit allzu schnellen Revisionen ihrer Prognosen. Wir haben keinerlei historische Erfahrung mit einem Austritt aus der Europäischen Union. Selbst wenn alle zukünftigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU geklärt wären, fiele es dem Konjunkturforscher schwer, Vorhersagen aus den heute gängigen empirischen Modellen abzuleiten.«

In den ifo-Berechnungen wurden längerfristig denkbare Auswirkungen noch nicht berücksichtigt: »Andere Faktoren, wie zum Beispiel eine mögliche Verlagerung des Finanzplatzes London, eine restriktivere Zuwanderungspolitik der Briten, veränderte Kapitalströme oder erhöhte Transaktionskosten im internationalen Handel durch eine Rückabwicklung des gemeinsamen Binnenmarktes, lassen sich quantitativ nur sehr schwer abschätzen, insbesondere, weil die dafür notwendigen politischen Entscheidungen noch nicht einmal getroffen sind«, sagte Wollmershäuser.


Die Auswirkungen des britischen Votums für einen Brexit auf die deutsche Konjunktur 2016/17

Autoren: Christian Grimme, Magnus Reif und Timo Wollmershäuser

Die Entscheidung der Briten vom 23. Juni 2016, die Europäische Union zu verlassen, hat zu unmittelbaren und starken Reaktionen an den Finanzmärkten geführt. Weltweit brachen Börsenkurse ein, das britische Pfund verlor deutlich an Wert, und aktienmarktbasierte Volatilitätsmaße stiegen stark an. An den Tagen nach dem Referendum häuften sich die Fragen nach den Auswirkungen des Brexit-Votums auf die deutsche Konjunktur.

Der Beitrag zeigt, dass die deutsche Wirtschaft in diesem und im nächsten Jahr zwar einen Dämpfer erhalten wird, da eine konjunkturelle Abschwächung in Großbritannien und eine Abwertung des britischen Pfunds den Außenhandel und eine erhöhte Unsicherheit die deutschen Investitionen beeinträchtigen dürften. Allerdings werden die Wachstumseinbußen mit weniger als einem Zehntel Prozentpunkt im Jahr 2016 und mit bis zu zwei Zehntel Prozentpunkten im Jahr 2017 wohl eher gering ausfallen und damit den robusten Aufschwung, in dem sich die deutsche Wirtschaft seit nunmehr drei Jahren befindet, nicht gefährden.

Im Kern beschäftigt sich Konjunkturforschung mit den regelmäßigen Schwankungen gesamtwirtschaftlicher Größen. Dabei macht sich der Prognostiker die Beobachtung zunutze, dass die Reaktion einer Volkswirtschaft auf gewisse Störungen einem Muster folgt, das historisch bereits häufiger beobachtet werden konnte. Aufgabe des Konjunkturforschers ist es, die exogenen Schocks ausfindig zu machen, die die Volkswirtschaft treffen. Sind diese einmal identifiziert, werden die historischen Verhaltensmuster der Volkswirtschaft zugrunde gelegt und die Veränderung von Bruttoinlandsprodukt, Preisen und anderen gesamtwirtschaftlichen Größen für die kommenden Quartale fortgeschrieben.

Das britische Votum für einen Brexit ist ganz gewiss ein solcher Schock; die Reaktion der Finanzmärkte zeigt, dass der Ausgang des Referendums unerwartet war. Deshalb dürfte ein Großteil der Anpassungsreaktionen von Unternehmern, Investoren und Verbrauchern in Großbritannien und anderswo erst jetzt einsetzen und konjunkturelle Auswirkungen in den kommenden Quartalen haben. Aus Sicht des Konjunkturforschers unterscheidet sich diese gesamtwirtschaftliche Störung allerdings von anderen Schocks in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist sie bei weitem nicht nur auf den Ausgang des Referendums beschränkt. Voraussichtlich ab Herbst 2016 folgen eine Reihe von politischen Entscheidungen, die sich aus den dann aufgenommenen Verhandlungen zwischen Großbritannien und den verbleibenden EU­Staaten ergeben werden und deren Ausgang nicht vorhergesagt werden kann.

Weitere Schocks werden also folgen, was eine Abschätzung der gesamten konjunkturellen Folgen der Brexit­Entscheidung eigentlich unmöglich macht. Zum anderen gibt es glücklicherweise keinerlei historische Erfahrung mit Austritten aus der Europäischen Union. Selbst wenn die Austrittsmodalitäten und die zukünftigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU sicher wären, fiele es dem Konjunkturforscher schwer, Vorhersagen aus den heute marktgängigen empirischen Modellen abzuleiten. Konjunkturforscher sollten daher vorsichtig sein mit allzu schnellen Revisionen ihrer Prognosen. Mitnichten sollte jedoch gänzlich auf die Veröffentlichung von Prognosen verzichtet werden. Gerade in unsicheren Zeiten werden ebensolche benötigt, um der Wirtschaftspolitik eine Orientierungs­ und Entscheidungshilfe zu bieten.

Um mit den oben genannten Problemen umzugehen, bieten sich verschiedene Vorgehensweisen an. Wenn dem Konjunkturforscher daran gelegen ist, möglichst geringe Prognosefehler zu machen, sollte er abwarten, bis weitere politische Schritte entschieden worden sind und wichtige Konjunkturindikatoren erste Informationen über die tatsächlichen Anpassungsreaktionen von Unternehmern, Investoren und Verbrauchern liefern. Wenn ihm die Zeit nicht zur Verfügung steht, kann er sich mit Hilfe von Partialanalysen dem Problem nähern. Bei solchen Analysen werden Teilaspekte der Störung isoliert und als eigenständige Störung betrachtet. Mit dieser Vorgehensweise kann dann auf bekannte Reaktionsmuster zurückgegriffen werden. Indem Beitrag werden die Außenhandels- und Unsicherheitskanal zwei wichtige Teilaspekte betrachtet.

Der kompletten Aufsatz aus dem ifo Schnelldienst 13/2016 mit den Berechnungen findet sich vorab hier:

https://www.cesifo-group.de/DocDL/sd-2016-13-grimme-etal-brexit-deutsche-Konjunktur-2016-07-14.pdf


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