Eskapismus – Die höfische Kunst, vor sich selbst zu fliehen

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Es gehört zu den paradoxeren Disziplinen der Moderne, dass der Mensch, der sich für seines eigenen Glückes Schmied hält, zugleich ein Meister der inneren Desertion ist. Eskapismus heißt dieses zarte Gift, dieser süße Rausch, mit dem wir uns von der Welt verabschieden, ohne sie je verlassen zu haben. Ein Begriff, der klingt, als hätte Freud ihn heimlich in den Duden eingeschleust: die Flucht aus der Wirklichkeit in eine selbst gezimmerte, schimmernde Kulisse, die uns verspricht, dass der Lärm des Lebens dort endlich verstummt.

 

Natürlich fliehen wir nicht, weil wir grundsätzlich undankbare Geschöpfe wären. Wir fliehen, weil die Gegenwart gelegentlich unzumutbar erscheint, laut, schwer und banal. Wer schon einmal in einem durchschnittlichen deutschen Großraumbüro gearbeitet hat, weiß, wovon die Rede ist. Zwischen Deadlines, Dashboard und Dauerbesprechung wächst die Sehnsucht nach dem Anderswo wie Efeu an einer vernachlässigten Hauswand.

Eskapismus ist, psychohygienisch betrachtet, unser Versuch, der Welt die Unversöhnlichkeit auszutreiben:

– die Überforderung, die sich in den E-Mails manifestiert,

– die Enttäuschung, die aus geplatzten Erwartungen quillt,

– den Schmerz, der nicht erinnert werden will,

– die Unsicherheit, die sich wie ein Wintermantel über die Seele legt,

– die innere Unzufriedenheit, die uns das eigene Spiegelbild zum Störfaktor erklärt.

Man könnte sagen: Der Mensch flieht nicht vor der Welt, sondern vor der Version seiner selbst, die er dort vorfindet.

 

Die Flucht im Büro – Tagträume als kleine Revolutionen

Eskapismus hat längst die Bürotüren durchschritten. Er sitzt mit uns im Meeting, scrollt mit uns durch Instagram, trägt den Hoodie der Workaholics, die ihre innere Unruhe als Fleiß etikettieren. Der moderne Mensch ist ein digitaler Nomade, selbst wenn er seinen Schreibtisch nie verlässt.

Tagträume sind die letzten demokratischen Freiheiten von Angestellten. Sie benötigen weder VPN noch eine Freigabe des Vorgesetzten. In ihnen schweifen wir zu Stränden, die wir uns nicht leisten können, oder zu Berghöhen, die wir nie besteigen werden. Und ironischerweise ist sogar der Workaholismus eine Form der Flucht, die Flucht in die Tätigkeit, um der Wahrheit zu entgehen, die man sonst womöglich fühlen müsste.

 

Der gesellschaftliche Kollateralschaden

Wenn jedoch eine ganze Gesellschaft beginnt, sich in Fantasiewelten einzurichten, dann wird aus der individuellen Eskapade ein volkswirtschaftliches Experiment. Die Produktivität schrumpft wie ein Wollpullover in der Kochwäsche. Die psychischen Belastungen steigen, weil die verdrängten Probleme sich nicht in Luft auflösen, sondern sich maximal in eine Streamingpause verwandeln.

Und während sich immer mehr Menschen in digitale Ersatzwelten zurückziehen, verliert die Gesellschaft an jener Reibung, aus der Innovation entsteht. Eskapismus ist wie ein Chamäleonfisch unter den seelischen Mechanismen: Mal dient er als Schutz, mal führt er zur Selbstvernichtung – je nachdem, wie tief wir darin tauchen.

 

Der Blick in den Spiegel – die unbequemste Form der Realität

Wer wissen will, ob er selbst betroffen ist, muss nur prüfen, ob er häufiger vom Leben träumt, als er es lebt, ob Medien zur Betäubung dienen, ob Entscheidungen liegen bleiben, wie Geschirr nach einem langen Abend oder ob innere Leere zur neuen Grundstimmung geworden ist. Die Frage lautet nicht: »Fliehe ich?« Sondern: Wohin? Und wovor?

 

Rückkehr zum Ich – ein schwieriger Heimweg

Sich aus dem Eskapismus zu befreien, ist ein Akt der Rückgewinnung. Nicht heroisch, aber notwendig. Er beginnt mit Selbstreflexion, jener altmodischen Disziplin, die so selten geübt wird, weil sie das Gegenteil von Zerstreuung verlangt. Es geht weiter über das Anerkennen verdrängter Gefühle, jene Schatten, die größer werden, je länger wir ihnen den Rücken kehren. Achtsamkeit hilft, nicht weil sie modern ist, sondern weil sie uns zwingt, den Moment auszuhalten.

Gespräche mit Freunden oder Therapeuten öffnen Türen, die wir allein nicht finden würden. Eskapismus ist kein Makel. Er ist ein Symptom. Er ist ein Hinweis darauf, dass etwas in unserem Innenleben um Aufmerksamkeit bittet, jedoch höflich und leise, wie jemand, der nicht stören will.

 

Sisi: Die Kaiserin als Prototyp der Flucht

Kaum jemand hat die Kunst der stilvollen Flucht so perfektioniert wie Elisabeth von Österreich, die berühmte Sisi. Ihre Reisen waren weniger geprägt von Reiselust als von seelischer Emigration.

– In Gödöllo fand sie die ungarische Freiheit, die ihr Wien verweigerte.

– Auf Korfu, im Achilleion, war sie nicht Kaiserin, sondern mythologische Selbstdarstellerin.

– Die Schweiz bot ihr Anonymität, die sie am Hof nie bekam.

– Italien, Irland, England und das Mittelmeer waren für sie keine Urlaubsziele, sondern  Fluchträume.

– Und selbst Bad Ischl, ihr Sommerrefugium, wurde ihr im Alter zu eng, zu höfisch, zu sehr ein Käfig.

Sisis Leben zeigt, wohin Eskapismus führen kann: zu einer unaufhörlichen Bewegung, die kein Ankommen mehr kennt.

 

Fazit

Die größte Flucht führt immer zu uns selbst. Der moderne Mensch flieht nicht vor der Welt, sondern vor seiner eigenen Unvollkommenheit. Er rennt, scrollt, arbeitet, reist und nennt das dann Leben.

Doch wer lange genug wegläuft, merkt irgendwann, dass der einzige Ort, dem man dauerhaft entkommt, das eigene Glück ist. Die Flucht vor sich selbst ist die einzige Reise, bei der das Gepäck immer mitkommt.

Reinhard F. Leiter, Executive Coach München

 

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