Paradox am deutschen IT-Arbeitsmarkt: Mehr arbeitslose Fachkräfte, aber weniger Sicherheit für Unternehmen

Stellenabbau ist eine kurzsichtige Reaktion, welche die eigentliche Qualifikationslücke verschärft.

 

Ein deutlicher Rückgang bei offenen IT-Stellen und steigende Arbeitslosenzahlen im IT-Sektor erwecken den Eindruck, der langjährige Fachkräftemangel in Deutschland sei überwunden. Doch der Schein trügt. ISACA, der globale Berufsverband für IT-Revisoren, Information Security Officer und IT-Governance-Experten, warnt davor, die aktuelle Marktlage falsch zu interpretieren [1]. Während Unternehmen aufgrund der angespannten Wirtschaftslage allgemeine IT-Projekte auf Eis legen und Stellen abbauen, wächst durch neue EU-Regularien ein akuter, nicht verhandelbarer Bedarf an hochspezialisierten Sicherheits- und Compliance-Experten – ein Paradox, das viele Unternehmen ignorieren.

 

Weniger Stellen, aber kein Ende des Mangels

Aktuelle Daten zeichnen ein auf den ersten Blick eindeutiges Bild: Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sank die Zahl der offenen IT-Stellen im Jahr 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 26,2 Prozent. Gleichzeitig meldet die Bundesagentur für Arbeit (BA) im Januar einen Anstieg der arbeitslosen IT-Fachkräfte um 23,2 Prozent.

»Wir können noch nicht das Ende des Fachkräftemangels ausrufen. Was wir wirklich sehen, ist eine Verschiebung der gesuchten Profile. Der Bedarf an Expertinnen und Experten, welche die digitale Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens sicherstellen, steigt weiterhin,« analysiert Chris Dimitriadis, Chief Global Strategy Officer bei ISACA.

 

Regulatorischer Druck erzeugt neuen, dringenden Bedarf

In dieser Phase der Zurückhaltung schaffen EU-Vorschriften Anforderungen, die Unternehmen nicht ignorieren können. Richtlinien wie DORA (Digital Operational Resilience Act) für den Finanzsektor, NIS2 für kritische Infrastrukturen und der EU AI Act verlangen von Unternehmen nachgewiesene Standards für Cybersecurity, Risikomanagement und KI-Governance.

»Hier liegt die eigentliche Schwachstelle«, warnt Dimitriadis. »Es geht nicht mehr darum, ob man in Cybersicherheit investieren soll, sondern wie man die richtigen Investitionen tätigt – von der Prävention über die Erkennung bis hin zur Reaktion und Wiederherstellung. Dies beginnt immer mit ganzheitlich ausgebildeten Fachkräften. Unternehmen, die jetzt falsche Entscheidungen zur Kostensenkung treffen, riskieren nicht nur schwerwiegende Auswirkungen durch Cyberangriffe, sondern auch hohe Strafen und den Verlust ihrer Betriebserlaubnis.«

 

Datenschutz-Lücken als existentielles Risiko

Wie groß die Diskrepanz zwischen Bedarf und Realität bereits ist, belegt die repräsentative »State of Privacy«-Studie von ISACA [1]. Sie zeigt, dass über die Hälfte (51 Prozent) der technischen Datenschutz-Positionen in Europa unbesetzt sind, während 44 Prozent der Teams sich als unterfinanziert bezeichnen. »Dieser Mangel an Ressourcen ist das direkte Ergebnis eines Henne-Ei-Problems. Ohne die richtigen Teams wird die Kosten-Nutzen-Analyse ungenau sein, und ohne Investitionen kann man nicht die richtigen Teams für diese Aufgabe zusammenstellen«, sagt Dimitriadis. »Ein einziger schwerwiegender Datenverstoß kann ein Vielfaches dessen kosten, was durch Personalabbau eingespart wurde – ganz zu schweigen vom Verlust des Kundenvertrauens.«

 

In Kompetenz statt in Krisen investieren

Durch die steigende Arbeitslosigkeit im IT-Sektor verschärft sich der Wettbewerb um attraktive Positionen. Arbeitgeber können es sich leisten, wählerischer zu sein und suchen vermehrt nach Kandidatinnen und Kandidaten, die nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch strategisches Verständnis und zertifizierte Expertise nachweisen können. ISACA unterstützt Unternehmen und Fachkräfte dabei, diese Herausforderung zu bewältigen. Der Fokus liegt darauf, die notwendigen Kompetenzen aufzubauen, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. »Dabei ist es ebenso entscheidend, das vorhandene Personal weiterzubilden, wie neue Expertinnen und Experten zu gewinnen. Führungskräfte müssen verstehen, dass die Stärkung der eigenen Teams der nachhaltigste Weg ist, um digitale Resilienz zu schaffen«, sagt Dimitriadis.

Anerkannte Zertifizierungen bieten hier einen klaren Fahrplan. Sie belegen nicht nur Fachwissen, sondern auch die Fähigkeit, dieses strategisch anzuwenden. Der Certified Information Security Manager (CISM) beispielsweise befähigt Fachleute, ein ganzheitliches Sicherheitsprogramm zu managen, das Geschäftsziele und regulatorische Pflichten in Einklang bringt. Der Certified Information Systems Auditor (CISA) bestätigt die Kompetenz, die Wirksamkeit von Kontrollen zu prüfen und so das Vertrauen in die digitalen Prozesse zu untermauern.

Chris Dimitriadis fasst zusammen: »Die entscheidende Frage für jedes Unternehmen lautet: Investieren wir jetzt gezielt in die Fähigkeiten unserer Teams oder später in die Bewältigung von Krisen? Die aktuelle Lage am IT-Arbeitsmarkt bietet die strategische Chance, genau hier die richtigen Weichen zu stellen. Anstatt einfach Personal abzubauen, können vorausschauende Unternehmen jetzt die Spezialistinnen und Spezialisten an sich binden und eigene Mitarbeitende qualifizieren, die für den Schutz vor Cyberrisiken und die Einhaltung neuer Regularien unerlässlich sind. Wer diese Gelegenheit nutzt, begreift Sicherheit nicht als Kostenfaktor, sondern als Wettbewerbsvorteil und Basis für vertrauensvolle Kundenbeziehungen und Partnerschaften.«

 

[1] Die gesamte ISACA-Studie »State of Privacy« können Sie hier herunterladen: https://www.isaca.org/resources/reports/state-of-privacy-2026

 

3500 Artikel zu „Fachkräfte IT“

Gesundheitswesen leidet unter Fachkräftemangel bei der Einführung von GenAI

Viele fahren Projekte zurück, einige geben KI vollständig auf.   Neue  Forschungsergebnisse zeigen große Herausforderungen bei der Einführung generativer KI (GenAI) bei Gesundheitsorganisationen. Fast ein Viertel (22 Prozent) hat den Einsatz von KI-Tools vollständig eingestellt. Fast ein Drittel (31 Prozent) fährt die Nutzung zurück.   Alle Unternehmen, die an der Technologie festgehalten und die Implementierung…

Mit der Aktivrente gegen den Fachkräftemangel: Welche Chancen Unternehmen und Politik jetzt haben

Mit der geplanten Aktivrente können ältere Arbeitnehmer, die das gesetzliche Rentenalter erreicht haben, ab 2026 pro Jahr 24.000 Euro steuerfrei hinzuverdienen. Durch diesen Anreiz könnte die Erwerbstätigkeit von Rentnern in Deutschland laut einer Befragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung um bis zu zehn Prozent steigen – umgerechnet 33.000 zusätzliche Vollzeitstellen würden entstehen. Doch erst, wenn…

Arbeitsmarkt: In diesen Branchen ist der Fachkräftemangel am größten

Allein im Gesundheitswesen blieben im Jahr 2024 über 46.000 Stellen rechnerisch unbesetzt – mehr als in jeder anderen Branche. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, für die die Forscher die Lücke erstmals nach Branchen analysiert haben.   In keiner Branche fehlen so viele Fachkräfte wie im Gesundheitswesen. Dort…

NIS2: Strategien für KMU mit begrenzten IT-Ressourcen und Fachkräftedilemma

Noch nicht Gesetz – aber längst relevant: Zwar hat sich in Deutschland die Überführung der EU-Cybersicherheits-Richtlinie NIS2 in nationales Recht verzögert, dennoch ist es nur eine Frage der Zeit. Entsprechend wächst der Handlungsdruck für Unternehmen – insbesondere im Mittelstand. Wer sich heute schon vorbereitet, schützt nicht nur seine IT-Systeme, sondern den Fortbestand des Unternehmens.  …

IT-Sicherheit und Effizienz: Wie Systemhäuser mit qualifizierten Fachkräften punkten

In einer Zeit, in der Unternehmen ihre IT-Strukturen stetig anpassen müssen, um mit technologischen Entwicklungen Schritt zu halten, rückt die Rolle von erfahrenen und zertifizierten IT-Experten in den Vordergrund. Besonders in komplexen Umgebungen, in denen Software, Netzwerke und Sicherheitssysteme nahtlos ineinandergreifen müssen, sind spezialisierte Systemhäuser ein entscheidender Partner. Die Kombination aus praxisnaher Erfahrung und formaler…

In Deutschland fehlen weiterhin mehr als 100.000 IT-Fachkräfte

8 von 10 Unternehmen erwarten eine Verschärfung des IT-Fachkräftemangels. Jedes Zwölfte will mit KI fehlende IT-Expertinnen und -Experten ersetzen. Jeder vierte IT-Job geht an Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger.   In der deutschen Wirtschaft fehlen aktuell rund 109.000 IT-Fachkräfte. Das sind zwar deutlich weniger als noch vor zwei Jahren mit 149.000, allerdings sehen die Unternehmen keine wirkliche…

Deutschland meldet weltweit größten Fachkräftemangel bei Cyber Threat Intelligence

Google Cloud Security hat gemeinsam mit Forrester neue Erkenntnisse aus dem aktuellen Report »Threat Intelligence Benchmark: Stop Reacting; Start Anticipating« veröffentlicht [1]. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen der Bedrohungstransparenz und der Vorbereitung auf Führungsebene – in einer Bedrohungslage, die sich rasant weiterentwickelt. Weltweit wurden über 1.500 Security-Führungskräfte auf C-Level befragt – darunter mehr…

Arbeitsmarkt: 2028 fehlen 768.000 Fachkräfte

Die Fachkräftelücke wird bis 2028 wieder wachsen, zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Besonders im Verkauf und in Kitas werden in Zukunft viele Stellen unbesetzt bleiben.   Die Fachkräftesituation in Deutschland bleibt angespannt: 2028 werden bundesweit 768.000 Fachkräfte fehlen. Das zeigt eine neue IW-Studie, die die Entwicklungen in 1.300 Berufen bis…

Fachkräfte-Know-how für kritische Infrastrukturen

Die »Vertiv-Academy« soll die gezielte Qualifizierung von IT-Fachkräften in der EMEA-Region für die wachsenden Anforderungen KI-getriebener digitaler Infrastrukturen vorantreiben.   Vertiv, Spezialist für kritische digitale Infrastrukturen, eröffnet ein neues Trainingszentrum in Frankfurt. Die Vertiv Academy ist strategisch in einer der wichtigsten europäischen Digital- und Verkehrsdrehscheiben angesiedelt und richtet sich an IT-Fachkräfte aus Deutschland, Österreich und…

Zwischen Fachkräftemangel, Cyberrisiken, souveräne Clouds und KI-Potenzial – Ernstfall Digitalisierung

Seit Anfang des Jahres ist Kai Grunwitz neuer Vorsitzender der Geschäftsführung von Kyndryl Deutschland. Im Gespräch mit »manage it« spricht er über den unterschätzten Reiz des Mainframes, warum Mut zur Digitalisierung wichtiger ist als jede Regulierung – und wie technologische Allianzen mit Microsoft & Co. zum Schlüssel für resiliente Infrastrukturen werden.

Souveräne KI soll Effizienz steigern, Fachkräfte entlasten und Digitalisierung beschleunigen

KI-Offensive für den Bund: Materna, ITZBund und NVIDIA starten Pilotprojekt für Softwareentwicklung.   Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung in Deutschland nimmt weiter Fahrt auf: Das Informationstechnikzentrum Bund (ITZBund) erprobt gemeinsam mit dem Dortmunder IT-Dienstleister Materna den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) zur Unterstützung in der Softwareentwicklung. Grundlage ist dabei KIPITZ, das KI-Portal des ITZBund, kombiniert…

Anziehungskraft: Fachkräfte küren ihre beliebtesten Arbeitgeber

Unternehmen aus der Automobilbranche sowie Arbeitgeber aus dem Handel landen im aktuellen Trendence-Fachkräfte-Ranking auf den Spitzenplätzen.     Arbeitgeber aus der Automobilindustrie besitzen eine hohe Anziehungskraft bei nichtakademischen Fachkräften. Das ist eines der Ergebnisse des diesjährigen Trendence-Fachkräfte-Rankings, das jedes Jahr die beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland ermittelt [1]. Auch in diesem Jahr wurde dafür wieder das…

Fachkräftemangel: Deutsche Unternehmen setzen auf Weiterbildung und Innovation

Ein Mangel an Fachkräften erweist sich als größtes Problem (40 %), während Cyberangriffe und Cybersicherheit ebenfalls ein wichtiges Anliegen darstellen (25 %).   In den letzten Jahren wurden in verschiedenen Branchen in Deutschland Bedenken hinsichtlich eines Mangels an Fachkräften geäußert. Trotz stabiler Beschäftigungsquoten bleibt der Arbeitskräftemangel ein anhaltendes Problem [1]. Vor diesem Hintergrund haben die…

Fachkräfte: Berufsausbildung schützt am besten vor Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt, gleichzeitig suchen viele Unternehmen dringend Fachkräfte. Bei Fachkräften mit Berufsausbildung hat sich die Arbeitslosigkeit in den vergangenen zehn Jahren am besten entwickelt. Das geht aus einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor [1].   IW-Wissenschaftler haben berechnet, wie sich die Arbeitslosenzahlen in den vergangenen zehn Jahren bei…

Cybersecurity, Fachkräftemangel, Breitbandausbau und mehr – Schlüsselthemen für 2025

Wer nach vorne schaut, ist besser vorbereitet, auf das was kommt – das gilt auch für die Akteure im ICT-Markt. 2024 war das Jahr, in dem vielen deutschen Unternehmen klar wurde, dass die schwierige wirtschaftliche Situation hierzulande nicht nur eine kurze Schwächephase ist. Auch für die kommenden Monate zeichnet sich bislang keine nennenswerte konjunkturelle Erholung…

Große Unternehmen: Künstliche Intelligenz soll IT-Fachkräftemangel ausgleichen

Jedes fünfte Unternehmen ab 250 Beschäftigten will mit KI Personalengpässe vermindern. Jedes dritte Unternehmen glaubt, dass KI den Fachkräftemangel in Deutschland abmildern kann.   Künstliche Intelligenz in der Softwareentwicklung oder ein KI-Chatbot, der bei PC-Problemen im Unternehmen hilft? Vor allem größere Unternehmen wollen mit KI dem Mangel an IT-Fachkräften entgegenwirken. So geben 5 Prozent der…

Fachkräftemangel – KI und Automatisierung bieten eine Lösung: Fehlen IT-Spezialisten – fehlen Umsätze

Der akute Mangel an IT-Fachkräften stellt Deutschland vor erhebliche Herausforderungen. Trotz der fortschreitenden Digitalisierung und der  wachsenden Bedeutung von IT-Sicherheit sinkt das Interesse an Informatikstudiengängen seit einigen Jahren kontinuierlich, was die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage weiter verschärft [1]. Diese Entwicklung gefährdet nicht nur die Innovationskraft, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und birgt das Risiko, die dringend benötigte digitale Transformation auszubremsen [2].

Arbeitsmarkt: 2027 fehlen 728.000 Fachkräfte in Deutschland

In den kommenden Jahren wird der Fachkräftemangel immer größer werden. Insbesondere im Verkauf, der Kinderbetreuung und der Sozialarbeit werden Mitarbeiter gesucht, wie eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt.   Wer sich beim Shoppen gerne von Fachverkäufern beraten lässt, muss in Zukunft wahrscheinlich länger warten. 2027 könnte die Fachkräftelücke im Verkauf deutschlandweit…

Fachkräftemangel: Warum Weiterbildung und Umschulung höchste Priorität haben sollten

Automation Citizen Developers und Citizen Prozess Experts sind gefragt.   Die hohen Mitarbeitererwartungen in Kombination mit dem Fachkräftemangel bedeuten, dass Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramme für Unternehmen nicht mehr nur ein »Nice-to-have« sind, sondern eine Notwendigkeit. Es gibt vor allem zwei Gründe, warum moderne Weiterbildungs- und Qualifizierungsinitiativen eine unternehmensweite Priorität sein sollten. Langfristiger Mangel an Fachkräften Automatisierung…

Fachkräftemangel abfedern – Routine automatisieren mit KI

Die Arbeitslast steigt, die Belegschaft schrumpft – in Zeiten des demographischen Wandels sind Kapazitätsengpässe für viele Unternehmen zum neuen Status quo geworden. Während sich erfahrene Mitarbeiter in den Ruhestand verabschieden, erschwert der zunehmende Fachkräftemangel die Kompensierung oder gar Ausweitung der personellen Ressourcen. Als letzte Stellschraube für mehr Effizienz bleibt da oft nur die Technologie. Sie eröffnet Wege für höhere Automatisierungsgrade im Tagesgeschäft – etwa durch eine geschickte Kombination von Process Mining und KI.