Digitale Souveränität, Sicherheit, KI: Wie sich Europas IT-Strategien neu ausrichten 

Illustration Absmeier foto freepik ki

Unternehmen in Europa stehen vor einem Dilemma: Entweder sie halten am Status quo fest und riskieren eine folgenschwere Abhängigkeit von einzelnen Anbietern – oder sie akzeptieren die tiefgreifenden technologischen Veränderungen und machen ihre IT wirklich zukunftsfähig. Das Festhalten an proprietären Single‑Vendor‑Lösungen ist längst nicht mehr nur eine Frage der Technologie. Es ist ein finanzielles Risiko und kann zur Bedrohung für das Kerngeschäft und die Wettbewerbsfähigkeit werden. 

Die folgenden fünf Entwicklungen sind daher keine bloßen Trends, sondern strategische Handlungsimperative. Sie zeigen, wie sich Infrastrukturen aufbauen lassen, die digitale Souveränität stärken. Zudem wird deutlich, wie sie Cybersicherheit konsequent in Richtung Zero Trust weiterdenken und KI produktiv einsetzen, ohne Risiken aus dem Blick zu verlieren. 

 

  1. Resilienz ist keine reine IT‑Entscheidung, sondern Grundlage des Geschäftserfolgs 
    Resilienz beginnt mit Wahlfreiheit. Mit der Umsetzung von Vorgaben zur digitalen Souveränität quer durch Europa – von der DSGVO über den Data Act bis hin zu neuen nationalen Regelungen – müssen Unternehmen frühzeitig entscheiden, wie sie die Kontrolle über ihre Daten und Plattformen behalten. Maßgeblich ist, Abhängigkeiten von vornherein zu vermeiden, statt sie im Nachhinein teuer aufzulösen. 
    Neben ethischen Fragen geht es dabei konkret um Governance und Kostensteuerung. Wer bewusst auf flexible, offene Optionen setzt, verhindert, dass Migrationen plötzlich enorme Budgets verschlingen oder dass ein einziger Anbieter durch Preissteigerungen die IT‑Kostenstruktur diktiert. 

 

  1. Proprietäre Virtualisierung verliert ihren Status als Standard – offene Alternativen prägen den Markt schon heute 
    Virtualisierung hat sich von einem Spezialwerkzeug zum Rückgrat der Unternehmens‑IT entwickelt. Doch die Kräfteverhältnisse verschieben sich zugunsten von offenen Virtualisierungs-Ökosystemen. Klassische Workloads laufen auf Basis von KVM oder Xen bereits produktiv. Gleichzeitig ermöglichen Kubernetes‑native HCI‑Plattformen (Hyperconverged Infrastructure) IT‑Teams virtuelle Maschinen und Container über eine gemeinsame, vereinfachte Oberfläche zu verwalten. 
    Unternehmen sind längst nicht mehr von einzelnen proprietären Lösungen abhängig. Sie setzen in hybriden Cloud‑ und Edge‑Umgebungen auf offene Software – getrieben von klaren Anforderungen: Agilität, Kostentransparenz und die Vermeidung von Lock‑in. Parallel dazu besetzen unterschiedliche Anbieter Nischen in hybriden, cloudnativen und Edge‑Use‑Cases und machen den Markt damit offener. Die Virtualisierungslandschaft fragmentiert sich, und offene, cloudnative Ansätze gewinnen spürbar an Boden. Wer seine IT‑Planung weiter um eine VMware‑zentrierte Welt herum baut, wird den aktuellen Marktveränderungen nicht gerecht. 

 

  1. Eine belastbare Verteidigung beginnt mit Zero‑Trust‑Sicherheit 
    Jede einzelne Cyberbedrohung mit einem perimeterorientierten Abwehrmodell verhindern zu wollen, ist aus Risikosicht nicht mehr haltbar. Ein wichtiger erster Schritt bleibt zwar, die Software‑Supply‑Chain zu kennen und auf erfahrene, zertifizierte Anbieter zu setzen. Dennoch ist vollständige Prävention kaum zu erreichen. Deshalb müssen Unternehmen ihren Fokus konsequent auf echte Zero‑Trust‑Architekturen verlagern. 
    Es ist unrealistisch zu erwarten, dass Systeme völlig frei von Schwachstellen sind. Realistisch ist jedoch, unbekannte Schwachstellen in der Laufzeit so abzusichern, dass sie nicht ausgenutzt werden können. Möglich wird das durch »secure by default« und »security by design«: Präzise entwickelte, hochzuverlässige Software verankert Sicherheitsmechanismen direkt in zentralen Komponenten wie Containern und Betriebssystem-Bausteinen. 
    Ein Zero‑Trust‑Ansatz erzwingt strikte Zugriffskontrollen nach dem Prinzip »never trust, always verify« und verhindert, dass Schwächen genau im kritischen Moment der Ausführung eskalieren. Der zentrale Erfolgsindikator verlagert sich damit: weg vom reinen Abarbeiten bekannter Schwachstellen, hin zur Fähigkeit, Exploits und Betriebsunterbrechungen effektiv zu verhindern, bevor der Schaden entsteht. 

 

  1. KI ist ein Chamäleon – der Erfolg hängt davon ab, wie schnell Unternehmen mitziehen 
    KI‑gestützte Infrastrukturen werden Realität: Komplexe Systeme lassen sich zunehmend über einfache, natürliche Sprache steuern. Unternehmen sollten ihre Infrastruktur strategisch so aufbauen, dass sie kontextsensitiv, »secure by design« und eng mit intelligenter Verwaltung verzahnt ist. 
    Entscheidend ist, dass KI‑Tools adaptiv bleiben und auf die Geschäftsziele ausgerichtet sind. Risiken lassen sich nur dann beherrschen, wenn natürliche Sprache, Richtlinien und Automatisierung kontrolliert und sicher unter menschlicher Aufsicht zusammenspielen. In einem Umfeld, in dem neue Entwicklungen in kurzer Zeit ganze Technologiegenerationen ablösen können, verschafft ein konsequent offener Open‑Source‑Ansatz den nötigen Handlungsspielraum: Plattformen bleiben flexibel genug, um vertrauenswürdige Innovationen zu integrieren – bei gleichzeitig hohen Anforderungen an Governance, Datenschutz und Sicherheit. 
    Und eines muss angesichts der geopolitischen Verwerfungen klar sein: KI-Systeme müssen OPEN Source sein. Alles andere ist grob fahrlässig. 

 

  1. Strategische Offenheit: Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit 
    Das wirksamste Mittel, um langfristige Stabilität zu sichern und Kostenrisiken zu vermeiden, ist strategische Offenheit. Wer auf offene Fundamente setzt, die nach »secure by default«-Prinzipien entwickelt sind, gewinnt eine robuste und zugleich widerstandsfähige Plattform. 
    Diese Offenheit schafft die nötige Flexibilität, um neue Technologien wie KI oder Edge‑Computing zu integrieren, ohne in starre, teure Vertragsmodelle zu geraten oder zukünftige Plattformwechsel mit erheblichen Mehrkosten bezahlen zu müssen. Mehr Wahlfreiheit und mehr Flexibilität zahlen direkt auf bessere Governance ein – und schützen Budgets Investitionen vor Überraschungen. 

 

Am Ende zeigt sich die Belastbarkeit von IT-Strategien daran, ob Unternehmen ihre Systeme so aufbauen, dass sie Veränderungen antizipieren und sich anpassen können – auch an Herausforderungen, die heute noch keinen Namen haben. Die entscheidende Frage ist, ob die Systeme dafür ausgelegt sind. 

Holger Pfister, VP DACH, SUSE 

 

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