Die vielen, vielen kreativen Betätigungen von Fynn Kliemann

Hierzulande ist der 33-Jährige ein bekannter Musiker, der nicht genug Bilder malen kann, um die Nachfrage nach seinen Mixed-Media-Kunstwerken zu befriedigen. Er ist ein Schweißer und Tech-Investor, der Bauernhöfe und Häuser umbaut und sich als Schauspieler versucht. Er ist ein Social-Media-Influencer (seine Fangemeinde auf Instagram und YouTube zählt ihn zu den Makroinfluencern), der Open-Source-Tools programmiert.

Kliemann ist auch ein Serial Entrepreneur – nicht die Art von Unternehmer, der tonnenweise marktgerechte Misserfolge in seinem Lebenslauf hat, sondern einer, der mehrere florierende Unternehmen auf einmal betreiben, wie seine Werbeagentur herrlich media GmbH und sein Plattenlabel twoFinger Records. In den ersten Tagen der Pandemie wurde er zu einem der größten Hersteller von Gesichtsmasken in Deutschland und war einer der ersten im Land, der NFTs prägte. Kliemann gestaltete das baufällige Hausboot einer verstorbenen deutschen Country-Legende in ein Wohn- und Musikstudio um und machte aus dem Projekt eine Netflix-Doku-Serie – schließlich dokumentiert er immer alles, was er tut.

»Jeder, der schon einmal etwas gegründet oder etwas verwirklicht hat, kennt diesen Moment, in dem es sich wirklich gut anfühlt«, sagt er. »Wenn ich dieses Gefühl habe, weiß ich immer, dass das Ergebnis erstaunlich sein könnte und dass es viel zu lernen gibt. Und dann mache ich mich sofort an die Arbeit.«

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Für Kliemann bedeutet das, dass er umgehend loslegt. Eine Idee bleibt nicht lange auf einem Notizblock oder in seinem Kopf; er entwirft ein Logo dafür, baut eine Website oder einen Prototyp oder prüft so schnell wie möglich, ob eine Marke für sie verfügbar ist. Innerhalb einer Woche wird aus einer Idee ein minimal lebensfähiges Produkt, das sich seine Freunde ansehen können.

Kliemanns Team von Kreativen ist so vielfältig wie seine Interessen. Sie tauschen Ideen über Slack, Telefonate und WhatsApp aus. Und die Ideen, die das Testen und Prüfen überstehen, landen in Dropbox, wo Fynn Kliemann alle seine Gedanken speichert, die zu Projekten werden. 

»Dropbox ist tief in mein Leben eingebettet«, sagt er. »Jedes einzelne Unternehmen arbeitet einfach damit. Die Daten, alle Zeichen, jedes Logo, alles.« Jeder freigegebene Ordner ist Teil des Prozesses von Fynn Kliemann, wenn er – wie er es ausdrückt – »eine dumme Idee nimmt und dann … etwas Definitives daraus« macht. Werfen wir einen Blick auf einige dieser Ideen.

Er postete seine Arbeit über Instagram Stories an seine hunderttausende von Followern. Nachdem die Leute in seinen DMs fragten, ob sie seine Arbeiten kaufen könnten, erstellte Kliemann einen PDF-Katalog mit den 120 Mixed-Media-Gemälden, lud ihn auf Dropbox hoch und schickte den Link per MailChimp an 15.000 Personen. »Schreibt mir, was ihr wollt«, textete er in der E-Mail, »und ich schicke euch eine Rechnung. Innerhalb von 20 Sekunden hatte ich etwa 500 E-Mails«, so Kliemann. 

Mit jedem verkauften Bild aktualisierte er den digitalen Katalog auf Dropbox mit einem traditionellen Ausstellungssymbol – einem roten Punkt, der darauf hinwies, dass das Bild nicht mehr verfügbar war. Der ganze Katalog war in kürzester Zeit ausverkauft.

 

 

Eines von Fynn Kliemanns neuesten Geschäften nennt er LDGG. Er kauft alte Ruinen in ganz Deutschland und saniert sie. Die Abkürzung steht für »Lass dir gut gehen«, und alle Immobilien haben eine typisch kliemannsche Hintergrundgeschichte. Sie sind einzigartig wie das kleinste Haus Deutschlands oder ein Wasserturm, oder sie stehen bereit für Rückbau und Sanierung wie beispielsweise ein ehemaliges Stasi-Feriengelände mit 24-Zimmer-Haus, Restaurant und Bungalows. 

LDGG besteht aus vielen der Leute, die man in seinen Videos sieht, darunter auch seine Freundin und Jugendliebe Franzi. Sie sanieren, renovieren, möblieren und gestalten die Häuser. Manchmal beschaffen und produzieren sie sogar selbst Materialien – sie haben sogar ein Büro in Portugal eröffnet, um Porzellan herzustellen.

Das Ziel ist es, dass die Menschen die Objekte schließlich über ein kontaktloses, automatisiertes System mieten können – eine Art Kliemann-Version von Airbnb. Für Kliemann, den selbsternannten König des Heimwerkens, ist das eine logische Konsequenz. Die Immobilien bringen ihren Anteil an Herausforderungen (z.B. kein Strom oder kein Anschluss an die Kanalisation) mit, die er durch die Zusammenarbeit mit Architekten, Bauleitern und Planern in Dropbox löst. Die großen Teams haben dort Zugriff auf Baupläne, Genehmigungen und, nun ja, auf alles. Und sie brauchen diese eine Quelle der Wahrheit – schließlich ist es nicht trivial, sich mit Wasserschäden, kaputten Dächern, mehreren Baugenehmigungen und Ähnlichem auseinanderzusetzen.

Im Jahr 2016 kaufte Kliemann ein etwas mehr als vier Hektar großes Grundstück in Rüspel, einem kleinen Dorf in Norddeutschland, eine Autostunde westlich von Hamburg, und nannte es Kliemannsland. Was als Möglichkeit begann, zu arbeiten, ohne die Nachbarn zu stören, hat sich zu einer Art kreativer Bewegung entwickelt. Wie es sich für Kliemann gehört, wurde eine Website eingerichtet, auf der mehr als 50.000 Menschen registriert sind, die daran interessiert sind, »Bürger« dieses neuen »Landes« zu werden.

Tausende dieser Bürger haben sich auf Rüspel eingefunden, um Kliemann zu helfen, das Grundstück in den »anarchischen Spielplatz« ihrer kollektiven Träume zu verwandeln. Für Kliemann ist das Kliemannsland kein Ort, sondern eine Lebensform. »Es spielt keine Rolle, woher du kommst, wie du aussiehst… es spielt keine Rolle, ob du viel oder wenig Geld hast oder gar keins«, sagt Kliemann. »Es spielt auch keine Rolle, ob man etwas kann oder nicht. Man begegnet den Menschen auf Augenhöhe und lernt und bringt anderen etwas bei und kümmert sich umeinander.« Klar klingt das idealistisch. Aber so einzigartig Kliemannsland auch ist, es ist ähnlich wie die Utopien davor: Ein Versuch, sich die Dinge nicht so vorzustellen, wie sie sind, sondern wie der Schöpfer denkt, dass sie sein könnten.

 


Bilder: © Kliemann

 

 

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