Emotion und Kreativität – Wir arbeiten besser mit Menschen, denen wir vertrauen

»Zu viele Leute denken immer noch, die Arbeit sollte nicht allzu viel Spaß machen«, sagt Jitske Kramer. Dies sei auch der Grund, warum viele Büros nach wie vor so schrecklich aussehen. Die niederländische Unternehmensanthropologin reist um die ganze Welt, um Kulturen kennenzulernen – und um von ihnen zu lernen. Sie empfiehlt, dass wir bei der Wahl und Ausstattung unseres Arbeitsortes emotionaler und kreativer werden und ihn nach unserem Tagesrhythmus auswählen.

Um den Kulturschock Corona zu überwinden, hilft mehr Klavier und weniger Excel, sagt Kramer im Interview mit NWX Magazin-Mitarbeiterin Maria Zeitler anlässlich ihres Auftritts bei der NWX21.


Wir sind soziale Wesen und wollen in einer Gruppe leben – also im Großraumbüro arbeiten?

Es ist schön, in einer Gemeinschaft zu sein und bei der Arbeit (nach Corona wieder) alle Kollegen zu sehen. Aber man kann auch alles hören. Ab und zu brauchen wir einfach ein Gespräch unter vier Augen, in dem wir etwas diskutieren können, was nicht jeder wissen muss. Wenn es diese Räume nicht gibt, schaffen wir uns heimliche Ecken – so wie Kinder sich eine Höhle bauen, in der Mama sie nicht sehen kann. Das kann passieren. Deshalb ist es gut, wenn Unternehmen Räume für unterschiedliche Bedürfnisse schaffen.

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Also hin zum hybriden Arbeiten?

Ja, wobei ich empfehle, auf den Rhythmus zu achten: Im Großraumbüro herrscht der schnelle, durchgetaktete Rhythmus des Tagesgeschäfts. Wenn ich aber an der Strategie für die nächsten zwei Jahre feile, brauche ich einen ganz anderen, ruhigeren Rhythmus. Und wenn ich gerade nur über etwas nachdenken muss, kann ich das auch bei einem Spaziergang tun.


Was muss sich noch ändern in Büros?

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Menschen wollen gern »loyal to the logo« sein, sie wollen sich gern mit der Story und der Idee des Unternehmens identifizieren. Es gehört zu unserem Wesen, dass wir irgendwo dazugehören möchten. Das müssen Unternehmen dann in die Dimension Raum übersetzen, damit sich die Mitarbeiter ein bisschen zuhause fühlen.


Brauchen also alle durchgestylte Work-Spaces wie in der Techwelt?

Sicher nicht. Dort herrscht oft fast schon ein Rhythmus der Freizeit, der nicht in jedes Unternehmen passt. Man muss eine gute Balance finden. Fangen wir doch ganz einfach an: Warum gibt es Büromöbel? Niemand würde sich sowas zuhause hinstellen und sich wohlfühlen. Wer denkt sich: »Hey, wir geben ihnen hässliche Möbel, dann werden sie sicher hart arbeiten?« Zu viele Leute denken immer noch, die Arbeit sollte nicht allzu viel Spaß machen und es sollte im Büro nicht allzu schön sein, um die Menschen nicht abzulenken. Es ist aber die Hauptaufgabe von Führungskräften, die Arbeitsumgebung so zu gestalten, dass die Menschen bestmöglich arbeiten können.


Sie sagen, man kann viel von anderen Kulturen und ursprünglich lebenden Stämmen, die Sie in Afrika besucht haben, lernen. Was können wir uns da in Bezug auf Corona abschauen? 

Remote Working lässt sich gut mit dem »Arbeiten« nomadischer Völker vergleichen. Sie leben auch nach dem Motto: Die Arbeit ist da, wo wir sind. Die Gruppen bewegen sich unabhängig voneinander und dennoch haben Sie ein Zugehörigkeitsgefühl: Ich gehöre zu diesem Stamm. Warum? Sie treffen sich ein einziges Mal im Jahr, alle zusammen: Da werden Geschichten erzählt, Hochzeiten gefeiert, Konflikte bewältigt, es wird gesungen und gemeinsame Symbole werden gefeiert. Sie schaffen Erinnerungen, die Jahrzehnte lang anhalten.


Und wie lässt sich das in moderne Unternehmen übersetzen?

Sie können zum Beispiel ein regelmäßiges Townhall-Meeting etablieren. Wichtig ist, dass wir nicht nur auflisten, was wir erreicht haben – oder hatten Sie schon viele Bullet-Point-Meetings, an die Sie sich in zehn Jahren noch erinnern werden? Es geht um Gefühle und Erinnerungen: Man muss nicht jedes Mal eine Party starten, aber vielleicht spielt einer der Kollegen gut Klavier und sitzt gerade im Home Office. Warum also nicht den Videocall einmal mit fünf Minuten Klaviermusik beginnen? Oder eine Kollegin liest aus dem Buch vor, das sie gerade spannend findet – oder trägt ein Gedicht vor. Natürlich fühlt sich das erstmal künstlich an, aber es schafft Erinnerungen und Vertrauen. Und wir arbeiten besser mit Menschen, denen wir vertrauen.


Gerade Führungskräften geht diese »Fernbeziehung« nicht leicht von der Hand.

Das ist verständlich, denn sie müssen mehr Kontrolle abgeben und Vertrauen aufbringen, obwohl sie ihre Mitarbeiter nicht sehen. Aber es zu lernen, ist wichtig, denn nach Corona wird nicht alles werden wie zuvor. Sie müssen diese Beziehung pflegen, um das Vertrauen herzustellen. Wenn man in einer Fernbeziehung als Paar nur jeden Freitag eine Excel-Tabelle teilt, in der steht, was man diese Woche gemacht hat, wird die Liebe auch sterben. Wir brauchen ab und zu einen handgeschriebenen Brief, einen Song, ein Dinner über Zoom.


Was bleibt nach Corona?

Es wird nicht bleiben, wie es jetzt ist und es wird nicht mehr werden, wie es war. Niemand wird sich mehr zwei Stunden in den Stau stellen, um dann im Büro seine Mails zu lesen. Wir werden viel mehr danach entscheiden, welchen Rhythmus und welche Menschen wir für die Arbeit brauchen, die heute zu tun ist. Arbeit und Freizeit werden verschwimmen. Die Arbeitszeit der Menschen kann man nicht kontrollieren. Und warum überhaupt? Wir müssen uns klar machen: Wir bezahlen Menschen nicht für ihre Zeit, sondern für ihre Arbeit. Das wird den Unterschied machen.


Das Interview führte Maria Zeitler. Die Gesprächpartnerin Jitske Kramer ist Unternehmensanthropologin und bringt ihre Erfahrungen als Rednerin, Autorin und Unternehmerin von Human Dimensions in die Welt der Organisationen. Erkenntnisse und praktische Impulse teilt sie in Büchern wie »The Corporate Tribe« und »Deep Democracy«.
https://nwx.new-work.se/themenwelten/kultur/interview-mit-jitske-kramer-von-nomaden-kann-man-viel-furs-remote-working-lernen-1

 

Illustration: © Vicky Varotariya/shutterstock.com; Nils Hasenau

 

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Whitepaper: Framework der Algorithmischen Produktionsarchitektur

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